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WOLFGANG TILLMANS, CEREMONY, 2007 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Von der naiven Reproduktion des Objekts auf dem Scannerbett eines Fotokopierers bis zum unkontrollierbaren Effekt von Chemie auf Fotopapier im Labor. Von den Faltenwürfen der Shirts und Hosen, der Unterwäsche und der Jacken, zum Faltenwurf der Abbildung selbst, als Tropfen oder dreidimensionales Objekt. Von der Ekstase, der Sexualität, dem Sex, den Drogen, der Party zum Tag danach, zur Ruhe, zur Erholung, zur Leere, zum Tod. Vom Blick ins Weltall zum Blick auf den Fenstersims. Von fernen Ländern und nahen Räumen.

 

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WOLFGANG TILLMANS, PAPER DROP (REVERSED) II, 2011 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Da sind Beschreibungen, das sind Eindrücke im Vorbeigehen, Themen und Verknüpfungen. Jedes Bild – hier: jede Fotografie – lässt sich beschreiben. Immer gilt die Frage: Was siehst du?

Ich sehe einen Farbtropfen, der seltsam waagerecht, ganz gegen die Gewohnheit und gegen jedes Gesetz, auf einer weißen Fläche schwebt oder so liegt. Ich sehe seine Ausdehnung, seinen Körper in der Breite und ich sehe einen Farbverlauf darinnen, der Tiefe andeutet. Und weil ich weiß, dass kein Tropfen, jedenfalls kein flüssiger, so liegen kann, sehe ich die Fläche des Fotopapiers im Raum, der das Bild, das Abbild ist. Das Abbild als Raum, Tunnel, Spiegel der Umgebung und schließlich als Abbild im Abbild. Wie das Foto eines Prismas und des Lichts, das es auf eine Leinwand lenkt.

So schält sich eine Idee aus all den Photographien heraus, die Wolfang Tillmans in der Retrospektiven seines Werkes in der Fondation Beyeler in Riehen präsentiert.

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WOLFGANG TILLMANS, SPORTFLECKEN, 1996 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Hinter allem steckt mehr als die sichtbare Fläche. Hinter allem steckt die erlebbare Vorstellung von Dimensionen, weil es um Menschen geht, um Wahrnehmung, um Subjekt und Objekt.

Wolfang Tillmans entzieht seine Bilder – und damit auch die Geschichten, die sie erzählen können – einer musealen Dramaturgie im Sinne eines kuratierten Narrativs. Keine Chronologie, keine Werkkomplexe, sondern vielmehr: Freiheit.

Gerahmte Bilder neben solchen, die an Klammern an der Wand hängen oder angeklebt sind. Große Bilder, kleine Bilder, wandfüllende Hängungen, große Abstände, Reihen und Vereinzelungen, Ordnung und Chaos. So, wie sich das Leben in den Bildern von Tillmans trifft, so trifft das Leben auf seine Bilder.

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WOLFGANG TILLMANS, FALTENWURF, SHINY, 2001 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Ich sehe Jacken und Shirts, Hosen, Unterhosen, Unterhemden, benutzt, hingeworfen, übereinander geworfen. Wäscheskulpturen mit Faltenwürfen, Schatten und Licht. Ich sehe Oberflächen und Materialien, glänzende Seide und stumpfe Baumwolle, groben Jeansstoff und Feinripp.

Die Darstellung, Zurschaustellung und Abbildung von Alltäglichkeit. Und doch – und vor allem – der Blick auf diese dünne Membran Privatheit, die zwischen unserer Intimsphäre und der öffentlichen Luft liegt, der, die wir alle atmen, und vor der wir uns manchmal schützen wollen, oder in der wir uns darstellen wollen, die wir zwischen uns und den Freund wie den Feind lassen, oder eben nicht. Eine alltägliche Haut über der besonderen Haut. Wolfgang Tillmans dokumentiert den Zustand ihres abgestreift seins, den emotionalen Zustand, in dem der Betrachter des Abbilds auch die Menschen denken kann, die nicht zu sehen sind.

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WOLFGANG TILLMANS, LUTZ & ALEX ON BEACH, 1992 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

In vielen Bildern des Fotografen, auch irgendwie – oder vor allem? – Dokumentaristen, jedenfalls des Meisters der Tiefe in der Alltäglichkeit der Augenblicke, sehen wir die Menschen. Und ich kenne keinen Fotografen, dessen Fotos mich so berühren, wie eben diese. Diese Porträts sind Momente der Stille, der Konzentration, der Einkehr und der Offenbarung zugleich. Sie zeigen Empfindlichkeit und Empfindsamkeit und die Spuren des Lebens. Tillmans nennt Porträtieren ‚Aufmerksamkeitsübung‘, und im Katalog gibt es dieses eine, wunderbare Zitat, das meiner Meinung nach so sehr auf alle Kunst zutrifft, aber eben hier besondere Gültigkeit hat:

‚Die Fotografie lügt immer in Bezug auf das, was sich vor der Kamera befindet, aber sie lügt nie in Bezug auf das, was hinter ihr ist. Verborgene Absichten lässt sie immer sehr deutlich zutage treten.‘ (Zitiert im Katalog zur Ausstellung, S. 71)

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WOLFGANG TILLMANS, ADAM, 1991 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Ich sehe einen jungen Mann mit einem klaren Blick, in selbstbewusster Haltung. Kurze Dreadlocks, in die Hose gesteckt ein dicker, weisser Wollpullover mit Zopfmuster, darüber ein rostbrauner Cardigan, darüber eine dunkelgrüne Steppweste, an den Schultern hell abgesetzt. Weite Jeans, an den Knien eingeschnitten, weisse Turnschuhe. In der Farbe des Sofas, den Farben und der Stofflichkeit des Überwurfs und seinen Rissen, im Teppich, in der Tür- und Wandfarbe, finde ich alles wieder. Ich erkenne ein Kind seiner Zeit, in Opposition zum Interieur und doch ganz und gar Teil desselben, und wenn ich das erkannt habe, bleibt mein Blick an seinem Blick hängen. An den Augen und Lippen, dem Hals, den Ohren, an allem, was sich nicht bekleidet oder verkleidet hat. Ich sehe so etwas wie Stolz und Zweifel in Inszenierung. Eine Tür, die Eingang war und Ausweg ist, und einen Spiegel, der die unbeobachtete Rückseite von allem offenbart und ein Porträt im Porträt ist.

Für Wolfgang Tillmans sind seine Stillleben nicht einfach nur Abbilder einer Situation, Momentaufnahmen oder Inszenierung. Sie sind stumme Zeugen einer Geschichte, die sich über die Erinnerung erzählt, oder für den aussenstehenden Beobachter über die Beschreibung der Details, eigene Erfahrungen und Bezüge.

Die Stilleben sind Jahreszeiten und Tageszeiten, Abschiede und Ankünfte, Feiern und Reisen, Fetisch, Drogen, Sexualität.

Zu ‚Nite Queen‘ auf der Internetseite eines Shops für ‚schöne Produkte, die Freude bereiten‘:

‚Der geheimnisvolle Duft der „Königin der Nacht“ verteilt sich schon im Raum, ohne dass Sie das Stäbchen anzünden. Vor einem bevorstehenden Abenteuer kann dieser betörende Duft die Luft in eine erotische Atmosphäre versetzen.

Der süße, wohltuende Duft, der auch als „Parfüm der Herrscherin“ bezeichnet wird, duftet sehr intensiv, so als ob Sie Ihre Geliebte mit einer frischen japanischen Jasminblüte an der Nase kitzeln würden.’ (https://www.luxflair.de/raeucherstaebchen-night-queen–11780.html?pk_campaign=google_shopping&gclid=COnH8P3f2NQCFekV0wodmnwIJg)

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WOLFGANG TILLMANS, NITE QUEEN, 2013 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Draußen ist es dunkel. Ich sehe ein Fenster, aber nicht die Außenwelt. Ich sehe eine Fensterbank, darauf mehrere, einfache Plastikuntertöpfe. Darin Pflanzen, die offensichtlich nicht viel Zuneigung bedürfen, irgendwo zwischen Verwahrlosung und Auflehung. Ich sehe Blüten, Dreck, ein Feuerzeug, ein Gummiband, flache Steine und eine Packung ‚Nite Queen‘.

Ein Name, ein Programm? Ist das der Morgen danach, oder der Abend davor? Wer feiert? Mag es noch so dunkel sein, mag es dreckig und hart sein, mögen wir uns vernachlässigt oder dreckig fühlen: es gibt diesen Ausweg. Die Ablenkung, die Blüte, die Liebe, die Droge:

‚Users report a powerful body stone, a really potent indica-style buzz.  The effect is very pleasant and relaxing, some users report it helps them sleep.‘ (https://www.dutch-passion.com/en/cannabis-seeds/product/night-queen/)

Alles ist im Übergang, alles hängt immer zwischen Tag und Nacht.

Das ist ja auch keine besonders neue Erkenntnis. Aber es ist der Blick auf Grenzen, auf Himmel und Erde, Oben und Unten, Helligkeit und Dunkelheit, auf Flächen und in die Tiefe, der den Blick für Übergänge neu schärft, justiert.

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WOLFGANG TILLMANS, FIRE ISLAND, 2015 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Wolfgang Tillmans spielt mit dem ‚Begehren des menschlichen Auges oder des Hirns […], in der Fotografie Wirklichkeit sehen zu wollen.‘ (zitiert im Katalog zur Ausstellung, S. 130).

‚So sind Bilder möglich geworden, bei denen wichtig ist, dass sie fotografisch sind, dass ich sie eben nicht male, dass sie nicht gerahmt und auf Leinwand da hängen […].‘ (ebd.)

So entstehen Bilder, die Grenzen aufzeigen und diese aufheben. Die von Möglichkeiten des Menschen in seiner Umwelt erzählen. Von den Möglichkeiten zum Beispiel, Farben zu sehen, Höhe wahrzunehmen, Entfernung zu erkennen, Bewegung nachzuvollziehen, und selbst all dies am eigen Körper erleben zu können.

Ich sehe den Strand, das aufgewühlte Meer, das mit Schaumkronen dort anbrandet und in der Ferne doch eine ruhige Linie ist. Ich sehe diesen Horizont als Trennung zwischen Erde und Himmel, und darüber einen Himmel, der in Farbe und Struktur die Erde spiegelt.

Und weil es eben eine Fotografie ist, sehe ich jede Ebene als Fläche, als Dreiklang aus Erde, Wasser und Himmel, als 1/6, 1/3, 2/3, ungefähr. Und wie bewegt alles ist, das wir anrichten, wie unruhig die Zeiten sind, weil wir sie so machen, wie ausbeuterisch wir sind, wie feindselig und abweisend, wie es auch brennen mag: Alles ist Übergang in einem Verhältnis der Elemente, in dem wir nur die selbstgewählte Bedeutung haben. Die Sicherheit, die wir vermuten, ist nur ein kleiner Ausschnitt, bei allem, was wir zu erreichen in der Lage sind. Wir sind ein möglicher Aggregatzustand der Elemente, die uns umgeben, und die in Wahrheit alles ausmachen.

Wolfgang Tillmans zelebriert in seinen Fotografien das Leben. Er zeigt, was es möglich macht und was es ermöglicht. Er zeigt Grenzen und Herausforderungen, absolute Freude und ungeteiltes Leid. Selbst in den stillsten seiner Bilder ist Bewegung. Jede Ader, jeder Muskelstrang, jedes Härchen, jede Pore, Wunde, jeder Knochen feiert die Unabhängigkeit und Schönheit des Körpers.

Seine Bilder sind Konstruktion und Rekonstruktion zugleich. Sie sind aufdringlich und zurückhaltend, das, was ist und das, was bleibt. Sie sind politisch, kritisch, relevant.

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WOLFGANG TILLMANS, SILVER 124, 2013 Fondation Beyeler, Riehen/Basel

Tillmans Bilder sind Porträts von Menschen und Möglichkeiten. Gerade mit den abstrakten Bildern der Freischwimmer-, Silver oder Lighter-Arbeiten, in denen das Motiv gänzlich ohne Beteiligung eines Objektivs, einer Kamera oder eines Negativs entsteht, offenbart sich bei alle Entfernung vom Konkreten doch der Blick auf Körperlichkeit. Auch hier geht es um Effekte des Zufalls, um Wunden, um Körperlichkeit, um Mehrdimensionalität. Das sind Experimente unter kontrollierbaren Bedingungen, mit unbekanntem Ausgang.

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WOLFGANG TILLMANS, GREIFBAR 23, 2015 Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Das so das Leben ist, und das es sich – mit all der innewohnenden Komplexität – eben auch so darstellen lässt, dafür ist diese unfassbar ergreifende Ausstellung, dafür ist das Werk von Wolfgang Tillmans der Beweis.

P.S.: Im Übrigen auch die Musikvideos, die, wie Musik ohnehin, inzwischen prägender Bestandteil seines Werkes sind. In der Ausstellung hat Tillmans einige der Videos zu einer Installation zusammengestellt.

Wolfgang Tillmans, in der Fondation Beyeler bis zum 1. Oktober 2017

Montag bis Sonntag, 10.00 – 18.00 Uhr

Mittwoch, 10.00 – 20.00 Uhr

 

Zur Ausstellung ist im Verlag Hatje Cantz ein Katalog erschienen, der mit 58€ nicht gerade günstig ist, aber in der Qualität der Abbildung und den einordnenden Selbstaussagen des Künstlers, sowie einem umfassenden Essay, eine so sinnvolle wie hochwertige Ergänzung und Erinnerung an die Ausstellung ist, und jedem, der nicht nach Basel kommen kann, auch aus der Ferne ein fantastisches Werk näher bringt.

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