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Ich will sehen, was du siehst. Ich will fühlen, was du fühlst. Ich will wie du sein. Ich will perfekt sein. Ich sehe. Ich fühle. Ich bin ein Instrument in deiner Hand, eine Scheibe, ein Spiegel, Technik. Ich bin der Unterschied, die Grenze, der Körper, der sich mit dir bewegt, der dich bewegt.

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Ian Edmonds in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Da ist immer Innen und Außen. Und immer, ob man will oder nicht, Gleichzeitigkeit. Selbst in der Einsamkeit, erst recht in Gesellschaft. Die Konstante, die Grundlage von allem, ist die Gleichzeitigkeit.

Sie fordert erst die Positionierung auf den eigenen oder den Blick auf andere Körper. Ohne sie kein Miteinander als Wunsch nach Vervollständigung des Individuums in der Gemeinschaft.

Die Suche nach Wir ist die Suche nach einer möglichen Teilenteignung des Gegenüber.

Und die Suche nach Wir ist die Akzeptanz einer Teilenteignung des Ego.

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Lea Welsch, Emma Daniel, Mickey Mahar und Thilo Garus Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Zwischen Ich und Wir und Uns und der Welt liegt eine hauchdünne Scheibe, die trennt, die spiegelt, die ein Käfig ist und ein undurchdringlicher Schutzraum.

In Anne Imhofs ‚Faust‘ im Deutschen Pavillon der Venedig Biennale ist die unüberwindbare Distanz der Individuen Grundlage einer performativen Auseinandersetzung mit den Befindlichkeiten des Menschen in einer Gesellschaft der Entfremdung in Nähe.

Nie waren wir uns so erreichbar und erfahrbar, und nie waren wir uns so fremd, wie heute.

Der Blick richtet sich auf eine Welt im strukturellen Wandel, und auf die Erkenntnis, das wir die gestaltende Hoheit aus den Händen gegeben haben.

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Eliza Douglas und Franziska Aigner in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Wir erkennen die Individualität des Gegenüber noch, aber wir akzeptieren sie immer weniger. Indem wir unsere Kameras auf die Welt richten, richten wir sie auf uns. Unser Ausschnitt von der Welt ist ein Mantel aus Licht um uns selbst. Zeugenschaft ist Veortung, nicht mehr die Kraft des bezeugen Könnens.

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Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

‚Faust‘ ist ein Spiegel und ein Schaufenster zugleich. Ich sehe mich in den Scheiben, über die ich laufe, ich sehe mich in den halbtransparenten Spiegeln und ich sehe mich in den Augen der Performer. Ich sehe mich in den Augen der Menschen, die mit mir hier sind. Ich sehe mich in den Suchern ihrer Kameras, auf ihren Handydisplays. Ich sehe mich in ihren Bewegungen. Ich stehe immer und überall und im Bezug zu allem und allen auf allen möglichen Seiten ein und derselben Geschichte.

‚Faust junior‘ ist eine eigenständige Erzählung, die ‚Faust‘ während der Dauer der Biennale über die Tage trägt, ein 2stündiges Intervall zwischen den Aufführungen der 4stündigen Langfassung. Ein Konzentrat der Offenbarung und der Referenzen.

‚Faust‘ ist die Geschichte von Allem. Ganz tatsächlich, spürbar, erlebbar. Wer sich in diese Erzählung begibt, kommt um den Kampf mit sich nicht herum.

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Mickey Mahar, Franziska Aigner und Enad Marouf in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Die Wahrheit ist: es gibt keine Performance außer der, die wir als solche definieren. Je länger wir versuchen, uns der Illusion einer Trennung in Ich und die Anderen hinzugeben, je länger wir um Eigenständigkeit kämpfen, umso schmerzhafter wird schließlich die Erkenntnis von Abhängigkeit, von Kontrollverlust.

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Eliza Douglas, Lea Welsch und Billy Bultheel in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Wie ein Schwarm bewegend wir uns alle im Raum, als Performer, mit den Performern. Wie Fische, die ihr Heil im Schwarm und der Illusion von Größe suchen, schwimmen wir durch den Raum, miteinander verbunden nur durch die Gemeinsamkeit der Bewegung, eine fast schon gespenstische Synchronität. Wir setzen uns zueinander in Bezug, und doch sind wir als Individuum in diesem Tanz verloren.

Spätestens Taktik und Egoismus zerreißen die Gruppe und spalten sie auf, machen sie verletzlich.

Anne Imhofs Arbeit befragt Standpunkte als Ausdruck der Weltsicht des Individuums und Standorte als Ausdruck der vielschichtigen Möglichkeiten von Wahrnehmung im Raum, als Lebewesen, Tier, Mensch, Schöpfer, Täter, Opfer.

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Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

In diesem Sinne scheint sie mir auch die Frage nach dem Ort des Betrachters in Beziehung auf sein Gegenüber zu beantworten. Die trennende Scheibe zwischen uns, durch die wir die Welt und unsere Gegenüber wahrnehmen, ist immer ein Spiegel. Vom Tier trennt uns in diesem Spiel des Lebens nur die Tatsache, das wir diesen Spiegel geschaffen haben.

Was ist der Preis einer Aufrechterhaltung der Individualität bei gleichzeitiger Absorption durch das selbstgewählte Gegenüber?

Anne Imhof stellt diese Frage nicht nur für das Binnenverhältnis der Körper zueinander. Sie stellt diese Frage weit ausführlicher auch und vor allem für unser Verhältnis zu den Orten und Systemen, die wir als gesellschaftlichen Rahmen, als Institutionen und Räume geschaffen haben.

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Billy Bultheel und Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Wenn (unser?) Staat Architektur wäre, er sähe aus wie der Deutsche Pavillon in diesem Jahr. Massiv, ein Schutzraum, hohe Zäune, Hundezwinger, Dobermänner, Einschüchterungsarchitektur, Germania. Es gibt da diese schmale Stelle, an der alle die draußen bleiben müssen, einen Blick auf das Spiel des Lebens im Inneren werfen können.

 

Anteilnahme ja, Teilnahme nein.

Die Körper außen drücken sich gegen die Scheibe, recken die Köpfe, die Arme in die Höhe, die Kameras, die Handys, wollen Zeugen sein. Hinter ihnen die Giardini. Während sie hier stehen, scheinen sie den Bezug zu ihrer Umgebung verloren zu haben. Der Blick richtet sich nach Innen. Erstarrt und zu passiver Teilhabe gezwungen finden die darin Befriedigung. Sie sind die einzigen Zeugen des Tanzes und Kampfes, der sich hier abspielt.

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Eliza Douglas und Lea Welsch in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Hier, im Inneren, bewegen sich die seelenlosen Körper fremdgesteuert durch Raum und Zeit. Das Versprechen auf Erlösung gilt nur hier und wird nur hier nicht erfüllt.

Die Körper kämpfen miteinander. Über den Scheiben, die dem Boden des Pavillons eine zweite Ebene geben und den Raum noch stärker zu einem Ort der schwebenden Tänze werden lassen. Unter den Scheiben, einem Ort für die Geschichten, die das Leben erzählt. Unser aller Leben. An diesem Ort findet es statt.

Hierhin flüchtet sich die Essenz aller Individuen in diesen Räumen, um uns zu vereinnahmen. Hierhin fliehen unsere Seelen.

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Eliza Douglas und Lea Welsch in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Anziehung und Abstoßung, Liebe und Hass, Grenzerfahrung und Grenzziehung, Einsamkeit und Gemeinsamkeit, Feuer, Wasser, Licht, Erde.

Einmal haben sie sich zu uns herab begeben, sind in unsere Mitte eingetaucht, schließlich abgetaucht. Sie haben unsere Blicke und Sehnsüchte mitgenommen, unsere Wünsche und Hoffnungen. Indem sie durch unsere Mitte schritten, zwischen uns kämpften, uns bewegten ohne uns zu berühren, haben sie uns gleichzeitig belastet und befreit, uns entleert und mit neuer Kraft gefüllt.

Und für die gemeinsame Zeit an diesem Ort müssen sie so die Summe all dessen erfahren, ertragen und ausdrücken, was Leben ausmacht. Alles fällt auf sie, alles fällt in diese Körper.

Erst der Schritt zurück in die Giardini scheint mir für sie wie für uns die Befreiung im Augenblick zu sein.

Am Ende steht der kurze Moment echter Ergriffenheit, nicht aus Egoismus, sondern aus der unbedingten Erkenntnis, das so, ja: Wirklich! So und nicht anders! Leben ist. Eine große und unteilbare Geschichte, in der Aufwand und Ertrag sich immer die Waage halten, und es dabei immer recht unwahrscheinlich ist, dass es dabei eine Beziehung zum Individuum gibt.

Was Leben heißt, und worum wir kämpfen, wenn wir leben: nicht weniger erzählt mir Anne Imhofs ‚Faust‘.

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Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017 Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia © Fotografie: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Und gerade hier, in Venedig, diesem Ort der so sehr wie kaum ein anderer von der millionenfach geteilten Wahrnehmung desselben lebt, von dem Bild und den Bildern, die wir uns von ihm und damit von uns machen, spiegeln sich die Motive dieser Geschichte. Wahrheit und Schein, Vergangenheit und Gegenwart, Staat, Individuum, Gewalt, Liebe, Egoismus und Altruismus, Wasser und Erde. Alles ist hier, alles durchdrungen durch uns, Eroberer und Besiegte.

Anne Imhofs ‚Faust‘ ist bewusste Überwältigung, streckt einen nieder und lässt die Spuren und Schmerzen des Kampfes noch lange sichtbar und spürbar bleiben.

Das dies so überzeugend, so überwältigend und niederschmetternd funktionieren kann, verdankt sich neben der kongenialen Arbeit von Anne Imhof vor allem dem Ensemble von Performerinnen und Performern. Durch ihre Körper und mit ihren Körpern fließt die Kraft dieses Stückes.

IMG_9535Es ist schwierig, die Erfahrung, die man hier als ‚Publikum‘ macht, wirklich und wahrhaftig zu teilen. Nicht nur, weil es doch eine sehr subjektive Wahrnehmung ist, sondern natürlich auch, weil es hier um Bewegung geht, die sich auch mit kurzen Handyvideos nicht einfangen und vermitteln lässt. Das man trotzdem ein Gefühl für die Körperlichkeit, die Direktheit und auch die Bewegungen bekommt, auch wenn man nicht dabei war, oder wenn man sich erinnern möchte, liegt an den großartigen Fotografien von Nadine Fraczkowski, die ich auch hier im Post verwende.

Bei Koenig Books ist der empfehlenswerte Katalog erschienen, der Prozess, Umsetzung und das Zusammenspiel von beidem dokumentiert.

Die Langversion FAUST gibt es noch vom 3. – 6. Oktober und vom 23. – 26. November, jeweils ab 11 Uhr zu erleben (Dauer ca. 4 Std.).

FAUST jr., Grundlage meines Textes, immer Mittwochs bis Sonntags ab 11 Uhr (Dauer ca. 2 Std.).

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