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Sobre las Olas_space11

Diango Hernández Sobre las olas Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2016 Foto: Diango Hernández

Musik an

Dieser Ort ist ein Ballsaal. Eine Einladung zum Tanz. Unter den orangenbesetzten Leuchtern und zwischen den sandgefüllten Holzbänken, vorbei an der Erinnerung an einen Palmwedel, zwischen Körpern und Gesichtern hindurch, von Raum zu Raum, ohne Türen, ohne Wände, nur Andeutung von Architektur, nur Andeutung einer Geschichte, einer Erfahrung.

Und in den Drehungen und Bewegungen des Körpers streift der Blick über die Farben der Leinwände und verinnerlicht den Rhythmus der Wellen.

‚Sobre las olas‘

Sobre las Olas_space8

Diango Hernández
Sobre las olas
Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2016
Foto: Diango Hernández

Einige Elemente der Ausstellung in der Kunsthalle Lingen kenne ich noch aus Morsbroich, wo sie – die Bänke, das Palmblatt, die Leuchter – eine ganz eigene wie starke Verbindung zu den Räumen eigegangen waren. ‚Theoretical Beach‘ hieß die Ausstellung damals, und war damit schon im Namen auf den festen Grund gebaut, den die Schloßarchitektur ihr gab. Sie war gleichsam der Blick aus den Grenzen der Insel auf die Unendlichkeit des Wassers.

Hier, in Lingen, spüre ich diese Unendlichkeit im Blick auf das Land. Ich sehe seine Elemente in der Ferne, nur Details, aber bezeichnend. In der Ferne ist der Strand, sind die Palmen, die Häuser, ist Zivilisation, ist der Mensch in seinem Zuhause, in seiner Zeit, in seiner Gesellschaft.

Aus der Ferne werden die Irrungen und Wirrungen, die Widersprüche, Herausforderungen, Qualen, Sackgassen und die Endlichkeit des Lebens zu den sanften Wellen des Meeres.

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Diango Hernández
Sobre las olas
Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2016
Foto: Diango Hernández

Ich stehe vor den zwei großen, neuen Arbeiten, die für diese Ausstellung entstanden sind.

‚Las paredes del mar‘

Die Wände des Meeres sind die Geschichten, die Menschen aufs Land tragen. Über dem Blick auf die unendliche Freiheit, das Farbenspiel des Wassers, über dem Sonnenuntergang, dem Strand in der Ferne, liegt der Schleier der Ideologie. Es gibt vermutlich kein Entrinnen vor der dauerhaften Konfrontation.

Aber Diango Hernández hat für sich – und für uns, wenn wir es wollen – einen Ausweg aus der Trostlosigkeit dieser dauerhaften Konfrontation gefunden. Er wandelt den Stein des manifesten Beharrens, die Lüster einer glanzlosen Dekadenz und die druckerschwarzen Wortgefechte einer großmütterlichen Unnachgiebigkeit in Schönheit, die Erinnerung ermöglicht.

Vor allem, hinter allem, über und unter allem ist Kuba, die Heimat, der Sehnsuchtsort. Diese besondere Insel, in der sich die geologischen Eigenschaften einer Insel und ihre geografische Lage mit den politischen Ereignissen einer Geschichte von Revolution und Sozialismus zu einer ganz eigenen Welt vereinen.

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Florencio Gelabert: Mujer parada, 1956 (Gips) Florencio Gelabert: Santa, 1948 (Gips) ABYA: Negra cubana, 1952 (Holz) Juan Miguel Rodríguez de la Cruz: Vaso floral, 1952 (Keramik) Vega: Cabeza Mestiza, 1965 (Holz) Fermín Sotmayor: Cabeza de negrito, 1950 (Bemalter Gips, Eisen) Courtesy Diango Hernández und Anne Pöhlmann, Düsseldorf

Hernández wandelt Unerreichbarkeit und Unzulänglichkeit in die Bilder und Gesten, die er braucht, um der romantischen Gefühle habhaft zu werden, die schließlich als Rückzugsort bleiben.

Dazu gehört auch diese, seine, wunderbare Sammlungen von Skulpturen, Masken und Bildern aus den 40er bis 60er Jahren, die kubanische Künstler geschaffen haben, und die,  von der ‚mujer parada‘ bis zum ‚Cabeza de Negrito‘, von Individualität und Vielfalt erzählen.

Die Wellen und Früchte, Sandbänke und Palmblätter, die Masken und Skulpturen, sind seine Schlüssel und Codes um überall in der Welt auf Kuba sein zu können.

‚Sobre las olas‘ – ‚Über den Wellen‘ – heisst die Ausstellung in Lingen.

‚Sobre las olas‘ heisst der vielleicht bekannteste Walzer Lateinamerikas, geschrieben 1888 von einem jungen Mexikaner, Juventino Rosas, der wenige Jahre später, auf einer Reise durch Kuba,  starb.

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Diango Hernández Sobre las olas Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2016 Foto: Kai Eric Schwichtenberg

Über die Wellen, aus Mexiko, kam 1956 ein Boot mit dem Namen ‚Granma‘, und auf ihm, nach einer langen Reise durch Tage und Nächte, durch Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, die Revolution an Kubas Küste.

‚Granma‘ heisst bis heute die offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas, das geschriebene Weltbild einer Insel, die die Welt ist. Das Weltbild der Revolution, die schließlich die Zukunft aus den Augen verloren und vergessen hat, das Weltbild von Fidel und Raúl und Che und…

Die Texte, die die Wellen in den Gemälden von Dialog Hernández sind, stammen aus dieser Zeitung, sind ihre Worte, ihre Geschichten, ihre Ideologie, ihre Botschaften.

‚Aprendiendo a leer‘

Ich kann den Code nicht entschlüsseln, ich kann nicht lernen, diese Texte zu lesen, ich kann nur lernen zu lesen. Ich kann lernen, jede Schwingung, jeden Ton und jede Pause als gleichberechtigte Bestandteile einer Geschichte zu spüren. Ich kann lernen, dass es manchmal gut ist, wenn aus etwas Schwerem etwas Leichtes wird, wenn alles Welle wird und sich alles über die Wellen hebt.

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Sunsets (Sonnenuntergänge), 2015, Kreide und Tusche auf Buchseiten 50 Doppelseiten entnommen aus dem Buch „La Guerra de Guerrilas“ courtesy Galerie Barbara Thumm, Berlin

Über den Krieg, über die Kämpfe, über die Sabotage, die Vereinnahmung, den Aufruf zum Widerstand, über die Revolution als System und Spirale immerwährender Gewalt, über die Anleitungen zum Terrorismus in ‚La Guerra de Guerrilas’ gehen die Tage in Wellen hinweg. Die Sonne geht auf, und sie geht wieder unter, der Rhythmus ihrer Bewegung bestimmt den Rhythmus unseres Lebens.

‚Sunsets‘

Wenn die Nacht beginnt, in der Dunkelheit, besteht Hoffnung. Der nächste Tag ist ein Versprechen gegen jede Ideologie, er ist Garantie der Natur, das wahre Meisterwerk an Beständigkeit und Schöpferkraft und vielleicht ist er auch eine Erlösung.

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Diango Hernández
Sobre las olas
Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2016
Foto: Kai Eric Schwichtenberg

Ich habe mich in eine Ecke der ehemaligen Fabrikhalle gesetzt, unter das Palmblatt, mit einem wundervollen Blick auf den Strand und die Räume und Menschen in der Ferne, die da in all ihrer Unterschiedlichkeit stehen. Ich bin angekommen auf der Insel, getragen von den Geschichten der Wellen und der Melodie von ‚Sobre las olas‘. Ich stelle mir vor, wie sich der Raum verwandelt, wie aus dem Takt der Geschichte der Takt des Walzers wird, der so viel Freiheit hat, eine Geschichte zu erzählen, der so viel mehr trägt, als jede Ideologie, und der einen trotzdem ganz einnimmt für einen Ort, eine Person, einen Moment. Ich stelle mir vor, wie wir tanzen. Ich stelle mir Kuba vor, oder meinen Sehnsuchtsort, alles ist hell, frei, in Bewegung.

Darin liegt das Geheimnis und die große Kraft der Arbeiten von Diango Hernández: seine Geschichte, seine Sehnsucht, seine Insel kann und darf zu unserer werden. In dieser Freiheit gibt es aber keine Beliebigkeit. Seine Geschichte bleibt, sein Verlangen und seine Sinne sind die Maßgabe für die Freiheit.

Ich schließe meine Augen und denke mir diese Geschichte:

‚Dieser Tanz gehört dir.
Ich hatte dein kleines Boot schon in der Ferne erblickt. Es kam vom Festland herüber, und indem der Horizont immer weiter in der Unendlichkeit des Meeres verschwand, wurde der tanzende Punkt in den unsichtbaren Tälern und auf den ungeahnten Bergen zu einer Sehnsucht, einer Bedeutung, einer Gewissheit – zu dir.
Wir haben später nie über diesen Abschied gesprochen. Das mussten wir nie. Jedes ungesagte Wort war gut genug, jeder Blick die ganze Geschichte. Auf dem Weg zu dir war der Sand unter meinen Füßen kühler geworden und das Meer sickerte in meine Spuren, und löschte sie gleich hinter mir wieder aus, so wie die Wellen deine Spuren auf dem Weg zu mir.
Niemandem haben wir so viele Geschichten erzählt, wie dem Strand und dem Meer. Und wir können sicher sein, dass jede von ihnen wie ein Geheimnis gehütet wird.
Das Gefühl der Wellen begleitet einen manchmal noch über Tage. Erst noch den ganzen Körper, als wäre er Teil der Bewegung. Und manchmal muss man kurz stillstehen, weil das Meer in einem zu aufbrausend wird. Manchmal fühlt es sich an, wie dieser kurze Augenblick, indem die Trunkenheit noch Freude ist.
Dann ist das Meer ein Tanz.
Ist dir schon einmal aufgefallen, dass jede natürliche Bewegung der Elemente ein Tanz ist? Diese Tänze sind so leise und kraftvoll, sinnlich, betörend, bedrohlich, sind Aufbegehren und Hingabe. Und immer liegt eine Melodie über ihnen.
Erinnerst du dich noch an die Sommertage, an denen wir uns tanzend in den Armen lagen, zwei sich vereinende Gegensätze waren? Wir haben der Melodie gelauscht, sie verinnerlicht und den Raum um uns bewegt. Wir haben die Geschichten, die der Wind vom Meer zu uns getragen hat, mit unseren Körpern weitererzählt, wie die Stifte einer Drehorgel.
In unserer Bewegung war Sicherheit und Verlässlichkeit. Wir haben uns an dieser Stelle getroffen. Eine Insel ist zu gleichen Teilen Meer und Land, ein Strand zu gleichen Teilen Sand und Wasser, ein Tanz zu gleichen Teilen Bewegung und Stillstand, ein Satz, von dir, von mir, zu gleichen Teilen Schwingung und Ruhe.
Nichts denkt sich ohne sein Gegenteil, ohne Anfang, ohne Ende.
Indem wir in der Bewegung immer wieder um das Gleichgewicht kämpfen mussten, haben wir zu unserer Stärke gefunden. Das ist es wohl, was man Liebe nennt.
Und in der Liebe steckt die Sehnsucht, und immer auch der Realitätsverlust. Heute, hier, allein in diesem großen, lichten Raum, sehne ich mich nach ihren Früchten, sehne ich mich nach dem Strand, sehne ich mich nach der Sonne, sehne ich mich nach den Wellen. Nichts Böses dringt zu mir durch, alle Töne in Gedanken werden zu einer Melodie, meiner Melodie, unserer Melodie.
Ich bin ganz froh, dass ich diese Melodie, unsere Musik, nicht ständig höre. Sie ist da, wenn ich sie brauche, sie bringt Licht in die Dunkelheit, Leichtigkeit in schwere Zeiten, sie ist Antrieb für eine Bewegung aus dem Stillstand, Mittel zum Zweck.
Dann erinnere ich mich wieder an die Geschichte, die ich einmal gehört habe, darüber, warum so viele Revolutionen gescheitert sind. Wenn der Weg das Ziel ist, dann muss es das Ziel auch geben. Sonst lohnt der Weg nicht. Ein Vorwärts um der Bewegung Willen ist Stillstand.
Wir haben nie über den Abschied gesprochen. Er gehörte einfach ganz selbstverständlich zur Geschichte, zu uns. Ich habe dir eine kleine Erinnerung mitgegeben, etwas, das du sehen kannst und berühren kannst, wenn du möchtest. Ich habe sie mit Bedacht gewählt, weil sie mich an dich erinnert, und dich bei dir an uns erinnern soll.
Vor mir steht die kleine Statue, die du mir über das Meer gebracht hast. Sie bleibt von dir und uns. An manchen Abenden, wenn mir alle Geschichten zu schwer werden, dann lösche ich das Licht in diesem großen Raum, lege all deine Briefe in eine dunkle Ecke und nur vor die kleine Statue stelle ich, schräg unter sie, eine Kerze, die schon nur noch einen Daumen hoch ist, und zünde sie an.
Und dann schaue ich auf das Spiel von Licht und Schatten an der Wand, nehme die Bewegungen in mich auf und höre in der Ferne unser Lied über den Wellen.
Indem ich an dich denken kann, habe ich mehr gewonnen, als ich jemals verlieren konnte.’
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Diango Hernández Sobre las olas Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2016 Foto: Kai Eric Schwichtenberg

Diese Ausstellung ist ein Tanz über den Wellen, eine Geschichte jenseits der Geschichten, ein Traum und die Kraft der Illusion, in der wir uns verlieren können um ein Zuhause zu finden.

Mehr kann man nicht erhoffen, mehr ist kaum denkbar.

 

Diango Hernández – ‚Sobre las olas‘, in der Kunsthalle Lingen, bis zum 17. September

Di – Fr 10.00 – 17.00 Uhr, Sa, So 11.00 – 17.00 Uhr

 

Und jetzt noch ein Abstecher nach Dortmund!

Der Dortmunder Kunstverein präsentiert derzeit Arbeiten von Diango Hernández und Anne Pöhlmann unter dem Titel ‚Two Destinations‘.

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Ausstellungsansicht ‚Two Destinations‘ im Dortmunder Kunstverein Foto: Kai Eric Schwichtenberg

In der Fensterfront des Kunstvereins, der für die Dauer dieser Ausstellung nicht betreten werden kann, finden sich an Querstangen aufgehängte Stoffbahnen, auf denen Anne Pöhlmann fotografische Erinnerungen ihrer Japanreise aufgedruckt hat, wie auch Gemälde von Diango Hernández, Strandszenen im impressionistischen Duktus.

Sowohl die Fotografin, als auch der Maler, nutzen ihr jeweiliges Medium, wie auch die Gegebenheiten der Räumlichkeit und die Tatsache, dass er verschlossen bleibt, für eine äußerst subtile wie bestechende Auseinandersetzung mit den Themen Heimweh und Fernweh, Erinnerung und Sehnsucht, Erreichbarkeit, Ferne und die Spiegelung aller Gefühle auf uns und unsere Umgebung zurück.

Der Stoff, ein Produkt, dem wir Nähe zum Körper zubilligen, sei es als Kleidung, als Bettwäsche, als Handtuch, trägt die Erinnerungen an die Reise in die Ferne. Die Orte, Menschen, Augenblicke und Dinge werden im wörtlichen Sinne verstofflicht, Erinnerungen verweben sich mit Material zu einer dauerhaften Einheit.

Strand heisst immer Erinnerung. Er ist das Synonym für Urlaub, Erholung, Sonne, Meer. Für Diango Hernández ist Strand auch und vielleicht vor allem Erinnerung an die Kindheit und Jugend auf Kuba, ein besonderer wie alltäglicher Ort, der für ihn auch immer Grenze war. Der impressionistische Stil der Bilder überträgt diese Sehnsucht, Schönheit und Erinnerung direkt und erfahrbar auf uns.

Die Fensterfront, durch die wir diese Arbeiten betrachten müssen, verdoppelt quasi eine Erfahrung, die sich in der Auseinandersetzung mit Kunst häufig einstellt: Erreichbarkeit wir hier nicht nur in Bezug auf die Erklärbarkeit der Motive und Themen, sondern ganz körperlich auch auf die Unmöglichkeit bezogen, diesen Werken näher zu kommen, als eben bis zur Scheibe.

Und in der Scheibe sehen wir uns schließlich selbst und werden, zusätzlich zu den zwei Zielen, die sich geografisch und im Titel auf Japan und Kuba beziehen mögen, auch der Konfrontation mit uns selbst gewahr. Dann ist die gezeigte Ferne die Sehnsucht und das Spiegelbild die Realität. Dann können wir uns entweder eingesehen, dass wir im Hier und Jetzt sind, oder uns am Strand Kubas oder am Berg Fuji denken, indem wir Spiegelbild und Abbild übereinander legen.

‚Two Destinations‘ im Dortmunder Kunstverein, bis zum 25. August. Eine Reise wert, nicht nur für all jene, die diesen Sommer zuhause verbringen.

 

 

 

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