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Bewegte Zeiten, bewegtes Wasser.

Das Vaporetto der Linie 1 schaukelt im Berufsverkehr auf dem Canal Grande von einer Station zur nächsten, von einer Seite zur anderen. Im Inneren sitzen die Einheimischen, oder zumindest wohl  Menschen, die hier arbeiten. Ihre Blicke sind starr ins Nirgendwo gerichtet, oder in die Tageszeitung, oder aufs Handy, oder auf den Boden, oder hinter einer Sonnenbrille stechend auf dich. Draußen stehen die Touristen.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Delfino Sisto Legnani and Marco Cappelletti Courtesy Fondazione Prada Alexander Kluge Die sanfte Schminke des Lichts (The Soft Makeup of Lighting), 2007 Anna Viebrock Runners, 2009 Anna Viebrock Four doors, 2017

Der Reiz der Inszenierung liegt in der Schönheit der Kulisse. Sie ist das Motiv, sie ist der Auslöser für Erzählungen und der Beginn von Geschichten, die Märchen sind, denke ich.

Inszenierung giert nach Perfektion. Jedes Motiv ist nicht nur ein Grund sondern auch eine Ort. In der Inszenierung finden Grund und Ort zusammen. Es kann das zehntausendste Foto nicht zerstören, was das erste nicht zerstört hat, oder?

Die Bilder, die wir uns von einem Ort machen, schließen das Geheimnis des Ortes nur noch stärker ein. Und sie machen ihn zu einer Festung.

Schon der Weg hierher scheint Kulisse. Eine perfekte Inszenierung der Notwendigkeiten in Abhängigkeit. Das hier ist die Straße, das hier ist Wasser. Wasser, das nur scheinbar gezügelt ist. Mit den Wellenbewegungen an diesem sonnigen Vormittag trägt es auch seine Spielregeln unter den Schiffen und Booten entlang an die Hauswände und in die kleinen Kanäle zwischen ihnen.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Delfino Sisto Legnani and Marco Cappelletti Courtesy Fondazione Prada Thomas Demand Backyard, 2014

Ich bin nie anders, scheint es zu sagen. Ich bin berechenbar, weil ich unberechenbar bin. Ihr kennt die Regeln. Ihr kennt meine Stärke und wisst, dass ich unverwundbar bin und jeden Kampf gewinne.

Vielleicht erklärt das die Melancholie. Wie Ebbe und Flut ist sie mit den Fundamenten der Stadt verwoben und zerrt an ihnen. Und vielleicht erklärt es ein ganz menschliches Bedürfnis: die Lüge.

Der Reiz der Inszenierung liegt in der Perfektion der Lüge. Sie hebt einen über die Abhängigkeiten universeller Regeln und verschafft Erleichterung im Blick auf die sehr kleine Welt, die das Um-uns-herum ist, weil wir mehr nicht überblicken.

Das Abbild, die Kulisse, die Lüge. Alle ist immer dem Untergang geweiht. So viel Gewissheit ist da. Aber wenn das Loch, das im Rumpf klafft, und durch das stetig Wasser eindringt, von uns geschlagen wurde, dann kommt es auf die Qualität der Geschichte an, die uns wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht am Leben hält.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Attilio Maranzano Courtesy Fondazione Prada Anna Viebrock Four doors, 2017 Thomas Demand Daily #29, 2016

Die Station heisst San Stae. Hier steht die gleichnamige Kirche aus dem 17. Jahrhundert, in ihr bedeutende Gemälde venezianischer Maler des 18. Jahrhunderts. Ein heller, bewegter und würdevoller Ort, Grabstätte von Dogen, Anbetungsort, Ort der Ruhe. Unter den Gemälden auch Giambatista Tiepolos ‚Das Martyrium des Hl. Bartholomäus‘. Eine schreckliche Szene, voller Gewalt und Hoffnungslosigkeit, voller Schmerzen und Verzweiflung. Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.

Vielleicht ist das die notwendige Vorbereitung für alles, für die Tage die kommen, für die Blicke die bleiben.

Der Eingang zur Fondazione Prada gleich um ein paar Ecken weiter ist kein prachtvolles Tor, vielmehr, in der engen Gasse, in der hohen Hauswand, die den Blick in Richtung Himmel oder Wasser leitet, eine eher zurückhaltende, offene Tür.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Attilio Maranzano Courtesy Fondazione Prada Anna Viebrock Media system shelf, 2017 Alexander Kluge Stummfilm mit zwei O-Tonteilen (Silent Film with two Voice-over Sections), 2017 Thomas Demand Kontrollraum (Control Room), 2011

In diesen Räumen, der Dependance der Fondazione in Venedig, ereignet sich gleichsam Ungeheuerliches.

Drei Künstler haben unter der einladend führenden Hand des Kurators Udo Kittelmann eine Parallelwelt erschaffen. Eine Welt, in der man sich wie zwischen zwei Spiegelflächen stehend fühlt, die das eigene Bild unendlich in die Ferne tragen, kopieren und einfügen, verkleinern und konzentrieren. Dabei ist der eine Spiegel dieser unglaubliche Palast Ca’ Corner della Regina, der sich mit seinen drei mächtigen Stockwerken zwischen den Nachbargebäuden zum Canal vorgedrängelt zu haben scheint, und hier, mit bester Aussicht auf das Treiben im Wasser, zum Stehen gekommen ist.

Und der andere Spiegel sind die Arbeiten von Anne Viebrock, Alexander Kluge und Thomas Demand, die in den Räumen, Gängen, Winkeln, an den Decken und in den Treppenhäusern des Palazzo miteinander, mit dem Betrachter, dem Gebäude und der Welt kommunizieren.

‚Everybody knows that the boat is leaking

Everybody knows that the captain lied’

singt Leonard Cohen. Jeder weiss, alles ist Fassade, jeder weiss um den Lug und Trug, jeder fühlt die tiefsten Schnitte und Verwundungen, und jeder sieht die Wahrheit beim Blick in den Spiegel. Das Boot wird sinken, keine Frage. Aber bitte mit der Würde überzeugend gespielter Ahnungslosigkeit.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Delfino Sisto Legnani and Marco Cappelletti Courtesy Fondazione Prada Anna Viebrock Stage, 2017 Alexander Kluge Terror = Furcht und Schrecken (Terror = Fear and Horror), 2017

Anne Viebrock erschafft die Räume, in denen gespielt werden darf. Sie sind die Erweiterungen kollektiv erfahrbarer Welten und stülpen sich doch wie Blasen eines Paralleluniversums aus unserer Welt. Hier, in diesen Räumen, die alte Pracht nur noch als Kulisse vorgaukeln und die wie ein memento mori in die Stille rufen, erschaffen ihre Bühnenbilder – seien es jene aus zurückliegenden Theaterproduktionen vorwiegend mit dem ebenso kongenialen Christoph Marthaler, oder neu entstandene – zweierlei:

Sie steigern die Begeisterung für die Arbeiten der Künstlerin, deren Akribie und Unbedingtheit Bühnen zu Welten macht, Geschichten zu Erlebnissen und Inszenierungen zu Wahrheiten.

Und sie beweisen die Fadenscheinigkeit des Ortes, der Zeit, der Motive. Ihre Wände sind dünne Membranen in dem ‚Dazwischen‘, das wir hier als ‚Davor‘ und ‚Dahinter‘ erleben können. Die Wände von Wohnräumen und Fluren werden zu Holzplatten und Streben.

Die Wirklichkeit ist auf der Rückseite eine Konstruktion.

Die Perfektion ist atemberaubend. Wie sich alles eben auch hier fügt und einfügt. Im Zentrum, einer Imitation von Ausstellungsraum, hängen mehrere Gemälde von Angelo Morbelli, die alle dasselbe Motiv – das heisst in diesem Fall: denselben Raum – abbilden, nämlich einen Saal in einem Altenheim für Männer. Morbelli hat den Raum aus verschiedenen Perspektiven gemalt, unbelebt und belebt.

In einem der Bilder sind die Kirchenbänken gleichen Bankreihen gefüllt mit den alten Männern, die hier ihren Lebensabend verbringen. Sie essen, schreiben, diskutieren, sinnieren, sind erschöpft.

‚Giorni…ultimi!‘. Da ist fast ein Sehnen nach dem nahen Ende, keine Hoffnung in den Blicken, kein  Aufbruch mehr, nurmehr Resignation, Ernüchterung, Erkenntnis von ,So war es immer schon, so wird es immer sein‘.

Letzte Tage! Die Geschichte will, dass Demand, Kluge und Viebrock in dem Bild alte Seeleute sahen, das Bild von Schiff, Wasser, Gezeiten und Untergang war geboren.

Anne Viebrock hat den Bildraum nachgebaut, jetzt sitzen hier die Besucher der Ausstellung in den Bänken.

Vor ihnen Monitore, die Filme von Alexander Kluge zeigen. Kluge ist der Kapitän eines Schiffes, das uns Seekranke durch die hohen und unberechenbaren Wellen zwingt, die er mit sicherer Hand ansteuert.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Attilio Maranzano Courtesy Fondazione Prada Anna Viebrock Cinema, 2007 Alexander Kluge Three films projected in loop: Abschied von Gestern (Yesterday Girl), 1965-66 Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit (The Assault of the Present on the Remaining Time), 1985 Lerner & Liebe in einem Meer von Krieg (Learning and Love in a Sea of War), 2016

Seine Montagen, Interviews, seine Geschichten, sind messerscharfe Analysen von Gesellschaften und Inszenierungen von Lebenskonzentraten.

In der Ausstellung sind sie, verwoben mit den Räumen und den inneren Architekturen, Retrospektive, Einblick und Ausblick. Kluge erzählt von brüchigen Biografien, untergegangenen Welten, von Mythologie und Märchen. Er erzählt Geschichte und Geschichten als Vorbilder, im Sinne der notwendig bewegten Vorstufen zu einem Ergebnis, einem Abbild, einem Standbild, das als Maßstab gelten darf für Zeitgeist und Befindlichkeit.

In den Räumen, mit den Filmen, aus der Architektur und aus der Bewegung kommen die Fotografien von Thomas Demand. Sie fangen als zerstörte Konstruktionen einer Wirklichkeit Momente ein, die im Strom der Zeit verflossen sind.

Man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Die Kälte, die an unseren Beinen entlangzieht ist der immer wieder neue Eindruck einer gedachten Kontinuität, in der wir uns wünschen, dass in der Endlichkeit auch der Ausweg liegt. Demand baut den Fluß, das Leben, den Moment nach und hält ihn fest. Seine Bilderbilder sind die Momentaufnahmen der Kulissen in denen wir wandeln und in denen wir die Motive entdecken – oder eher: sie uns.

Es gibt in der Kombination der drei Standpunkte künstlerischer Arbeit eine ganz zarte und mäandernde Schnur, der man in diesen Räumen folgen kann, und die einen von Film zu Bild zu Kulisse, zu allem oder etwas anderem führt. Sie ist nicht als Leitschnur hier, jeder ist frei die Räume als Kunst und die Kunst in den und mit den Räumen im eigen Rythmus zu erkunden. Aus jedem Weg, dem man so folgt, durch jede Tür, die man so öffnet, durch jede Kulisse hinter die man blickt, jeden Film, den man sieht und jede Fotografie, die man betrachtet, ergibt sich die Welt, die man verlässt, wenn man wieder vor die Tür, den Spiegel, in die große Kulisse der Stadt tritt.

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Attilio Maranzano Courtesy Fondazione Prada Thomas Demand Ruine (Ruin), 2015

Dann schwankt man auf festem Boden vielleicht ein wenig, und vielleicht hat man schon nasse Füße, weil das Wasser bereits steigt. Noch mag jeder und alles hier Hoffnung propagieren, aber wie lange will man noch darauf setzen?

Und vor allem: wenn über Bord springen die Rettung sein könnte, wohin springen? Vielleicht werden wir eine ganz neue Idee überzeugender Inszenierung brauchen, um den Untergang zu überleben.

Es sind unruhige Zeiten, ohne Sicherheit, ohne Garantien. Dass kann man herausposaunen, oder man sagt und zeigt es so feinsinnig, nahbar, eindrücklich und klar wie Udo Kittelmann, Anne Viebrock, Thomas Demand und Alexander Kluge in der Ausstellung ,The Boat is Leaking. The Captain Lied‘ in den Räumen der Fondazione Prada, Venedig.

 

‚The Boat is Leaking. The Captain Lied.‘, Fonadzione Prada, Venedig, bis zum 26. November.

Mi. – Mo. 10 – 18 Uhr

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View of the exhibition “The Boat is Leaking. The Captain Lied.” Fondazione Prada, Venice 13 May 2017 – 26 November 2017 Photo Delfino Sisto Legnani and Marco Cappelletti Courtesy Fondazione Prada From left to right: Thomas Demand Konstellation (Constellation), 2000 Anna Viebrock Doors, 2017 Thomas Demand Archiv (Archive), 1995

Den Katalog zur Ausstellung gibt es nur in der Fondazione zu erwerben, und ich empfehle jedem, hier die 50€ dafür auszugeben. Dafür bekommt man ein Set aus Ausstellungskatalog mit großartigen Texten von Udo Kittelmann, Devin Fore, Niccolò Gravina, Rachel Kushner, Ben Lerner, Helmut Lethen, Alexander Kluge, Thomas Oberender und Aurora Scotti und einer wunderbare Bildstrecke plus die exklusive englische Ausgabe einer Novelle von Alexander Kluge, ‚Kong’s Finest Hour. A Chronicle of Connections‘.

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