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Julian_Schnabel__Flaubert_s_Brief_an_seine_Mutter__1988__c__VG_Bild-Kunst__Bonn_2017

Julian Schnabel, Flaubert’s Letter to his mother, 1988, Öl, zerbrochenes Geschirr und Bondo-Spachtelmasse auf Holz, AP 12 – 2 (481) Donation Yvon Lambert to the French State / Centre national des arts plastiques (France), On deposit at the Collection Lambert, Avignon © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Diese Geschichte muss noch geschrieben werden. Und sie muss noch erlebt werden. Sie kommt aus den Räumen und den Farben, den Formen und Bildern, den Stimmungen und Stimmen, aus Büchern, aus Gedichten, aus Romanen, Katalogen, Gesprächen.

Diese Geschichte geht noch von Raum zu Raum, durch alle Klimazonen, durch Welten, Länder, Städte, Gedanken. Sie ist noch ganz frei, nur Assoziation, nur die Luft, die sich bewegt, wenn sich Fenster und Türen öffnen.

Diese Geschichte spielt in New York, in Paris, in Vence, in Avignon, in Münster, sie handelt von Orten und Menschen. Sie ist Erinnerung und Vergegenwärtigung, Trauer und Freude, und ständiger Wandel.

Galerist_Yvon_Lambert

Yvon Lambert, Galerist und Sammler, Foto: © Guillaume Benaich

Diese Geschichte ist eine Sammlung, eine Wiederholung, ein Klang als Grundton für viele Melodien.

Diese Geschichte ist eine Ausstellung.

Yvon Lambert, der Kunsthändler, Kunstfreund, Künstlerfreund, Verleger, Buchhändler, Bücherfreund, Sammler, hat dem französischen Staat 2012 eine Geschichte zu treuen Händen gegeben. Über 600 Kunstwerke – Yvon Lambert ist Galerist und darum: im Wert von geschätzten 100 Millionen Euro – als Dauerleihgabe an die Stadt Avignon.

Ich merke, wie der Sammler hinter der Kunst verschwindet. Wie er sich nicht versteckt, aber einreiht, hinter die Passion, die Freundschaft, das Selbstverständnis, hinter künstlerische Freiheit. Und wie er gerade dadurch, so unaufdringlich bestimmt, Fixpunkt der Erzählung wird.

‚Von Christo bis Kiefer – Die Collection Lambert, Avignon‘, im Kunstmuseum Picasso.

Jean-Michel_Basquiat__Asbestos__1981-1982__Acryl_auf_Leinwand__c__VG_Bild-Kunst__Bonn_2017

Jean-Michel Basquiat, Asbestos, 1981-1982, Acryl auf Leinwand, FNAC 2013-0538, Donation Yvon Lambert to the French State / Centre national des arts plastiques (France), On deposit at the Collection Lambert, Avignon © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

‚Asbestos‘ – unzerstörbare Hülle für die Körper der Könige, die Asche aus dem Feuer, die Verbrennung und Auferstehung, die Geschichte vom Kreislauf des Lebens als Geschichte von Ewigkeit, Vergänglichkeit, Zerstörung, Hybris, Alchemie. Die Geschichte aus einer alten Zeit, die sich in der Gegenwart als Geschichte der Selbstzerstörung und Zersetzung erzählt, in der sich Fortschritt in Rückschritt kehrt.

Jean-Michel Basquiats Leben ist so eine Geschichte. Und in diesem Bild, sechs Jahre vor seinem Tod entstanden, braucht es nur das Wort, um sie zu erzählen. Glaube, Hoffnung, Irrglaube: alles ist da. Kraftvoll und in Auflösung, brennend, flehend, und mit diesem einen Wort: Verheißung und Gift.

Mitten in der Nacht ruft der Künstler beim Galeristen an. Braucht Geld, einen Vorschuss für Drogen, sein Asbest und die Schutzhülle, die das Werk erhält, aber den Körper verbrennt.

Lambert sieht ihn brennen und begleitet ihn – ohnmächtig wie alle – bis zum Verglühen. Er berichtet im Interview von den Holzschuhen, die Basquiat in Amsterdam kaufte, auf die er mit wenigen Worten nur Geschichten schrieb, die von der Unmöglichkeit der Schöpfung, von Kampf und Untergang berichten. Dieses schwere und beschwerende Schuhwerk, diese Worte – ‚TITANIC‘ – diese Last des weitergehen müssens.

Die Ausstellung im Picasso Museum beginnt den Weg durch die Sammlung von Yvon Lambert mit  einer Bibliothek der Bilder. In den Wörtern und Texten beginnen die Bilder und beginnt das Leben jenseits von Papier. Literatur inspiriert Kunst inspiriert Literatur. Lambert schätzt und feiert die Wegbereiter und Zeitgenossen, die frühen Photographen, die expressionistischen Texte, die direkten und indirekten Bezüge.

Étienne_Carjat,_Portrait_of_Charles_Baudelaire,_circa_1862

Étienne Carjat, ‚Portrait de Baudelaire‘ (1863)

Etienne Carjat fotografiert Baudelaire, der uns ansieht, der Carjat ansieht, dessen Kamera Baudelaire ansieht. Ein Kreislauf, ein Miteinander, und doch in jedem der Blicke die faszinierende Dokumentation eines Aufbruchs und einer Revolution. Mit ‚Les Fleurs du Mal‘ schreibt Baudelaire  Literaturgeschichte und wird Inspirationsquelle für kommende Generationen in Literatur, Theater, Malerei.

Nichts existiert ohne den ersten Gedanken. Und jeder Gedanke ist schon eine rätselhaft komplexe Struktur. Manchmal ist der Gedanke einfach der Name, wie der der großen Virginia Woolf  bei Kay Rosen, oder nur das, was bleibt, lange nach ihrem Tod, eines ihrer Instrumente – ihr Schreibtisch – im Gedankenbild von Gisèle Freund, manchmal ist der Gedanke wirklich nur Erinnerung, eine Chiffre, ein unlesbares Zeichen, ein Würfelwurf, wie bei Marcel Broodthaers oder Ellsworth Kelly. Das muss man gesehen haben, jede schwarze Linie, jene tanzenden Buchstaben, Farbpoesie im Gedicht ‚Un Coup de Dés Jamais N’Abolira Le Hasard‘ von Mallarmé.

Über seine Begeisterung, ja Obsession für Bücher und die Literatur berichtet Yvon Lambert eindrucksvoll im Interview, das dem Katalog zur Ausstellung vorangestellt ist.

‚Ich verbringe meine Zeit mit lesen, ich gehe in die Ausstellungen im Musée du Louvre, im Musée national d´art moderne des Centre Georges Pompidou und in der Bibliothèque nationale.‘ (S.13)

Er spricht über Kunst und Literatur mit Etel Adnan, Christo und Jeanne-Claude, Miquel Barcelo, Anselm Kiefer, Adel Abdessemed, Jean Cocteau, so vielen mehr, und:

Cy Twombly. Geschichtsbilder voller Zeichen, Artefakte in Schrift und Farbe, Buchstaben, Wörter, Striche, Wirbel, Glut, Leidenschaft, Erhabenheit, Gottheit, Teufel, Vergehen, Tod: Pan. 7 Bilder, 7 Elemente, ein Name, ein Punkt, eine Lebensgeschichte. Was für eine großartige Erzählung, ohne einen Satz zu verschwenden.

Geschichtsbilder voller Zeichen, wie jene von Louise Lawler, die fremde und alte Geschichten weiter und neu erzählen. Und ein ganzer Raum mit ergreifenden Photographien von Nan Goldin. Verstörend in den Bezügen, voller Verzweiflung, Sehnsucht, Liebe, Hoffnung, Glauben, Irrglauben. Der Mensch als Teil einer größeren Erzählung, eingeklemmt zwischen den Elementen, jenen der Schöpfung, wenn er an sie glaubt, die Halt geben sollen und  doch Wasser und Luft sind.

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Christian Boltanski, Monument Odessa, 1989, Fotografien, Glühbirnen, Metalldosen, Collection Lambert, Avignon © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Und was bleibt von der Erzählung eines Lebens am Ende vielleicht, vielleicht nur?

Vielleicht bleibt ein Foto, vielleicht eine kleine Schachtel geheimer Erinnerungen, vielleicht eine Kerze, ein Licht geteilter Erinnerung. Da sind diese jungen Augen, das breite und fröhlicher Lachen, das man bald zu hören glaubt, da ist Lebensfreude, Lebensbeginn. Und da sind die vielen Glühbirnen, wie ein Haus, wie ein Zuhause, wie Heimat und Geborgenheit, wie ein Fest, eine Familie.

Die Photographien in Christian Boltanskis Werk ‚Monument Odessa‘ sind Schwarzweiss, wie in Todesanzeigen, schemenhaftes Leben, reduziert auf Kontraste, fahle Erinnerung an ausgelöschtes Leben. Die Lichter haben diese Leben längst übergangen, die Kabel ziehen über sie hinweg, sie haben eine lange und verworrene Geschichte, aber auch sie haben keine Zukunft. Danach kommt nichts mehr. Die Lebensgeschichte bleibt ein verschlossenes Kästchen, ein Licht, das verglüht, eine Erinnerung, die nur durch Erinnerung lebt.

Boltanski erzählt keine individuelle Lebensgeschichte, eher die einer traurigen Allgemeingültigkeit von Werden und Vergehen in der Zeit. Auf den Photographien: jüdische Kinder, Purimfest, Frankreich, 1939.

Und wie viel unseres eigenen Lebens ist eigentlich das Leben, das wir in anderen sehen? Die Augen sind Spiegel der Seele und lebendiges Fenster. In ihnen ist jedes Geräusch, jede Bewegung, jede Jahreszeit, jedes Gespräch, jede Erinnerung, jede Begegnung, jeder Abschied, jeder Beginn für immer gebannt. Wenn wir unsere Augen sehen, erkennen wir uns selbst. Wie viel von uns selbst erkennen wir in unseren Augen, wenn wir sie in anderen sehen?

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Douglas Gordon, Selfportrait of You + Me (Simone Signoret), 2008, ausgebrannte Fotografie © Studio lost but found / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Franck Couvreur

Douglas Gordon nimmt Augen, um sie zu geben. Der Blick in die ausgebrannten Augenhöhlen offenbart den Blick auf uns selbst. Wir erkennen uns im Vergleich und in der Auseinandersetzung mit dem bekannten Fremden, vielleicht als Vorbild, vielleicht als abstoßendes Beispiel. Einmal so sein wie… Ein subtiles Spiel der Aneignung, des Was wäre wenn?, Hinterfragen des Ego und Selbstverortung. Ich ist ein Anderer.

Aber wer ist das? Kein Raum in dieser Ausstellung der wunderbaren Begegnungen hat mich so beeindruckt, wie der, in dem Barbara Kruger auf Andres Serrano und Jenny Holzer trifft. ‚Who do you think you are?‘ fragt Kruger in den Raum, weiße Lettern auf roten Hintergrund, vor einer Nahaufnahme durch einen Karteikasten blätternder Hände, uns und die Porträtierten bei Serrano (Snoop Dog, Donald Trump, Yoko Ono, einen Cowboy, eine kleine Miss, eine Balletttänzerin…), bunt, kitschig, künstlich, übertrieben, und wer sind wir eigentlich in unserer Zeit und was macht die Zeit mit uns und wir mit ihr und uns? Wem vertrauen wir? ‚I Heard Many Rumors‘ heisst Holzers Arbeit, ‚Subject: GTMO‘ (Guantanamo): ‚I heard many rumors about things that I did not obeserve‘, heisst es im Protokolltext, den sie abbildet. Kunst als Dokument der Zeit und ihre Verirrungen.

Eigentlich bleibt immer nur die Fassade. Und die Notwendigkeit, alles zu hinterfragen. Nichts ist unbedingt so, wie es scheint. Alles ist eine ständige Abfolge von Standbildern, ein Daumenkino, in dem vielleicht jedes Bild für sich, als Standbild, den Anspruch der Wahrheit hat, in dem aber die Bewegung, das Leben und die Veränderung, die es zeichnen, im Überspringen, in den Lügen und Kostümen, etwas anderes erzählen können und trotzdem Wahrheitsanspruch erheben.

So geht es mit dieser Ausstellung als Geschichte.

Bruce_Nauman__Dream_Reaper__1983__Aquarell_und_Bleistift_auf_Papier__c__VG_Bild-Kunst__Bonn_2017

Bruce Nauman, Dream Reaper, 1983, Aquarell und Bleistift auf Papier, Donation Yvon Lambert to the French State / Centre national des arts plastiques (France), On deposit at the Collection Lambert, Avignon © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Nichts ist festgeschrieben. Alles ist in Bewegung. Die Skizze verlangt kein fertiges Werk, wenn in ihr alle Ideen schon so schwingen, dass sie als Standbild wortwörtlich Bestand hat, wie bei Bruce Naumans ‚DREAM REAPER‘. Wie auch eine Schultafel, über die die Stunden und Schwämme nicht gehen, die nur der Augenblick ist, der festgehalten wird, wenn Niele Toroni oder Lawrence Weiner sich darauf verewigen. Die Zeit bleibt stehen, der Moment wird Ewigkeit.

Der Rahmen dieser Ewigkeit, nicht mehr, nicht weniger, wird von den Arbeiten Anselm Kiefers und Christos gebildet, und mit der ‚Today Series‘ von On Kawara. Hier ist die Geschichte gebannt und die Zeit. Ihre Zeit und unsere Zeit. Und ein wenig kommt es einem am Ende so vor, als wäre diese Ausstellung ganz leise und heimlich in den Besucher gekrochen mit einer Erzählung, einer Geschichte, die noch geschrieben werden muss: Anfang und Ende, Entstehen und Vergehen.

Ich stehe mitten in ihr und blicke staunend, berührt, traurig, lachend, optimistisch in alle Richtungen.

Christo__The_Pont-Neuf_Wrapped__Project_for_Paris___Collage_1981_in_zwei_Teilen__Bleistift__Pastellkreide__Wachskreide__Stoff__Bindfaden_und_technische_Zeichnung__c__Christo

Christo, The Pont-Neuf Wrapped (Project for Paris), Collage 1981 in zwei Teilen, Bleistift, Pastellkreide, Wachskreide, Stoff, Bindfaden und technische Zeichnung, FNAC 2013-0250 (1 et 2), Donation Yvon Lambert to the French State / Centre national des arts plastiques (France), On deposit at the Collection Lambert, Avignon © Christo

Für diese Geschichte bin ich Yvon Lambert zutiefst dankbar, und dem Kunstmuseum Picasso dafür, wieder einmal so Großes geleistet zu haben.

‚Von Christo bis Kiefer – Die Collection Lambert, Avignon‘, im Kunstmuseum Picasso, bis zum 1. Oktober

Montag bis Sonntag und Feiertage: 10:00 bis 18:00 Uhr

Zur Ausstellung ist im Verlag Kettler ein umfangreicher Katalog erschienen. Expliziter Dank gilt hier Ann-Katrin Hahn für ihre großartigen Texte!

 

 

 

 

Für meine Mutter

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