‚Figuren: Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover‘

Ich bin an diesem Wort hängengeblieben: Figuren. Wie ein Detail, das man nicht mehr ungesehen machen kann, wenn man es einmal entdeckt hat. Wie eine Erklärung, die einen komplexen Vorgang sofort verständlich macht. Wie eine Melodie oder ein Geruch, die sich für immer mit einer Situation verbinden werden. Wie der Beginn von neuem Sehen.

Figur: eine Bewegung, Tanz, eine Position, eine Haltung, Ausdruck, ein Charakter, ein Körper, ein Abbild, eine Statue, ein Teil, ein Mensch, ein Ding, eine Linie, abstrakt, konkret.

Rineke Dijkstra widmet die wiederum ihr zum Gewinn des ‚SPECTRUM Internationaler Preis für Fotografie‘ gewidmete Ausstellung im Sprengel Museum Hannover dem Bild, das ein Wort als Bedeutung in uns hinterlässt.

In der Ausstellung ‚Figuren: Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover‘ öffnet sie damit nicht nur den Blick auf die eigenen Arbeiten und den Erzählstrang, der ihnen innewohnt, sondern erweitert den Raum des Betrachtens um die Dimension des Raumes als Ort.

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Rineke Dijkstra Amy, The Krazyhouse, Liverpool, England, December 23, 2008 Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin

Die Möglichkeit des umrundet werdens, so die Künstlerin sinngemäß, solle eben nicht nur der Skulptur als Figur vorbehalten sein, sondern auch der Figur in ihren Porträtaufnahmen. Um diese Möglichkeiten, und damit um die Erweiterung der Wahrnehmung von Ausdrucksformen geht es hier.

Betrachten ist immer auch betrachtet werden. Es gibt kein Sehen ohne die Resonanz und darüber hinaus kein Erkennen ohne die Inbezugsetzung des Gesehenen zu eigener Erfahrung, zu bekannten Begriffen und gültigen Definitionen.

Gerade in der Porträtfotografie stelle ich mir die Grundlagen einer künstlerischen Entscheidung für diese oder jene Herangehensweise als besonders komplexe Entscheidungswege vor. Geht es doch eben nicht allein um Dokumentation, sondern um eine Ebene der Wahrnehmung, die – vielleicht als Regel, vielleicht als Wiederholung, vielleicht als Abbild – den Blick aus dem Motiv, den Körper und die Pose im Betrachter und seiner Welt spiegelt.

Rineke Dijkstra hat sich mit ihren Porträts in Werkgruppen der Betrachtung des menschlichen Körpers in der Wandlung verschrieben. Die Menschen, die sie darstellt, scheinen dabei wie Protagonisten in Kurzgeschichten oder eher noch Novellen, abgebildete Klimax und Ausdruck einer unerhörten Begebenheit.

Dabei sind sie nicht unerreichbare Heldengestalten, sondern sichtbare Körper, deren Lebenswelt uns in ihrer Erreichbarkeit entrückt scheint. Vor allem in ihrer Reihe der ‚Beach Portraits‘ werden wir mit einem Moment eigener Biografie konfrontiert, der mehr oder weniger lange zurückliegt. Der Strand, diese feine Linie zwischen Wasser und Land, wird zur Bühne der Adoleszenz, dieser feinen Linie zwischen Kindheit und Erwachsensein. Es ist, als würde man dem Wunder der Evolution begegnen, das man am eigen Körper zwar erfahren hat, über dem aber vielleicht inzwischen ein Schleier liegt.

Dijkstra inszeniert ihre Protagonisten nicht, scheint mir. Sie überlässt die Inszenierung ihnen selbst. Die Pose ist ungelenker Versuch überzeugter Selbstdarstellung. Die Augen und Gliedmaßen suchen Halt im Raum, ein gewisses Maß an Schutzlosigkeit ist spürbar. Manchmal hilft die Körperwahrnehmung, ein Spiel mit den frischen und unverbrauchten Attributen des erwachsenen Menschen, manchmal helfen Freunde, Freundinnen, eine Gruppe, die Schutz bieten kann.

Die Menschen auf den Portraits bleiben für uns namenlos. Lediglich Ort und Datum verweisen auf ihre Lebenswelt. Sie sind überzeitliche Abbilder eines Lebensabschnitts, also einer bestimmten Zeit. Sicher, ich habe mich vor dem ein oder anderen Blick gefragt, was aus diesem Menschen wohl geworden ist. Ich glaube aber, dass es Dijkstra um diese emotionale Bindung zu ihren Motiven gar nicht geht. Es geht ihr vielmehr um eben diesen einen Moment der Aufnahme, die Abbildung, darum, einen Körper im Raum zu erkennen, eine Pose.

Mit Kurt Lehmanns Skulptur ‚Hirtenjunge‘ hat sie diesem Ensemble des Sich in seiner Umwelt Verhaltens eine kongeniale Ergänzung und Erweiterung zur Seite gesellt.

Was macht der junge Mann? Ist das der Körper des Erwachens nach einer kühlen Nacht auf hartem Boden? Ist es der notwendige Moment der Pause nach einem langen Marsch im Gelände? Posiert er? Ein feines Lächeln liegt auf seinem Gesicht, das zu einer gedachten Anstrengung eben nicht so recht passen mag. Er – wie die Menschen in Rineke Dijkstras Fotografien – macht und ist eine Figur.

Vielleicht kann man es so sehen: Dann spielt es keine Rolle, wo jemand ist, was jemand ist. Die Informationen zu Ort und Zeit sind nur schwache und vielleicht gar unnötige Beziehung zur Figur.

Und das überträgt sich ganz selbstverständlich und eindrucksoll in den Ausstellungsraum. Im Betrachter löst sich die Anspannung, und die Begegnung mit Fotografien und Skulptur wird eine Begegnung mit ihm selbst.

Wie sehr Figur auch Veränderung bedeutet, demonstriert Dijkstra mit der Serie ‚Emma, Lucy, Cécile (Three sisters)‘. Sie hält im Jahresabstand die ‚unerhörte Begebenheit‘ Leben im Bild fest. Drei Schwestern mit eben diesen Namen, drei Leben, dreimal eigene Entscheidungen und Prägung, Wollen und Müssen.

Ja, diese drei Menschen, diese Kinder, Heranwachsenden, Erwachsenen, haben Namen und ihre Beziehung zueinander ist im Titel offenbart. Indem Dijkstra sei aber in Pose, vor immer gleichem Hintergrund abbildet, hebt sie diesen Teil der Individualität weitestgehend auf. Die Drei werden zu den Figuren ihrer und damit unserer Verwandlung. Sie verhalten sich zueinander, gegeneinader, miteinander. Es bringt nicht weiter, ihre Namen zu wissen, aber wir haben Namen, es bringt nicht weiter, zu wissen, dass sie Schwestern sind, aber wir haben vielleicht Brüder, Schwestern.

Ihre Individualität liegt in der Beziehung zur Individualität jedes Menschen: eben jener Mischung aus eigener und Umwelt.

Rineke Dijkstra erweitert die Wahrnehmung des abstrahierenden Erkennens unter anderem um eine kleine Skulptur von Hans Arp. ‚La Famille‘ ist eine Vierergruppe unterschiedlich großer und farbiger Glaskörper auf einem schrägen Holzsockel. Eine Familie, erkennbar wie absrakt, fein, sensibel, zerbrechlich und auf nicht immer sicherem Grund.

Leben heißt auch Ringen um den Weg, um Entscheidungen, gegen Widerstände. Dieses Ringen ist eine Bewegung, deren manchmal schmerzhaften Rhythmus wir vor allem in uns selbst spüren können. Und natürlich ist es auch ein Sport, ein Tanz, eine Herausforderung.

Dabei folgt der Körper Regeln und Ritualen, die eine Situation definieren und zuordnen können. Ob im sportlichen Wettkampf gegeneinander oder im Tanz. Annäherung und Abstoßung, Fremdheit und Intimität, Nähe und Raum sind Merkmale unserer Beziehungen zueinander. Mit dem Video ‚Blanco y Negro, Tijuana, 25 January 2004‘ dokumentiert Dijkstra das Spektrum der Möglichkeiten in der Bewegung der Individuen zueinander und gegeneinander.

Mit Max Beckmanns Gemälde ‚Rivalen (Ringerpaar)‘ wählt sie als Resonanz ein Szene, in der sich alle Bewegungen ihres Videos im Stillstand wiederzufinden scheinen. Menschen werden zu Figuren eines durch gesetzte Regeln gesteuerten Verhaltens einerseits (Ringerpaar) und darüber hinaus zu Figuren eines durch gesellschaftliche Regeln geprägten Rivalisierens andererseits. Kämpfen um etwas, für etwas, gegen etwas ist Tanz, Sport und Leben.

Zur Wahrnehmung der inneren Struktur einer Geschichte gehört nicht selten ein genauer Blick auf die Oberfläche. Oberflächen lehren genaues Hinsehen, will man in ihnen nicht schon die Tiefe einer Form, eines Ausdrucks, eines Charakters, einer Sache, eines Menschen vermuten und sich damit der Oberflächlichkeit schuldig machen.

Wenn man die ‚Watcher‘ von Lynn Chadwick umrundet, lösen sich im Blick die Details aus der Bronze und aus der Einheit werden Individuen, die sich zueinander positionieren, stützen, mir scheint: aufeinander aufpassen. Sie stehen zueinander und beobachten ihre Umgebung, mich, den Raum.

Diese Setzung ist die feinste, schönste, bewegendste, weil sie eben den Blick aus der Oberfläche in die Details lenkt, weil sie die Augen und damit den wachen Geist wandern lässt:

Rineke Dijkstra verbindet die ‚Beobachter‘ nämlich mit ihrem Porträt ‚Tamale, Ghana, 5 March, 1996‘. Hier kann man so wunderbar erleben, wie es sich anfühlt, eine Fotografie, ein Sujet, zu umrunden. Mit jedem Schritt, mit jedem Blick, lösen sich aus der Oberflächen die Individuen. Was aus der Ferne  Hintergrund, Kleidung und Hautfarbe ist, wird zu diesen beiden Jungen, die uniform und mit skeptisch angestrengtem Blick so kerzengrade nebeneinander stehen, und in deren Nebeneinander doch auch ein starkes Miteinander schwingt. Sie sind Beobachter auch meines Blickes und meiner Bewegung, und sie passen aufeinander auf.

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Rineke Dijkstra Vondelpark, Amsterdam, June 10, 2005 Sammlung Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover Courtesy Marian Goodman Gallery, Paris and Galerie Max Hetzler, Berlin

Ein letzter Blick: ‚Vondelpark, Amsterdam, June 10, 2005‘. Da muss die mögliche Referenz gar nicht daneben hängen. Sofort erinnert man sich an ‚Le Déjeuner sur l’herbe‘ von Edouard Manet. Es gibt die Posen, die Blicke, kühles Fixieren bei gewollt lässiger Haltung. Die ‚unerhörte‘ Nacktheit aus Manets Gemälde mag fehlen, ebenso alle Attribute eines Frühstücks und auch im Alter unterscheiden sich die abgebildeten Personen. Ihnen gemeinsam aber ist die selbstbewusste Selbstverständlichkeit der Inszenierung im Hier und Jetzt und im Bild selbst: klare Blicke, körperliche Nähe, Einheit aus Ort und Zeit, Ordnung.

Eine wunderbare und feine Ausstellung, die noch so viel mehr zu bieten hat, als die hier beschriebenen Beispiele. Sie erweitert den Blick auf die Möglichkeiten eines Genres, schärft die Aufmerksamkeit für Gemeinsamkeiten wie für Unterschiede, und offeriert dabei die Freiheit der Interpretation zu Geschichten und Gedanken.

Zur Ausstellung ist ein Künstlerbuch erschienen, das in seiner Gestaltung die Setzungen der Präsentation im Museum aufnimmt und um Essays ergänzt.

‚Figuren: Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover‘, eine Ausstellung aus Anlass der Verleihung des SPECTRUM – Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen’ 2017 an die Künstlerin, bis zum 6. Mai im Sprengel Museum, Hannover

Dienstag 10 – 20 Uhr

Mittwoch bis Sonntag 10 – 18 Uhr

 

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