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Im Juli 2015 schrieb ich in diesem Blog über eine Ausstellung von Diango Hernández in der Kunsthalle Münster unter anderem: ‚Heimat haben und Heimat verlassen, Heimat als ideologische Konstruktion erleben und Heimat als Sehnsuchtsort verstehen – in diesen Wellen schwingen alle Emotionen.‘ Selbst der kühle Ort der Halle damals trug diese Idee davon, dem Wort, der Rhetorik, der Ideologie, der Insel, dem Meer, der Sehnsucht, dem Ankommen und Abreisen, ein Bild zu geben, das Bild der Wellen.

Diango Hernandez Theoretical Beach

Las luces del capitolio, 2016 8 Arbeiten / 8 works Aluminium und Orangen / Aluminium and oranges Foto: Anne Pöhlmann

In der Ausstellung ‚Theoretical Beach‘ im Museum Morsbroich nun wandelt sich diese Idee in sinnlich erlebbare Räume. Hier nimmt sie  den Besucher ein und trägt ihn durch die kleinen und großen Zimmer, Säle, Gänge und Kabinette des Schlosses.

Sehnsucht ist kein Ort der Trauer, Sehnsucht ist der Beginn einer Reise.

Wenn die Gewalten der Hurrikans Wind und Wasser als gewaltige Bewegung an Land werfen, greifen sie nach der Natur wie nach jedem Stück Zivilisation ohne Unterschied.

 

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Serie ‚Hurricane‘ (‚Flora-1963′,’Hilda-1964′,’Camille-1969′,’Agnes-1972′,’Ione-1955′,’Marylin-1995′,’Diane-1955‘), 2016 Courtesy der Künstler und FL Gallery Foto: Anne Pöhlmann

Diango Hernández’ ‚Hurrikan‘ im zentralen Raum des Erdgeschosses, der aus sieben, sich windenden und an bald unsichtbaren Fäden hängend Metallstäben besteht – jeder von ihnen einem Sturm aus den Jahren 1955 bis 1995 ‚gewidmet‘ – ist die manifeste Idee von ‚Ergriffen sein‘.

Sobald man sich in diesen Raum begeben hat, werden einen die Kräfte der Natur nicht mehr loslassen. Ihr Griff aber wird ein überraschend sanfter sein, eher der eines freundlichen Begleiters und Beschützers, eines Erzählers und Träumers.

Diango Hernandez Theoretical Beach

Anne reclinada en la orilla, 2016 Öl auf Leinwand und Aluminiumrahmen Foto: Anne Pöhlmann

Die Erzählung und ihr Motiv – im wortwörtlichen wie im künstlerischen Sinne – nehmen den Besucher auf, die Wellen an den Wänden der Ausstellungsräume werden das vielschichtige Narrativ, die treibende Kraft und stetige Erinnerung an die Besonderheit einer, dieser Insel: Kuba.

Sie ist Zentrum und letzter Rückzugsort einer Ideologie, sie ist die Heimat des Künstlers, die Heimat seiner Eltern, sie ist Sehnsuchtsort, Ort der Identität und ein unendlicher Strand.

Die Wände, die Räume des Museums werden in der Ausstellung zu diesem Strand, an den die Kräfte des Meeres und der Winde, wie die der Gedanken und Ideologien, immer wieder Treibgut spülen.

Strandgut: Palmblätter, Holz, Muscheln, Metall und Kunsthandwerk. Hernández erzählt die Geschichte der Insel als besonderem Ort auch als Geschichte der Einflussnahme. Von überall drängen die Elemente auf sie zu, immer ist mehr ‚Außen‘ als ‚Innen‘ und ‚überleben wollen‘ heisst ‚sich behaupten müssen‘.

Diango Hernandez Theoretical Beach

La Noche en la Playa, 2016 Öl auf Leinwand und Holz / Oil on canvas and wood Foto: Anne Pöhlmann

Gerade diese Idee des ständigen Kampfes tragen ja die Wellen über die Wände. Fidel Castros unermüdlich ermüdender Versuch in die schier unendliche Länge seiner Reden die Substanz seiner Vorstellung eines sozialistischen Inselstaates, eines Kampfplatzes gegen den Imperialismus und für Gerechtigkeit und Gleichheit aller zu legen, wird Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe, zu einer brandenden Bewegung, die alles wie die Flut überschwemmt, wie ein Hurrikan verwirbelt. Jeder Wellenkamm ein Buchstabe, kombiniert zu ‚Wellenwörtern‘, ‚Wellensätzen‘.

Dem Besucher am ‚Theoretischen Strand‘ dieser Insel bietet sich aber nicht das Bild einer von Ideologie, Armut, Unterdrückung, Kampf und Düsternis gezeichneten Insel. Hernández‘ Theorie lässt durch und mit seiner Kunst einen anderen Blick zu:

Diango Hernandez Theoretical Beach

La camisa del domingo, 2016 Bauwollhemd, Muschel, Bronze und Holz / Cotton shirt, sea shell, bronze and wood Foto: Anne Pöhlmann

den Blick auf den Strand bei Nacht, auf Sonnenschirm und Handtuch, die Boote, die Feste, die Freunde, die Pflanzen, das eigene Zuhause, das Sonntagshemd. Einen Blick voller Leichtigkeit, mit dem Geruch der Karibik, dem Gefühl von Sonne auf der Haut, Sand unter den Füßen, Musik in den Ohren, mit Orangen, die auf den simplen Lüstern an den Decken für eine exotisch ungewohnte ‚Beleuchtung‘ sorgen.

Hernández lässt es sogar zu, dass mit absoluter Unwissenheit des Besuchers über die Geschichten der Wellen und die Geschichte des Künstlers all dies als Dekoration gelten kann. Schließlich hat, wer die Wellen an den Wänden zur Dekoration erklärt, vielleicht ohne es zu ahnen, die Ideologie hinter ihnen entlarvt: Schein, Trug, Kulisse. Dieses Wasser trägt nicht wirklich. Sicherheit und Geborgenheit bietet nur der private Raum, sei es als Ort oder als Gedanken.

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Ausstellungsansicht Morsbroich mit Guanabo, 2016 4 Bänke, Holz, Sand, weiße Acrylfarbe Four times adios, 2016 Diptychon, Öl auf Holzbrett El Aquario de Fidel, 2016 Öl auf Leinwand Foto: Anne Pöhlmann

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Ausstellungsansicht Morsbroich mit: Espada #207, 2016 Stahl, Sand, Muscheln Playas de Este, 2016 Tinte auf Offsetprint-Papier Courtesy Barbara Thumm Foto: Anne Pöhlmann

 

 

 

 

 

 

 

 

Und zu eben diesen Räumen, den Eckräumen des Schlosses, treiben die Wellen, bevor sie an ihren Schwellen anlanden. Mit den sandgefüllten Holzbänken ist in diesen Räumen der (rettende) Strand erreicht. Hier können die Augen, der Gleichgewichtssinn, der Körper, sich kurz von den Wellen und ihren Bewegungen erholen, hier hat man ‚festen Boden unter den Füßen‘, weiße Wände vor Augen.

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Diango Hernández Playas de Este, (Mars), 2016, Tinte auf Offsetprint, Papier Courtesy Barbara Thumm Foto: Anne Pöhlmann

Diese wunderbare, mit Raum, Erinnerung und Emotion so aufgeladene Ausstellung, schöpft einen Großteil ihrer Kraft aus der Symbiose, die Raum und Zeit in ihr eingehen. Die Räume des Schlosses Morsbroich sind hier keine Galerieräume für die Kunst, sie sind Container der Emotionen und Gedanken. Sie sind wie die Strömungskanäle, die Körper und Geist mit den Wellen leiten.

Mich berühren die Arbeiten von Diango Hernández vor allem, weil sie Raum und Zeit ernst nehmen, auch insofern, als dass sie ihre tatsächliche Größe nicht darstellen wollen, sondern immer einen Abschnitt, immer einen kurzen Einblick, immer ein Detail in der ständigen Veränderung.

Im zentralen Raum des 1. Obergeschosses, also quasi über dem ‚Hurrikan‘ (oder besser: den Hurrikans) im Erdgeschoss, begegnet man, als wäre man aus dem Aufwärtsstrudel des Sturmes hier abgeladen, der poetischen wie emotionalen Kraft dieser Erzählkunst in seiner ganzen Wucht: sich gegenüber hängen, in farbigen Wellenlinien abstrahiert, Mutter und Vater des Künstlers, zwischen ihnen an der Decke ein zweiarmiger Leuchter und an der Wand zum Fenster zwei Palmblätter hinter Plexiglas. Vier Gegenstände erzählen hier vor dem Hintergrund der Wellen die Bewegung einer Biografie von Heimat, Trennung und Wiederkehr, von Entscheidungen und den Strömungen des Lebens. Und indem wir als Besucher im Fluss der Ausstellung und in der Auseinandersetzung mit der Erzählung, der wir hier folgen, mit der wir hier ‚schwimmen‘, immer wieder in diesen Raum getragen werden, bleibt: Sehnsucht ist kein Ort der Trauer, Sehnsucht ist der Beginn einer Reise.

Diango Hernandez Theoretical Beach

La Pareja, 2016 Diptychon / Diptych Öl auf Stoff / Oil on fabric Je / each 52 x 47 cm Courtesy Marlborough Contemporary, London Foto: Anne Pöhlmann

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Ausstellungsansicht Morsbroich mit: La Pareja, 2016 Diptychon / Diptych Öl auf Stoff / Oil on fabric Courtesy Marlborough Contemporary, London Las dos hojas, 2016 Zwei Palmblätter und Plexiglas Las luces del capitolio, 2016 Aluminium und Orangen Foto: Anne Pöhlman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diango Hernández ‚Theoretical Beach‘, im Museum Morsbroich, bis zum 28. August

Donnerstag 11 – 21 Uhr (außer feiertags, dann nur bis 17 Uhr)

Dienstag, Mittwoch, Freitag – Sonntag 11 – 17 Uhr

Der Katalog zur Ausstellung, mit zahlreichen Abbildungen der Ausstellung in Morsbroich, sowie der Ausstellungen in der Kunsthalle Münster, in Mostyn und im K21 der Kunstsammlung NRW, erscheint im DISTANZ Verlag.

Weiterhin gilt:

Um diese Erfahrungen machen zu können, für den Genuss und für die Verführung, für den Ansporn und für die Offenbarung, den Einblick und den Ausblick, braucht es Museen und Menschen, die sich mit ihrer Arbeit diesem großen Ziel widmen. Museen sind Identifikationsorte und Gedankenpaläste, deren Wert sich weniger an den ausgestellten Werken, als vielmehr an dem Eindruck bemisst, den sie hinterlassen. Weder der Wert einer Sammlung, noch unzulässige Vergleiche von Besucherzahlen, dürfen dabei Grundlage für die Entscheidung über die Zukunft eines Hauses sein. Auch – oder vielleicht sogar gerade – Städte mit einer angespannten Haushaltslage, deren Ursache ja zumeist in einer strukturellen Veränderung der Wirtschaftslandschaft liegt und unter der viele der Einwohner leiden müssen, brauchen diese Orte des Selbstbewusstseins, der Kraft, der Stärkung – eben der Kunst!

Das Museum Morsbroich darf nicht Opfer einer Politik werden, die nicht die Ursachen wirtschaftlichen Wandels bekämpft, sondern Museen als Teil des Problems versteht.

https://www.openpetition.de/petition/online/offene-petition-fuer-den-erhalt-des-museum-morsbroich

 

 

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