search instagram arrow-down
Kai Eric Schwichtenberg

ME

HIGH 5

BACKWARD

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

FORWARD

Statistik

@retrospektiven on Twitter

Follow RETROSPEKTIVEN on WordPress.com
münsterBLOGs

Großveranstaltungen in der Kunst sehen sich immer einer besonders kritischen Beobachtung ausgesetzt. Sie müssen sich den Vorwurf der Eventisierung gefallen lassen, der Uneindeutigkeit, Beliebigkeit, Redundanz usw. Sie sind entweder zu politisch, oder nicht politisch genug. Sie sind entweder zeitgemäß, oder aus der Zeit gefallen. Sie sind entweder Dekoration oder Motivation. Die Skulptur Projekte haben in jeder ihrer Ausgaben, spätestens seit der gefühlten ‚Etablierung‘ mit der Ausgabe von 1997, Anlass zu Gesprächen und Diskussionen auch dieser Art gegeben, denen vor allem aber eines gemeinsam war: sie haben einen Ort lebendig gemacht, der sonst gerne in seiner spiessigen Beschaulichkeit und einer heimelig-touristischen Sogwirkung versinkt.

Münster ist auf keiner vorstellbaren Landkarte ein wirklich besonderer Ort. Seine Koordinaten sind ‚Norddeutschland‘, ‚in der Nähe der niederländischen Grenze‘, ‚südlich von Hamburg‘, nördlich von Dortmund’.

Aber: die Flexibilität des Ortes birgt gerade seine größte Stärke. Münster ist eine überzeugende Kulisse und ein perfektes Experimentierfeld.

Die Macher der Skulptur Projekte bedienen sich dieser Tatsache seit der ersten Ausgabe 1977, und der Zehnjahresrythmus erlaubt in der Zwischenzeit die Beobachtung der Langzeitwirkung an Mensch und Stadt.

Die fünfte Ausgabe, in diesem Jahr, ist meiner Meinung nach extrem gelungen. Warum?

Weil sie subtil aber nicht verkopft mit ihren Arbeiten die Stadträume besetzt, die nach vierzig Jahren Kunst im Öffentlichen Raum hier noch zur Verfügung stehen, ohne diesen zusätzlich zu beschweren. Weil sie feinfühlig und doch offensiv ist, wenn es darum geht gesellschaftlich relevante Themen und Entwicklungen anzusprechen. Weil sie Menschen, Einheimische wie Besucher, wahrnimmt und mitnimmt, statt sie hinter – auch intellektuellen – Absperrungen auf Distanz zu halten. Weil sie fehlerhaft ist, weil es auch – meiner Meinung nach –  schwache Arbeiten gibt. Und weil sie vor allem Entwicklungen künstlerischer Praxis auch dadurch Rechnung trägt, dass sie den Skulpturbegriff in und als Lebendigkeit definiert.

Ach ja: Und weil sie wieder ungeheure Lust darauf macht, mit Freunden und Fremden die Stadt zu entdecken, spazieren zu gehen, Fahrrad zu fahren, gute Gespräche zu führen, zu diskutieren, Kunst wahrhaft zu erleben.

Im ersten Teil meiner Skulpturen Tour schlage ich einen Rundgang vor, der am besten zu Fuß machbar ist, aber sicher einen halben Tag Zeit beansprucht, damit genügen Zeit für Pausen, Wartezeiten und eben die guten Gespräche ist.

Startpunkt für den Ausflug ist der Servicepoint der Skulptur Projekte auf der Aegidiimarktseite des Landesmuseums, direkt neben dem Eingang zum Westfälischen Kunstverein. Im Servicepoint bekommt man – neben allerlei Merchandise – für 3€ auch den sinnvollen Stadtplan, der auf der Wegeführung meines Rundgangs sicher hilfreich sein kann, sei es zur Übersicht, für Abkürzungen oder Abstecher und auch, um einige Skulpturen der vergangenen Jahrzehnte zu entdecken, die auf dem Weg liegen.

Los geht es!

 

 

Wer? 

Ludger Gerdes

Was?

‚Angst‘, 1989

Wie?

Ein Golfspieler, eine Kirche und dazwischen der Schriftzug ‚Angst‘. Diese Installation findet sich normalerweise am Verwaltungstrakt des Marler Rathauses und ist im Zuge der Skulptur Projekte jetzt in Münster zu sehen. Und ehrlichgesagt kann ich mir kaum einen besseren Platz dafür vorstellen, als den gerade jetzt, gerade hier. Quasi über den Dächern der Stadt – oder auf Höhe der Kirchtürme – scheint sie mir ein vortrefflicher und ätzender Kommentar auf die Münsteraner Gesellschaft zu sein, die ihre Wohlstandsblase zwischen Golfplatz und Sühneort immer wieder angstbehaftet austariert, in der Sorge vor dem Verlust ihrer Statussymbole, ihrer Stellung, ihres Vermögens usw… Meiner Meinung nach der mit Abstand überzeugendste ‚Tausch‘ zwischen Marl und Münster. Quasi ein Memento Mori, das bleiben müsste. Eine weithin leuchtende Sozialkritik.

Wo?

https://goo.gl/maps/WzNcvQSncpS2

 

 

 

Wer?

Peles Empire

Was?

Sculpture [Skulptur]

Wie?

Das Künstlerinnenduo Peles Empire folgt in seinen installativen Arbeiten immer wieder der Idee, unsere Vorstellung von Orten und Räumen in Frage zu stellen. In ihren Rauminstallationen bilden sie so zum Beispiel ihre Ateliersituation mit Werkstücken, Werkzeugen und Abfallprodukten als fotografische Abbildung auf dem Boden nach, übertragen sie auf Fliesenflächen an Stelen im Raum oder auch auf Wandteppiche. Immer scheint es mir dabei auch darum zu gehen, mit bildlichen und architektonischen Erzähltraditionen zu spielen und sie zu durchbrechen. Ein immer wiederkehrendes Motiv sind Abbildungen des rumänischen Schloss Peles. Im Falle ihrer Arbeit für Münster, findet sich diese Abbildung auf einer Giebelhausattrappe, die einem vermeintlichen Giebelhaus vorgestellt ist. So ergibt sich eine deutliche Remeniszenz an die Giebelhäuser Münsters, aber eben auch im Sinne der gebrochenen Tradition, ein Hinweis auf ihre Künstlichkeit als Nachkriegsbauten im ‚alten Stil‘. Dieses Haus ist aus verzinktem Stahl und seine Fassade nur Vortäuschung. Und sein Name ist ‚Skulptur‘, Kunstwerk, Imagination. Allein schon, weil Peles Empire mit der Skulptur gerade diesen Ort, einen Parkplatz, besetzt haben und halten, –  Münster-Insider mögen an den Wandel des ‚Stubengassenparkplatzes‘ zur jetzigen, bebauten Stubengasse denken – eine herrlich subversive Arbeit.

Wo?

https://goo.gl/maps/uXfGYu7GKcn

 

 

Wer?

Koki Tanaka

Was?

Provisional Studies: Workshop #7 How to Live Together and Sharing the Unknown [Provisorische Studien: Workshop #7 Wie zusammen leben und das Unbekannte teilen]

Wie?

Wie gehen Menschen in gesellschaftlichen Krisen miteinander um? Im Keller des Gebäudes befindet sich eine spärlich eingerichtete Wohnsituation, ein Übergangsrefugium. Aus dem Kellerfenster fällt der Blick auf den Aegidiimarkt auf der anderen Straßenseite. Tief im Keller dieses Gebäudekomplexes befindet sich ein Luftschutzkeller, der bis zu 3000 Menschen im Falle eines Atomangriffs Schutz bieten sollte. Tanaka hat acht MünsteranerInnen in einem Workshop eingeladen, sich als unbekannte Menschen gegenüber zu treten und in den unterschiedlichsten Situationen miteinander zu kommunizieren, zuzuhören und zu leben. Die gefilmten (Gesprächs)-Situationen geben einen eindringlichen Hinweis auf das Verhalten von Menschen in Extrem, in denen sie gezwungen sind, als sich Fremde, miteinander und füreinander zu handeln, zu diskutieren, zu argumentieren, zu überleben. Die Notizen des Künstlers selbst, die er als aussenstehender Beobachter in dieser Zeit gemacht hat, bilden neben den Videos der einen ergänzenden und doch eigenständigen Komplex des Werkes, und sind vor Ort in Heftform mitzunehmen. Hier lohnt es sich in jedem Fall, sich Zeit zu nehmen für die zahlreichen Stimmen und Eindrücke. Es ist nicht nur extrem spannend den Gesprächen der Teilnehmer in den Videos zuzuhören, sondern auch, die Menschen zu beobachten, die hier mit einem im Raum sind, die Fremden, die Anderen.

Wo?

https://goo.gl/maps/Z3ouewHRNmw

 

 

Wer?

Gregor Schneider

Was?

N. Schmidt, Pferdegasse 19, 48143 Münster

Wie?

Über einen sonst von außen unzugänglichen Eingang betritt man das Landesmuseum, Adresse Pferdegasse 19, und damit, einige Etagen höher gestiegen, die Wohnung von N. Schmidt. Das Eindringen in private Räume steht immer wieder im Mittelpunkt des Werkes von Gregor Schneider.  Immer gilt es dabei die Diskrepanz von Privatem und Öffentlichem zu erkennen und im besonderen Sinne zu erleben. In den eingebauten Wohnungen und Räumen schleicht sich bald ein Unwohlsein ein, das nicht nur mit dieser vermeintlichen Distanzlosigkeit zu tun hat. Die Räume erscheinen darüber hinaus gespenstisch und gespenstisch leer. Nur die Erfahrung des Besuchers ergänzt ihre Funktion und erzählt damit ganz individuell von Vorstellung und Erfahrung. Die Frage, wer N. Schmidt ist, bleibt in vielerlei Hinsicht unbeantwortet, beziehungsweise beantwortet sich nur aus den Puzzleteilen, die man hier selbst zu ergänzen versucht. In diesem Fall spielt nicht zuletzt die Einbausituation – private Räume in einem öffentlichen Gebäude, vor allem: einem Museum – eine nicht unerhebliche Rolle für die Wahrnehmung. Gregor Schneider erlaubt immer nur zwei Personen den Zugang zu dieser Wohnung, was einerseits die Erfahrung noch verstärkt, andererseits aber – dies als Hinweis zum Besuch – für Wartezeiten sorgen kann.

Wo?

https://goo.gl/maps/7PifsLZw6mz

 

 

Wer?

Nicole Eisenman

Was?

Sketch for a Fountain [Skizze für einen Brunnen]

Wie?

Nicole Eisenman hat sich einen besonderen Platz auf der Promenade für Ihre Brunnenskulptur ausgesucht. Am Rande einer Cruisingarea gelegen, spielt sie mit ihren nackten aber geschlechtsunspezifischen Figuren aus Bronze oder Gips auch auf Rollenvorstellungen und -klischees der Gesellschaft an, ähnlich, wie auch unsere Vorstellung von Brunnenfiguren aus Erfahrung und Tradition mit bestimmten Rollen und Aufgaben verbunden sind. Die heroische Statue der klassischen Brunnen wird hier zum sexuellen und nicht wirklich definierbaren Körper als Abbild vieler Vorstellungen möglicher Körper. Dieser Brunnen steht damit einerseits in der Tradition vieler klasssicher Brunnen, die inzwischen auch jenseits ihrer Geschichte eher als Ort der Erfrischung gesehen werden und lädt andererseits an diesem Ort geradezu dazu ein, ihn als Ort der Interaktion wahrzunehmen. Eisenman gibt nicht nur der Institution ‚Brunnen‘ ihre wohlverdiente Leichtigkeit und tatsächliche Zugänglichkeit zurück, sie eröffnet damit vor allem gleichzeitig ganz hintergründig und mit Humor eine Diskussion zu Sexualität, Geschlecht und Identität. Meine Lieblingsarbeit und einer meiner Lieblingsorte der Skulptur Projekte in dieser Ausgabe!

Wo?

https://goo.gl/maps/bFJtfxEy8J62

 

 

Wer?

Mika Rottenberg

Was?

Cosmic Generator

Wie?

Ein ganz und gar ungewöhnlich gewöhnlicher Ort ist dieser Asia Markt. Schon beim Eintreten scheint er wie ein Portal in eine andere, aber irgendwie auch vertraute Welt. Nur noch vereinzelt erinnern klischeehafte Utensilien in den Regalen und Auslagen an die vermeintlich ehemalige Bestimmung und Nutzung. Hier wird wohl eher schon länger nichts mehr verkauft, allerdings wert darauf gelegt, dass in allen Versatzstücken die ursprüngliche – oder gedachte – Nutzung offenbar wird. Nachdem man einige Räume des Ladens durchquert hat, erwartet einen in einem Hinterzimmer die zugehörige  Videoarbeit von Mika Rottenberg, die skurril, überzeichnet und in einem ebenso fiktiven Setting von den Handelswegen erzählen, die Menschen zueinander in Abhängigkeit bringen, Kulturen, Länder und Grenzen überschreitend. Dieses Video, dieser Raum, erscheint wie der Einstieg in das Tunnelsystem, dass Handelsorte auf der Welt miteinander verbindet. Das Leiden und die Abhängigkeit des Individuums, sein Stress und seine Müdigkeit, die drohende Überhitzung eines sich selbst mit den Mitteln der Ausbeutung erhaltenden Organismus, werden offensichtlich. Ein wunderbares Ready-made, vor allem, weil es die Erfahrbarkeit erhält, und nicht in die langweilende Kunsttherio abdriftet, die einem so oft so viel verleidet.

Wo?

https://goo.gl/maps/a1jbqhQoJUG2

 

 

Wer?

CAMP

Was?

Matrix

Wie?

Das indische Künstlerkollektiv CAMP verbindet mit seiner Installation nicht nur architektonische Elemente des Theatergebäudes durch ein Netz aus schwarzen Kabeln, das sich zwischen dem verbliebenen Element des Altbaus und dem Neubau spannt. Gleichzeit verbindet es damit, und darüber hinaus, auch entscheidende Elemente der Stadtgeschichte und der Stadtkultur. Der erste Theaterneubau in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg ist über multimediale Elemente erfahrbares Zentrum einer Bewusstwerdung von Neuanfang, Tradition und Fortschritt. Über an Kabeln hängende Druckknöpfe, die an drei Positionen hier im Innenhof zu finden sind, erlauben CAMP eine direkte Interaktion mit drei entscheidenen Elementen von Ortsgeschichte. So werden Beziehungen zur benachbarten Kirche, zum Pressehaus der MZ und zur Architektur und zeitgeschichtlichen Elementen des Theaters hergestellt. Drei Orte der Kommunikation – Kirche, Presse und Theater – werden so durch direkte und demokratische Einwirkung des Besuchers aktiviert und in Beziehung zueinander und dem Akteur gesetzt. Mehr als ‚Mitmach-Kunst‘, eher Besinnung auf Zusammenhänge und Geschichten, die sich manchmal nur noch durch den neuen Blick, den Blick auch aus einer anderen Kultur, erzählen lassen.

Wo?

https://goo.gl/maps/Bat6LRLjLwL2

 

 

Wer?

Bárbara Wagner und Benjamin de Burca

Was?

Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie

Wie?

Ich war in den bald zwanzig Jahren, die ich jetzt schon in Münster lebe, noch nie in der Elephant Lounge, die es immerhin schon seit 1974 an dieser Stelle gibt. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich diesen Ort immer sehr mit einem Publikum und einer Musik in Verbindung gebracht habe, der ich mich nicht zugehörig gefühlt habe. Diese seltsam konsequente Abneigung vor Schlagermusik etwa, hat sicher auch – unterschwellig oder deutlich artikuliert – etwas damit zu tun, wie man dieses Musikgenre als gesellschaftlich relevant einordnet und/oder respektiert und akzeptiert. In den hier nun von den Künstlern gezeigten und vor Ort produzierten Musikvideos, in denen Schlager wieder auflebt, performt von Sängerinnen und Sängern in den Rollen von Schlagerstars wie Udo Jürgens oder Helene Fischer, erlebt diese Musikrichtung ein bald unausweichliches Revival in der ‚Hochkultur‘ eines Ausstellungskonzeptes wie der Skulptur Projekte. Und damit ist auch er wieder angekommen in der Stadtgesellschaft: ein Revival aus ungewohnter Richtung in einem faszinierenden Raum. Eine großartige Arbeit, fast etwas sentimental, an einem irgendwie verwunschenen Ort. Und wenn sich die Augen erst an die Dunkelheit hier gewöhnen müssen, offenbaren sich die anderen ‚Schlagerfans‘ nur langsam, als wäre man in einem geheimen Club, einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Wo?

https://goo.gl/maps/mbkhbkMQrtt

 

 

Wer?

Alexandra Pirici

Was?

Leaking Territories [Undichte Territorien]

Wie?

In ihrer performativen Praxis hat sich Alexandra Pirici schon häufig mit der faktischen und durch die Geschichte aufgeladenen Schwere von Denkmälern auseinandergesetzt und ihnen die Leichtigkeit, Flexibilität, aber auch körperliche Unterlegenheit des menschlichen Körpers entgegengesetzt. Mit ihren Performances gibt sie die in Stein gemeisselte oder in Räumen gebundene Geschichte an die Menschen zurück, lässt sie lebendig werden und stellt damit eine bewegende Nähe zu Themen und Zeitlinien her. Der Friedensaal in Münster ist als Stiftungsort des Westfälischen Friedens eine Adresse der europäischen Geschichte von Krieg und Frieden, Grenzen und Freiheit, Monolog und Dialog. Pirici lässt die Körper ihrer Performer eben diese Geschichte als lebendige Geschichte auch der näheren Vergangenheit und selbst der gemeinsamen Gegenwart nacherzählen, und für die Besucher nachempfinden. Eine zutiefst bewegende, wichtige, grenzenlose Arbeit, die für mich zu den Highlights der Skulptur Projekte gehört, und für deren Realisierung durch finanzielle Förderung ich dem Freundeskreis des LWL-Museums für Kunst und Kultur sehr dankbar bin. Auch hier kann es verständlicherweise  zu Wartezeiten kommen.

Wo?

https://goo.gl/maps/Gt1ADsreWMD2

 

 

Wer?

Nairy Baghramian

Was?

Beliebte Stellen / Privileged Points

Wie?

Sind das beliebte Stellen, an denen etwas bricht? Oder vielleicht beliebte Stellen, an denen etwas zusammenwächst? Nairy Baghramians Skulptur eröffnet Spielraum für zahlreiche Interpretationsversuche, und ich kann mir vorstellen, dass die Künstlerin auch mit diesen Möglichkeiten spielt. Ihre Bronzestücke haben etwas organisches, aber auch den Gestus des Malerischen, wirken einerseits wie die harte und doch ganz offensichtlich an mehreren Stellen spröde Knochensubstanz, andererseits wie Pinselstriche aus Wasserfarbe, deren Ergebnis auf dem Papier verläuft. Die Zugehörigkeit zum Ort, als Geste wie als Material, scheint aber eine besondere Rolle zu spielen: Hier, wo einmal Richard Serras großartiger Beitrag für die Skulptur Projekte 1987 (Trunk, J. Conrad Schlaun Recomposed) stand, der bei aller schon im Titel offensichtlichen Ortsgebundenheit heute in St. Gallen deplatziert ist, schafft sie eine Arbeit, die Ortsbezug und Wandelbarkeit, Aufbau und Abbau, und damit die Abhängigkeiten, denen Kunst auch ausgesetzt ist, thematisiert. Es wird vor allem spannend sein, zu beobachten, wie sich diese beliebte Stelle mit dem Werk weiterentwickelt und wie sich im Anschluss an die Skulptur Projekte dieses Werk weiterentwickelt, ergänzt und vervollständigt.

Wo?

https://goo.gl/maps/axpo7G9yvu82

Meine Empfehlung: an dieser Stelle, kurz vor Ende der Tour, einfach mal eine Pause machen. Bester Ort dafür ist die Pension Schmidt, direkt um die Ecke vom Erbdrostenhof.

 

 

Wer?

Nora Schultz

Was?

Pointing their fingers at an unidentified event out of frame [Deuten mit ihren Fingern auf ein unbekanntes Ereignis außerhalb des Rahmens]

Wie?

Das große und lichte Foyer des Landesmuseums ist schon in seiner Funktion als Durchgang zwischen Domplatz und Aegidiimarkt ein Raum der Ambivalenz. Nicht Draußen, aber auch nicht ganz Drinnen, nicht Platz, aber auch nicht nur Raum, nicht Öffentlichkeit, aber auch nicht Privat, nicht nur Stadt, nicht nur Museum. Nora Schultz öffnet diesen Ort mit ihrer Arbeit für den Blick auf die Vielschichtigkeit einer Rezeption.

Zum einen ist da der Teppichboden, den sie im Foyer verlegt hat. Keine aufdringliche Farbe, kein Effekt, eher das grauweiss des eigentlichen Bodens: So fällt er auswärtigen Besuchern vielleicht zunächst gar nicht so recht auf. Aber er verändert neben der Akustik des Raumes auch die Wahrnehmung seiner Bedeutung. Er wird zum Innenraum, geprägt durch ein klassisches Innenraumaccessoire. Auf einen Absatz des Treppengeländers hinauf in die Ausstellungsräume hat Schultz mit Olle Bærtlings Skulptur ‚YZI‘ (1969) eine Aussenskulptur aus Marl in diesen Innenraum gebracht. Ist sonst derer Himmel Hintergrund dieser skulpturalen Zeichnung, so sind jetzt die Wände hier ihre Leinwand. Videoprojektionen zeigen Aufnahmen von Go-Pro-Kameras und Drohnen, die an diesem Ort entstanden sind und die wirken, als wollten Insekten sich aus der Gefangenschaft des Raumes befreien: wie die Aufnahmegeräte selbst, gehören sie eher ins Draußen. Und auch die Anzeigetafeln an der Info tuen nicht immer dass, was man hier von ihnen erwartet.

Wo?

https://goo.gl/maps/a9bQCqtrwZK2

 

 

Wer?

John Knight

Was?

A work in situ

Wie?

Alle zehn Jahre fordern die Skulptur Projekte nicht nur die Besucherinnen und Besucher Münsters neu heraus, sich mit Kunst, dem Kunstbegriff und der Präsentation von Kunst im Öffentlichen Raum auseinanderzusetzen. Alle zehn Jahre bleibt auch ein Gewicht auf der Stadt liegen, das in der Addition der Jahre das Gleichgewicht der Stadtlandschaft verändert hat. Wie viel verträgt die Stadt, oder besser: wie viel vertragen die Menschen, die in ihr leben, bevor sie das Gefühl bekommen, in einem Museum zu leben? Hat die Institution Museum, insbesondere sind in diesem Fall, das Landesmuseum mit seinem imposanten Neubau, haben die Skulptur Projekte das Verhältnis Stadt/Menschen/Kunst schon aus der Waage gebracht? Noch scheint es nicht so zu sein, wenn man sich die Wasserwaage von John Knight betrachtet, die an der schlanken Spitze des Neubaus ebenso wie diese in den Himmel ragt. In alle Richtung – und ganz wunderbar humorvoll und direkt im Bezug zum Schriftzug ‚Museum für Kunst und Kultur‘ –  scheint noch alles in der Waage, im Gleichgewicht der Kräfte.

Wo?

https://goo.gl/maps/GGJ9nukcv8

 

Hunderttausende von Besuchern werden bis zum Abschluss der Skulptur Projekte durch Münster gelaufen sein, viele von ihnen auch durch das Foyer des Museums. Sie werden Spuren hinterlassen, in der Stadt und auf dem Teppich. Im besten Falle wird es ein Geben und Nehmen von Spuren sein. Im besten Fall bleibt der Stadt, bleibt uns, die Erinnerung an großartige Begegnungen, an Gespräche jenseits der Alltäglichkeit, an Erfahrungen. Und im besten Fall teilen wir das mit so vielen Besuchern wie möglich.

Ich wünsche viel Vergnügen auf dem Weg durch die Stadt, bei jeder Abkürzung, bei jeder Verlängerung des Weges.

In der kommenden Woche mache ich an dieser Stelle dann einen Tourenvorschlag für die Erkundung der Skulptur Projekte mit dem Rad.

Eine wichtige Hilfestellung gebe ich aber jetzt noch mit: die Skulptur Projekte App – für iOS und Android kostenlos zu bekommen (SP17-Navi) – ist neben Freunden und Familie der bestmögliche Begleiter auf jeder Tour. Sie ist Karte, Archiv, Information und Guide in einem, vertieft und erweitert den Blick, und bindet die Satelliten und die öffentliche Sammlung aus 40 Jahren Skulptur Projekte mit ein. Bitte herunterladen!!

Und: den Katalog kaufen! Der ist mit 15€ im Museum (18€ im Buchhandel) nicht nur besonders erschwinglich, sondern voller intelligenter Texte und Essays und ausserdem mit einem umfangreichen Bildteil versehen. Erschienen bei Spector Books.

3 comments on “Skulptur Projekte 2017, Teil I (die Fußtour)

  1. rainer kühn sagt:

    Gut, fahre die Fußtour zwar per Radl, aber ich stimme zu. In den zwei Wochen bisher habe ich latürnich auch die sagenumwobene Elephant Lounge besucht: und war begeistert! Ein toller Film um Schlager, Sehnsucht, Paradiese und Träume, mittendrin sagenhafte Bilder der Skulpturstadt Münster, und das alles in einem Ambiente, das paßt ohne jede Konnotation nach irgendwohin. – Die sehr leise Ironie zur Schlagertraumwelt von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca, die ja auch Utopiemomente transportiert, findet sich in der realen Musikwelt ähnlich wohl nur bei Christian Steiffen, gesehen nicht nur seine Clips in der Tube. Kurz: Am Drubbel eins meiner ‚Highlights‘ bisher..

    Gefällt 1 Person

  2. Ich werde am Sonntag die Skulpturen per Rad in Münster erkunden – und freue mich schon!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

RETROSPEKTIVEN

Kunst, subjektiv

fashion@society

Mode trifft Museum.

Pilotstories

Der Luftfahrt Blog

museumlifestyle

a lifestyle blog about the art scene

Vogelsfutter

Kulturblog von frau Vogel

kultur und kunst

aus Leidenschaft

MuseumsGlück

Ein Blog rund um digitale Projekte in Museen

%d Bloggern gefällt das: