Slavs and Tatars, ‚Saalbadereien / Bathhouse Quackeries‘, im Westfälischen Kunstverein

Zeigen, Sprechen, Schreiben.

Dreiklang der Kommunikation.

Erkennen, Kennen, Bewerten.

Östlich der ehemaligen Berliner Mauer und westlich der Chinesischen Mauer.

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 ‚Szpagat‘, 2017 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

Slavs and Tatars widmen sich seit ihrer Gründung 2006 der Geschichte und den Möglichkeiten und Grenzen der Kommunikation, sei es in Bild, Sprache oder Schrift, indem sie entgegengesetzte Pole der Wahrnehmung im Spagat zu vereinen suchen, Gemeinsamkeiten im vermeintlich Trennenden offenbaren und nicht zuletzt dem Betrachter den Spiegel der Selbsterkenntnis vorhalten.

Dabei blicken sie im Augenspagat auf der Fahrt durch die Gegenwart in Richtung Zukunft in diesem Spiegel zurück auf die Geschichte einer Region, die wir Eurasien nennen, ein Sprachspagat schon im Namen, und tauchen ein in ihre vielfältigen wie wechselhaften Geschichten, die Geschichte und Politik.

Slavs and Tatars sind politisch. Kommunikation ist politisch. Und zwar nicht als Staatspolitik, der sich das Kollektiv in all ihren Wirkungsebenen ebenso umfassend widmet, sondern im ganz ursprünglichen Sinne als Gemeinschaft der Möglichkeiten von Individuen. Kommunikation ist schon in jedem Augenblick die Entscheidung für oder wider eine bestimmte Weise sich auszudrücken, und damit ist sie in sich eine ewig währende Schleife, eine wörtliche Notwendigkeit, ein Teufelskreis, wenn man will, ein perpetuum mobile bis hin zum resultierenden Energiegewinn.

Kommunikation ist Voraussetzung und Echo. In Ausstellungen, Vorträgen und Büchern exerzieren Slavs and Tatars die Mittel und Wege durch, die – wenn man so will – gottgegeben und/oder menschengemacht sind, und sind so eigentlich immer schon sehr nah bei Johann Georg Hamann gewesen, dem vorauseilend antimodernen, erweckungserlebt christlichen Dadaistenphilosophen des 18. Jahrhunderts.

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 ‚Gut of Gab‘, 2018 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

Ihre erste Einzelausstellung in Deutschland, im Westfälischen Kunstverein, mit dem sprachspielerischen Titel ‚Saalbadereien / Bathhouse Quackeries‘ führt das Kollektiv daher ganz konsequenterweise eben an jenen Ort, der das Weltliche und das Jenseitige im Leben von Johann Georg Hamann wie kein anderer Ort vereint: an sein Grab. Hamann starb, umgeben von Freunden im (katholischen) Geiste und in der Sprache, hier in Münster, im Hause der Gräfin Gallitzin.

Im Kunstverein bekommen seine Ideen und seine Sprache nun endlich eine Bühne und ein Publikum. Hamann kann es sich nicht aussuchen, aber die Vernünftigen werden kommen, und auch sie werden sich mit seinen Grenzziehungen, Schwurbelwegen, Drehern, Zitaten, Bildern, seinem Fäkalhumor, mit der Gleichzeitigkeit des Möglichen wie des Unmöglichen, mit Religion und Sprache auseinandersetzen müssen.

Slavs and Tatars lieben Sprache. Und sie lieben die Geräusche, die Sprache macht, wenn sie zu Sprechen wird und sie lieben den Wandel, den Sprechen im Ohr des Hörers vollzieht, wenn daraus Begriffe werden, Assoziationen, ein Spiel, Veränderung. Mit dem Sprechen verhält es sich wie mit dem Grab oder mit Schrödingers Katze: eine bald unheimliche Gleichzeitigkeit von Gegensätzen im Raum, die der Geist der Vernunft in einen Bedeutungsrahmen zurückzuführen sucht.

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

An Hamanns Bühne, bei seiner Show, dem ‚Gut of Gab’, muss man sich nicht entscheiden, ob man ihm an der Bar den Rücken zudreht, oder aufmerksames Publikum ist. Hier sitzt man ihm zu Füßen und blickt zu ihm hinauf, der abwesend und anwesend gleichzeitig ist.

 

 

 

‚Reden ist übersetzen – aus einer Engelsprache in eine Menschensprache, das heist, Gedanken in Worte, – Sachen in Namen, – Bilder in Zeichen;‘ (1)

Es braucht den Abwesenden nicht für die Erkenntnis des Anwesenden. Es braucht nur die Erkenntnis, dass das Anwesende sich nur durch das Abwesende erklärt.

Das ist die Transformation der Sprache im Bauchredner zu einer Bewegung der Lippen, die nicht seine sind. Indem er ein Medium, also im wahren Sinne Übermittler, Übersetzer ist, ist die Wandlung auf der Bühne Gleichnis für die Wandlung in Hamanns Postulat.

Die Bühne im Westfälischen Kunstverein bewirbt sein Programm plakativ: ‚An Niemand und an Zweien‘. Erkenntnis ist eine bittere Pille, gerade für den aufgeklärten Geist, der die Vernunft in den Mittelpunkt seiner Welterklärung stellt. Die Freundfeinde und Begleiter Kant und Berens sind eingeladen und der Ursprung, der Anfang aller Begriffe, allen Denkens, allen Bewusstwerdens. Das ist eine ehrliche Einladung, kein Versuch eines Affronts, sondern die Idee einer Bühne als Ort der Kommunikation über Kommunikation, eine Einladung auch, sich seiner eigenen Fähigkeiten zu bedienen, um vermeintlich Trennendes zu überwinden.

‚Sokrates war, meine Herren, kein gemeiner Kunstrichter. Er unterschied in den Schriften des Heraklitus, dasjenige, was er nicht verstand, von dem was er darin verstand, und that eine sehr billige und bescheidene Vermuthung von dem Verständlichen auf das Unverständliche. Bey dieser Gelegenheit redete Sokrates von Lesern, welche schwimmen könnten. Ein Zusammenfluß von Ideen und Empfindungen in jener lebenden Elegie von Philosophen machte desselben Sätze vielleicht zu einer Menge kleiner Inseln, zu deren Gemeinschaft Brücken und Fähren der Methode fehlten.‘ (2)

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 ‚Stilbruch‘, 2018 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

‚Im Anfang war das Wort‘ und ‚Rede, dass ich dich sehe‘ sind Gleichzeitigkeit einer Erkenntnistheorie, die Gott und den Menschen verbindet. Im Wort findet der Mensch Bedeutung durch Gott und die Sprache, sich der Worte zu bedienen, die ihn ausmachen und mit denen er Gott dankt. ‚Slavs And Tatars‘ haben dem geschriebenen Wort einen Altar errichtet, passend zu Hamanns Bühne, ein Ort als Spiegel, der das, was durch uns spricht, und das wir in Schrift verwandelt haben, jenen als Lektüre offenbart, die aus dem Geschriebenen ihre Welt errichten und jenem, von dem die Wörter kommen. Das Wort geht an den Menschen, die ‚Zweien‘ und an ‚Niemand‘.

‚Der Zusammenfall von Gegensätzen ist ein Konzept, das ‚Slavs And Tatars‘ – und möglicherweise den Dunganen, Kalmücken und Karpaten weltweit – sehr am Herzen liegt. Das Zusammenbringen zweier gegensätzlicher Ideen, zweier sich gegenseitig ausschließender Konzepte, zweier widerstreitender Register in einem Raum, auf einer Seite, in einem Satz ist für uns zu einer Art modus operandi geworden.‘ (3)

Indem sich der Mensch als Krone der Schöpfung seines Verstandes bedient, löst er sich in der Anbetung der Vollkommenheit in seine mikroskopischen Teile auf, wird ganz Bakterium und Verdauung, Schöpferwesen und Ursuppe.

Der Ekel über die Sekrete und unsichtbar selbstbestimmten Teile des Körperlichen wird dort zu einem Gewinn, wo diese Elemente sich (z.B. in Fermentierung) zu einem stärkenden Mehrwert vereinen, einer Energiequelle, zu Wundersäften und Vernunft – siehe die Wände des Kunstvereins, siehe die Poster, die Bezüge…

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 ‚Königsberger Gitter‘, 2018 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

Das ‚Königsberger Gitter‘ ist die Transformation einer trennenden Institution in den Raum einer ehrfurchtsvollen Geste. In seiner ursprünglichen Funktion als ‚Hamburger Gitter‘ gilt es der Abwehr von Berührungspunkten zwischen Menschen und Menschen und Menschen und Dingen und Menschen und Orten. Es steht für die Entfremdung des Menschen von Vertrauen und Ehrfurcht und für die Notwendigkeit dieser Entfremdung etwas Dinghaftes entgegenzusetzen.

In seiner transformierten Form ist es für den kurzen Moment der Erkenntnis über den Ursprung vielleicht noch Symbol für die Trennung zwischen Kant und Hamann, die beide aus Königsberg kommen. Bei Slavs and Tatars wird aus dem Instrument aber ein Sinnbild für die Verbindung von Ursprung, Sprache, Körper und Gleichzeitigkeit von Gegensätzen.

Indem wir niederknien und die Geste des Betenden einnehmen, akzeptieren/imitieren wir darin eine mögliche Verbindung zum Göttlichen im Körperlichen und die Auflösung einer Trennung von Vernunft und Gefühl, Gott und Verstand. Und mit dem gereichten Sauerkrautsaft verinnerlichen und bestärken wir an dieser Stelle und in einer fast rituellen Geste die Hinwendung zum Körper, zu den mikroskopischen Abhängigkeiten und Reaktionen, zu Werden und Vergehen, und zur Erkenntnis eines Mehrwerts aus der Dekonstruktion. Das Unbekannte und Unheimliche wird zum Begleiter und (vielleicht) Freund.

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 ‚Weeping Window (Morgenländer)‘, 2017 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

Wo kommen wir her UND wo wollen wir hin? Slavs and Tatars bilden das Scharnier zwischen den Denkrichtungen ab, indem sie es in ihrer Weise denken. Ihre skulpturalen Arbeiten erscheinen vielleicht gerade daher häufig als Momentaufnahmen einer Bewegung. Man merkt ihnen an, dass sie als Teil einer Ideenkette stehen, eben Zeigen, Sprechen und Schreiben.

Die Auseinandersetzung mit der Frage woher wir kommen ist damit auch eine Auseinandersetzung damit, woher die Wörter kommen die wir gebrauchen, um unseren Ursprung zu beschreiben und unseren Weg zu formulieren.

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

Auf dem ‚Wandteppich‘ ‚Alphabet Abdal‘ kann es den arabischen Schriftzeichen anscheinend gar nicht schnell genug gehen, vor etwas zu entfliehen, jedenfalls, wenn wir Leserichtung und Laufrichtung als Gegensätzlichkeit werten. Einem Kreuzzug gleich, sind sie und tragen sie das biblische Wort von Jesus, Sohn Marias, der Liebe ist. Slavs and Tatars verbinden im Stillstand des geknüpften Wortes und in den Widerläufen aus Leserichtung und Denkrichtung Erkennen, Kennen und Bewerten als Teile einer Kommunikation über Ursache und Wirkung. So wie die christliche Tradition im Arabischen sehr wohl einen tiefen Ursprung findet, so hat sich nicht nur die Verbindung zum sprachlichen wie geografischen Ursprung über die Jahrtausende verändert, sondern auch die Religion selbst. Die Buchstaben fliehen also gleichsam zurück zu sprachlichen und programmatischen Wurzeln.

Eine letzte Umdrehung zu Hamann, der im Mittelpunkt steht, und der so gut gelten kann also Posterboy für die Themen, mit denen Slavs and Tatars uns konfrontieren. Wo wir hektisch Ergebnisse und Erkenntnis einfordern, wo unser Zeitintervall die Schnittgeschwindigkeit ist, wo wir in Hektik verfallen, weil Zeit Geld ist, fordert er Zeit ein. Er liebt und braucht die ‚lange Weile‘, den endlos gedehnten Augenblick, den Raum in der Zeit, um zur Erkenntnis zu kommen. Seine Meditation zur Entschleunigung erklingt im Raum, anmutend wie ein religiöser Gesang, ein Priester, ein Rabbi, ein Muezzin.

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Slavs and Tatars „Saalbadereien / Bathhouse Quackeries“ 3. Februar – 15. April 2018 ‚Weeping Window (Morgenländer)‘, 2017 Installationsansicht Westfälischer Kunstverein Courtesy die KünstlerInnen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Thorsten Arendt

‚Man muß nicht glauben, was man sieht – geschweige, was man hört. – Wenn zwei Menschen in einer verschiedenen Lage sich befinden, müssen sie niemals über ihre sinnlichen Eindrücke streiten. Ein Wächter auf einer Sternenwarte kann einem im dritten Stock viel erzählen. Dieser muß nicht so dumm sein und ihm seine gesunden Augen absprechen: Komm herunter, so wirst du überzeugt sein, daß du nichts gesehen hast. Ein Mann in einer tiefen Grube kann am hellen Mittag Sterne sehen.‘ (4)

Slavs and Tatars ‚Saalbadereien / Bathhouse Quackeries‘, bis zum 15. April im Westfälischen Kunstverein

Zur Ausstellung ist bei Motto Books eine Publikation mit einem Essay von Slavs and Tatars und Texten von Johann Georg Hamann erschienen, die im Kunstverein erworben werden kann.

Am 10. April um 19 Uhr findet im Kunstverein die Lecture Performance ‚I Utter Other‘ statt.

 

 

 

  1. http://gutenberg.spiegel.de/buch/aesthetica-in-nuce-1624/1
  2. http://gutenberg.spiegel.de/buch/sokratische-denkwurdigkeiten-1623/3
  3. Slavs and Tatars, ‚Mehr Hamann häufiger Hamann‘ in: Slavs and Tatars ‚Kirchgängerbanger‘, Publikation zur Ausstellung im Westfälischen Kunstverein 2018, S. 13 f.
  4. https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=1611_Johann+Georg+Hamann&seite=3

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