‚Heidi Specker – Fotografin‘, im Kunstmuseum Bonn

‚Wollen wir eine Fotografie zurück in den Kontext der Erfahrung stellen – der sozialen Erfahrung, des sozialen Erinnerungsvermögens – müssen wir die Gesetzmäßigkeiten der Erinnerung respektieren. Wir müssen das gedruckte Foto so situieren, dass es etwas von der überraschenden Schlüssigkeit dessen bekommt, das war und ist.‘

‚Es [das Erinnerungsvermögen] arbeitet auf radiale Weise, das heißt mit einer enorm großen Menge von Assoziationen, die alle zum gleichen Ereignis führen.‘

John Berger ‚Möglichkeiten der Fotografie‘ (1978)

Heidi Speckers Fotografien erzählen Geschichten des Augenscheinlichen, dem Abbild einer Realität, hinter dem sich Möglichkeiten offenbaren und Wahrheiten Eindrücke sind.

Eine Pfütze in der Stadt. Roter Regen in Kreisen auf ihre Oberfläche, aus der Ferne ein pumpendes Herz vor dunklem Hintergrund. Aus der Nähe: Alltag, Pflastersteine in unterschiedlichen Größen und Formen, glatt, grob behauen, vom Alltag gebrochen, geflickt, Markierungen des Lebens in der Stadt, auf der Straße.

Im Kunstmuseum Bonn hat die Fotografin den Möglichkeiten des Erzählens Räume geschaffen. ‚Subjektive Bildräume‘ nennt sie diese, und führt damit in den Kern der Beobachtung und gleichzeitig zurück zu den Ursprüngen der Bildwerdung. Einige Bilder aus diesen Räumen möchte ich beschreiben, um damit Fäden aufzugreifen, und ich möchte einige Eindrücke in die Arbeit von Heidi Specker teilen.

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Heidi Specker, Re-prise, Pfütze, 2015, Archival Fine Art Print, 50×67 cm, Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Zülpich, © Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Seit den 1990er Jahren widmet sich die Fotografin in Werkgruppen den Erscheinungsformen des Inhaltlichen auf der fotografischen Ebene. Dabei ist das Inhaltliche nicht nur das Ergebnis im Bild, sondern auch der Prozess, der Blick, die technische Komponente. Mit dem Ausstellungstitel zur aktuellen Überblicksschau im Kunstmuseum Bonn, ‚Heidi Specker. Fotografin‘, ordnet sie sowohl das Instrument, als auch ihre Rolle dabei klar ein.

Zunächst ist sie die Fotografin, ihr Werkzeug Mittel zum Zweck. Heidi Specker hat früh begonnen, die Digitalfotografie für sich zu nutzen, ohne dabei mit den technischen Hilfsmitteln, die sich ihr so eröffnen, Wahrheiten zu erschaffen, sondern um bestehende Wahrheiten zu fokussieren, herauszustellen, auf sie hinzuweisen.

Und in diesem Sinne scheint sie mir dann auch die sensible Beobachterin, die sich zu jedem Zeitpunkt mit großer Sicherheit für die Wahl ihrer Motive eben auch in großer Überzeugung der Tatsache bewusst ist, dass diese mit jedem Blick eines Betrachters neu entstehen.

Ihre Fotografien strahlen auf der einen Seite die Verbindlichkeit eines Hier und Jetzt aus, sind Momentaufnahmen, sind das, ‚das war und ist‘ (Berger).

Andererseits aber sind sie Assoziationsräume. Sie stehen nicht nur als ‚Porträtfotografie‘, Architekturfotografie’, Stillleben’, ‚Naturfotografie‘ oder ‚Straßenfotografie‘ etc. in einer Traditionslinie. Sie weisen über ein Genre, ja sogar über die Werkgruppen hinweg, auf Vielschichtigkeit hin, die eben jede Menge mit subjektiver Wahrnehmung zu tun haben.

Ein einfacher Suhl, graues, eckiges Gestell, leicht verstaubt, ein flaches, hellbraunes Holz als Armlehne, petrolfarbenes Polster. Auf dem Stuhl sitzend: ein Menschenausschnitt, darauf ein Hundeausschnitt. Der Mensch: einfache, graue Hose, verwaschen grüner Pullover, einzig die Hand als pure Haut. Der Hund: braunes Fell, die lange Schwanzhaare fallen zwischen die Menschenbeine, sichtbar sind die rechte Ellboge, die Hüfte, etwas Pfote als pure Haut.

Bekannt geworden ist Heidi Specker unter anderem mit einer Werkgruppe, die unter dem Namen ‚Speckergruppen‘ (1995/96) in einem durch die Unschärfe der Darstellung bald malerischen Duktus brachiale Architekturmoderne eben nicht nur dokumentiert, sondern ihr Weichheit, eine Angriffsfläche, Textur von Lebendigkeit und in der kontextlosen Darstellung, die keine Größenverhältnisse zulässt, Nähe gibt.

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Heidi Specker, In Front Of, Hand Hund, 2016, Archival Fine Art Print, 69×103,6 cm, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, © Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In der Werkgruppe ‚Teilchentheorie‘ (1998), die zeitlich – und wie mir scheint ganz konsequent – an die ‚Speckergruppen‘ anschließt, geht sie näher ran. Das Detail wird das Bild, der Ausschnitt zum Fokus. Specker fotografiert Ornamente der Architektur. Aus der Fläche erscheinen Merkmale, Alleinstellungsmerkmale, Individualität, Dekor, mal florale und mal geometrische Muster. Und mit diesen Details fotografiert sie die Tiefe der Stadt. Aus einer Oberflächlichkeit schälen sich Geschichten an eine Oberfläche, und für den Moment bleiben sie in Eigenständigkeit stehen und verbinden sich mit anderen Mustern eventuell zu neuen Gebäuden und Geschichten.

Und dann: Natur. Zwischen den Gebäuden, an den Rändern, im Nebeneinander und Miteinander. Die Gruppe ‚Im Garten‘ (2003/04) und ‚Magic Mountain‘ (2007) stellen den Wunsch nach Natur und die Natur als Wunsch und Ort, die Bedingungen von Mensch, Stadt, Urbanität, Fläche, Struktur, Detail in den Mittelpunkt. Specker verweist auf Blossfeld, Licht führt Schatten und flutet Straßen, etwas kriecht aus dem Eis, dem ewigen, Erinnerungen an die Vergangenheit und Details entfalten die Schönheit und Undurchdringlichkeit der Natur und weisen auf ihren Kampf hin, um Platz, um Sonne, zum Beispiel.

Mensch und Material sind Ergänzungen und gegenseitige Bedingungen. Dass mit Material dabei nicht nur der materielle Ausdruck gemeint ist, sondern auch die Gesellschaft als Material, und wie beides sich und das Gegenüber formt, zeigen die Fotografien der Werkgruppe ‚Termini‘ (2010), die während eines Aufenthalts der Fotografin in der Villa Massimo entstanden. Perspektive spielt eine Rolle, und die Veränderung derselben zu einem Ergebnis. Es scheint mir um Wandlung zu gehen, um Zeit, um soziale Räume auch als Räume der Konventionen, um die Skurrilität dieser Räume und Konventionen, es geht um Giorgio de Chririco und um Carlo Mollino, um das Metaphysische, um Architektur.

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Heidi Specker, Re-prise, Kottbusser Tor, 2015, Archival Fine Art Print, 37×50 cm, Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Zülpich, © Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Der Weg führt zu ‚Re-prise‘ (2015) und die Fotografin greift einen Faden auf, den die Geschichte, den Menschen abgerissen haben. 1931 beginnt der Fotograf Moï Wer sein Projekt ‚Ci-contre‘. 110  Bilder, vielfach überlagerte Negative, mit Alltagsszenen und Motiven aus Paris. Nebeneinander und Miteinander in Leben und Fotografie. Bewegungen, Rhythmen, Formen, Strukturen, Oberflächen. Moï Wer muss 1937 nach Palästina auswandern, sein Projekt bleibt im besetzten Frankreich ohne Verlag, bleibt Idee. 2004 erst erscheint das Buch, ermöglicht durch Ann und Jürgen Wilde. Und dann nimmt Heidi Specker den Faden auf und bringt eine Geschichte aus der Vergangenheit auf noch einer Ebene in die Gegenwart. Die Geschichte von ‚Ci-contre‘ mit dem Blick und den Motiven von Heute. Specker sagt: ‚Die Stimmung von Ci-contre ist dynamisch und vom Enthusiasmus der Moderne geprägt. Re-prise sollte nüchterner, ernüchternder werde.‘

Stadtlandschaft. Eine unsichtbare Straße, nur Ampeln in die Vertikale, Rot in beide Richtungen,  und das Schild nach Rechts zeugen von ihr. Ein Bahnhof dahinter. Kottbusser Tor, Stahl und Glas, Nieten und Neon. Industrielles Licht. Horizontal Strukturen, Blickrichtung nach Links. Dahinter: ein Hochhaus, vertikale und horizontale Strukturen der Architektur aus Fenstern und Wandelementen. Industrieller Bau, Fertigelemente, etwas Licht in den Fluren, Blickrichtung nach oben. Dahinter der Himmel eine graue, fast konturlose Einheit, farblich nahe Stahlblau. Der Blick sucht wieder Halt in der Architektur, in den Linien, in allen Richtungen.

In ‚In Front Of‘ (2016) fordert das Porträt den Betrachter heraus. Nicht das Motiv etwa, sondern ganz tatsächlich die Umsetzung von Porträt in eben diesem Sinne. Ihre Porträts sind auch Verweigerungshaltung auf beiden Seiten. Verweigerung dem Anspruch einer Tradition gerecht werden zu müssen und Verweigerung sich für oder gegen etwas instrumentalisieren zu lassen. Es geht nicht darum, einen Status zu bekräftigen, einen Stand abzubilden. Es geht darum etwas tieferes, einmaliges, gültiges über die Motive zu erzählen, die nicht einmal notwendigerweise Menschen sind, sondern auch Katzen, Vögel, Wände, ein Vorhang etwa. Selten ein direkter Blick, keine Pose, vielleicht nur eine Hand, Porträt des Lebens, mit den Irritationen, die es darauf hinterlässt.

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Heidi Specker, Magic Mountain, Pilze, 2007, Archival Fine Art Print, 85×56 cm, UBS Art Collection, © Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Schließlich Samen, Blätter, Äste, Wurzeln, feine Schatten, verdeckte Motive. ‚Saat Seed‘ (2017) entstand als Auseinandersetzung mit dem Garten von Mies van der Rohes Landhaus Lemke. Der Garten versteht sich als integraler Bestandteil der Architektur, geplant vom Architekten, Übergangsraum von Haus zu Natur, Nutzraum, Raum der Kontemplation, immer auf Augenhöhe mit dem Gebäude. Er trägt seine Samen, seine Blätter, Wurzeln und Äste in den Raum. Heidi Specker verbindet Abbilder des Raumes mit der Natur. Vor dem Schwarzweiss klassischer Aufnahmen oder dem Hintergrund von Details aus Bildern oder einem Wandteppich entstehen so neue, geheimnisolle Kompositionen. Hier erwecken den Garten, seine Geschichte und seine Bewohner zu neuem Leben.

In der Ausstellung im Kunstmuseum Bonn sind all diese Werkgruppen miteinander verwoben. Kein chronologischer Pfad führt durch sie. Alle Motive sind Beginn eines Fadens, den ich als Besucher aufnehme, zum nächsten Bild trage, und mit allen folgenden Fäden zu einem Netz verwebe, das nur ich so gestaltet haben kann. Die Verbindungen, die sich zwischen den Motiven ergeben, und das, was sie mit mir als Betrachter und Mittler machen, sind in ihrer Unplanbarkeit, in der Weise, in der ich mich auf den Blick meiner Augen verlasse, verlassen muss, ergreifende Entdeckungen.

Pilze in Übergröße! Sie wachsen wie Bäume an einem steinigen Abhang Richtung Sonne. Braune, pelzige Stämme gehen über in ein dichtes Lammellenwerk, kunstvoll sortiert, ein Schirm mit einer beigen Unterseite, eine feine, zarte und glatte, braune Oberseite. Alles ist scharf, der Kontrast hebt die Fruchtkörper wie freigestellte Details heraus. Magische Pilze. Vielleicht im übertragenen, ganz sicher im wörtlichen Sinne. Weichheit und Schärfe, Kontrast, Details, Architekturkunst der Natur, Vorbild.

Was ich erkenne: Das Motiv der Oberfläche in allen Varianten. Haut, Haare, Stoff, Holz, Stein, Beton, Stahl. Und: das Bild als Träger des Ausdrucks. Die Oberflächen werden zu Spiegeln für meinen Blick, das physikalische Phänomen der Bildbetrachtung offenbart sich, und der Verweis auf die Fläche hinter der Fläche eines Fotos wird zu einem Begleiter. Alles findet zusammen in einem Bezug zum Leben des Betrachters, jeden Betrachters. Man erkennt die Dinge und sie werden zu Geschichten, man erkennt Strukturen und sie werden zu lebendigen Erinnerungen, man erkennt den Menschen und sieht sich.

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Heidi Specker, Re-prise, Steine, 2015, Archival Fine Art Print, 35×50 cm, Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Zülpich, © Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Und ich erkenne die Arbeit der Künstlerin. Ich sehe die Hingabe zu Themen und ihren Ausdrücken, und ich sehen, wie sich auf dem Weg nach vorne der Blick zurück immer lohnt. Dass alle Werkgruppen diese Freiheiten erlauben, dass die Künstlerin sich mit allen Werkgruppen in dieser Weise eben diese Freiheiten erlauben kann, ist beeindruckend und war für mich eine besondere Erfahrung, die mir gerade im ansonsten doch eher hermetischen Gebaren von Fotografie so noch nicht begegnet ist.

Eine großartige Ausstellung, die von einem ebenso großartigen Katalog begleitet und so um zahlreiche Texte ergänzt wird, und in dem die Bilder der Idee der Fotografin und dem Faden der Assoziationen folgen wie in den Ausstellungsräumen.

‚Heidi Specker. Fotografin‘, im Kunstmuseum Bonn, bis zum 27. Mai 2018

Di bis So 11.00 – 18.00 Uhr
Mi 11.00 – 21.00 Uhr

 

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