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Wenige Tage, bevor in Münster die Skulptur Projekte eröffnet werden, legt die Kunsthalle Münster mit der Ausstellung ‚Devotional Document (Part 2)‘ der amerikanischen Künstlerin Wu Tsang ein so starkes wie überwältigendes Statement zu den Möglichkeiten der Gegenwartskunst vor, sich zu den Themen Gesellschaft, Kultur, Sprache, Geschlecht und Beziehung zu äußern.

Die Künstlerin widmet sich in ihren Arbeiten, ihren Installationen, Videos wie Performances, den Herausforderungen zwischenmenschlicher Kommunikation über Körper und Sprache in ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.

‚My language is not about designing words or even visual symbols for people to interpret. It is about being in a constant conversation with every aspect of my environment, reacting physically to all parts of my surrounding.‘ (1)

‚Full body quotation‘ nennt Wu Tsang ihre Herangehensweise, in der sie Körper zu Resonanzräumen, Wieder-Sprechern, Fremd-Redner werden lässt, und so eindrücklich auf die Dissonanz zwischen verschiedenen Wahrnehmungsebenen hinweist, die uns im Bezug auf ‚Sprache‘ als Ausdrucksweise aller möglichen Reaktionen auf äußere wie auch innere Abhängigkeiten und Notwendigkeiten, begegnen und ausmachen.

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Girl Talk, 2015, Single channel video with sound, 4 min. Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Für zahlreiche Arbeiten ist der Sprachwissenschaftler, Dichter und Künstler Fred Moten ihr kongenialer Partner. So auch im Kurzfilm ‚Girl Talk‘ (2015).

In ‚dragged time‘ – also Zeitlupe (oder ‚slow-motion) – bewegt und dreht er sich tanzend, wiegend und mit euphorischer Gestik ‚singend‘ in einer laienhaft anmutenden Inszenierung, in einer durch Licht und Schatten geprägten Gartensituation zu den Klängen des Jazz-Standards ‚Girl talk‘.

Ursprünglich war das Stück für Tony Bennett geschrieben worden, und beginnt bezeichnenderweise mit den Zeilen

‚They like to chat about the dresses they will wear tonight

They chew the fat about their tresses and the neighbor’s fight,

Inconsequential things that men don’t really care to know

Become essential things that women find so ap-pro-pos,

But that’s a dame, they’re all the same it’s just a game they call it

Girl talk’ (2)

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Girl Talk, 2015, Single channel video with sound, 4 min. Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

 

Die klischeebehaftete Betrachtung weiblicher Verhaltensweisen (eines Rollenverhaltens) in der Gesellschaft bekommt eine besondere Verstärkung durch die später entstandene ‚weibliche‘ Version des Songs. Den Veränderungen in der Wahrnehmung von Sprache und Körper als Miteinander und vermeintliches Gegeneinander trägt Wu Tsangs Video Rechnung, indem sie nun hier nicht nur eine wiederum von einem Mann neuinterpretierte Version nutzt, sondern vor allem, indem der massige und in allen sichtbaren Merkmalen männliche Körper von Fred Moten in einen Samtumhang gehüllt und mit Juwelen und Ohrringen behangen ist.

‚Dragged Time‘ und ‚Dragqueen‘, Inhalt, Sprache, Form, werden zu einer tiefsinnig, hypnotischen Einheit.

Sprache, Kommunikation und Körper sind in Funktion und Wahrnehmung – sowohl Eigen- als Fremdwahrnehmung – immer an einen Raum gebunden. Diese Bindung reicht vom physischen bis zum psychischen Ort. Wo wir sind, wie wir sind und mit wem wir sind, trägt entscheidend dazu bei, zu definieren, wer wir sind.

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Wu Tsang, „We hold where study“, 2017. 2-Channel Video (Production Still) | Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin | Work commissioned by curator Nadja Argyropoulou for Polyeco Art Initiative

Wu Tsangs großformatige 2-Kanal-Projektion ‚We hold where study‘ (2017) verbindet inhaltlich wie austellungsdramaturgisch die möglichen Ebenen der Selbstverortung. Zunächst gibt es die Erfahrung des Ausstellungsbesuchers, der in einen eigens für die Präsentation des Videos in die Kunsthalle einbauten ‚Raum-im-Raum‘ tritt. Aus Steinboden wird Teppichboden, die Industriedecke ist tief abgehängt, Boden, Wände und Decke sind schwarz, ein langes Sitzmöbel steht vor der Leinwand. Wie dieser Raum architektonisch quasi zu einer zweiten, die bekannte Struktur schneidenden und gleichsam durch die sichtbar bleibenden Ein- und Ausgänge überlappenden Realität wird, übersetzt sich schließlich in die Projektion der Videos.

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Wu Tsang, „We hold where study“, 2017. 2-Channel Video (Production Still) | Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin | Work commissioned by curator Nadja Argyropoulou for Polyeco Art Initiative

Während die linke Hälfte eine in einer städtischen Brachflächen gedrehte Außensicht präsentiert, in der die Kamera in ihrer Bewegung immer wieder auch diesen offenen Charakter der Umgebung einfängt, ist die rechte Hälfte die Inszenierung eines turnhallenartigen Innenraums. Beide Projektionshälften sind dabei allerdings nicht passgenau aufgeteilt, sondern überlappen sich in der Leinwandmitte leicht und bewusst.

‚[…]

The hazard of movement,

of moving and being moved,

of knowing that we are affected,

that we are affective. […]’

Fred Motens Einführung zu Beginn des Films öffnet schließlich einen möglichen Erfahrungshorizont jenseits der Architektur, indem unsere Körper, unsere Bewegungen im Raum in direkter Ansprache Teil der filmischen Dramaturgie werden können.

Hier Paul Watzlawick zu zitieren mag etwas laienhaft naiv, vielleicht klischeehaft wirken, aber tatsächlich: meiner Meinung nach fassen es seine Axiome der Kommunikation treffend zusammen:

– Man kann nicht nicht kommunizieren

– Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt

– Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung

– Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten

– Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

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Wu Tsang, „We hold where study“, 2017. 2-Channel Video (Production Still) | Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin | Work commissioned by curator Nadja Argyropoulou for Polyeco Art Initiative

In den beiden, vereinigten und doch getrennten, Filmen bewegen sich Menschen und verhalten sich in ihren Bewegungen zueinander und/oder gegeneinander. Während die Performer auf der linken Leinwandhälfte die Freiheit des offenen Raumes zu bald schwindelerregenden und erschöpfenden Drehungen, Bewegungen, Tänzen, Kämpfen, für ein Annähern, sich Entfernen, Fallen und Aufstehen, zum ‚Jay-Walken‘, nutzen, folgen die Tänzer auf der rechten Leinwandhälfte einer vorstellbaren Choreographie, einer ritualisierten Idee von Anziehung und Abstoßung unter den Gegebenheiten eines geschlossenen Raumes.

Dualität als Mittel und Ausdruck einer transzendenten Erfahrung von Körper und Raum: mein Verhalten im Raum, sei es statisch oder in Bewegung – vor der Leinwand, um die Leinwand herum –  wird immanenter Bestandteil der Erzählung. Indem ich mich bewege und den Bewegungen der Kamera folge, die die Bewegungen von Menschen einfängt, eröffne ich – und damit jeder Betrachter, und jeder seinen eignen – einen ‚Tanz‘. Und dieser ‚Tanz‘ setzt mich nun wiederum in Beziehung zu den Menschen um mich herum und vor allen Dingen wieder: zum Raum.

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Wu Tsang, „We hold where study“, 2017. 2-Channel Video (Production Still) | Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin | Work commissioned by curator Nadja Argyropoulou for Polyeco Art Initiative

‚We hold where study‘ ist so ein faszinierendes und auf allen Ebenen bewegendes Kammerspiel über die Fähigkeiten und Unfähigkeiten einer gemeinsamen Sprache oder Kommunikation bei getrennten Erfahrungsebenen, seien sie sozial oder räumlich bedingt.

Unter der Leinwand schimmert ständig leicht das Licht hervor, das den Raum dahinter erfüllt, der sich aber noch verbirgt. Hinter die Leinwand treten zu können (zu dürfen) mag nicht der geübten Praxis entsprechen und wirkt darum vielleicht zunächst unerlaubt befremdlich. Um den Horizont erweitern zu können, ist die Loslösung von Konventionen des Raumes und der Erziehung aber ganz offensichtlich notwendig, scheint mir das Setting vermitteln zu wollen.

Eines von Johannes Keplers Axiomen zur Schwerkraft, Bestandteil seiner ‚Astronomia nova‘ von 1609 lautet:

– Die Schwere besteht in dem gegenseitigen körperlichen Bestreben zwischen verwandten Körpern nach Vereinigung oder Verbindung (von dieser Ordnung ist auch die magnetische Kraft), so dass die Erde viel mehr den Stein anzieht; als der Stein nach der Erde strebt. (3)

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Gravitational Feel by Fred Moten and Wu Tsang. As part of BMW Tate Live Exhibition: Ten Days Six Nights, Tate Modern. Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster

‚Gravitational Feel‘ (2016) heisst eine Arbeit von Wu Tsang, die, ebenfalls in Zusammenarbeit mit Fred Moten, skulpturale wie performative Elemente enthält.

Für die Ausstellung in der Kunsthalle hat die Künstlerin diesen komplexen Aufbau auf die skulpturale Ebene reduziert.

Aus neun runden, schwarzen und drehbaren Scheiben unter der Hallendecke ‚ergießen‘ sich jeweils dutzende bunter Schnurbündel bis zum Boden. Jedes dieser Bänder ist in unterschiedlichen Abständen über die gesamte Länge geknotet. In Anlehnung an die südamerikanische Knotenschrift Quipu vermitteln sie so den Eindruck einer vielstimmigen Kommunikation in einer uns unbekannten und unentschlüsselbaren Sprache.

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Gravitational Feel by Fred Moten and Wu Tsang. As part of BMW Tate Live Exhibition: Ten Days Six Nights, Tate Modern. Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster

Wu Tsang lädt uns ein, die ‚Sprachfälle‘ zu betreten und in Bewegung zu setzen. Wir kommen damit der innewohnenden Bedeutung zwar nicht näher, aber indem wir mit anderen Besuchern über die Erfahrung der Sprachlosigkeit kommunizieren, gewinnen wir wieder eine eigne Sprache, eine Hoheit über den Stellenwert, den Sprache als Ausdruck von Emotion haben kann und soll. Die Schnüre sind in in ihrer von uns ausgelösten Bewegung und mit den Knoten, die über unsere Körper gleiten, das Gefühl, das wir im Bestreben auf Verbindung zueinander brauchen.

Durch die Bänder hindurch fällt der Blick schließlich auf zwei hochkant an die Wände angebrachte Flachbildschirme. Wie von Porträts, sich im Laufe der Zeit in Details wie Lippenstift, einem aufgemalten Bart, Tränen, Lachen, nur leicht verändernd, blicken uns Wu Tsang und Fred Moten an.

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Miss Communication and Mr:Re, Ausstellungsansicht Kunsthalle Münster

Der vielsagende Titel der Arbeit ‚Miss Communication und Mr:Re‘ (2014) ist dabei nicht nur eine Geschlechtszuweisung, sondern vor allem eine sprachliche Verkleidung des Inhalts.

Über zwei Wochen haben sich Wu Tsang und Fred Moten beständig Sprachnachrichten auf dem Anrufbeantworter des jeweils anderen hinterlassen.

Über Kopfhörer können wir einem Missdialog beiwohnen. Nicht nur gehen die beiden nie aufeinander ein, sie haben darüber hinaus eine ganz unterschiedliche Auffassung von Kommunikationsschwerpunkten. Manchmal belangloser Tratsch etwa auf der einen Seite und tiefgründiges Theoretisieren auf der anderen.

Auch hier scheint es mir einen klaren Hinweis auf die Wahl der Mittel in der und zur Kommunikation zu geben. Enttäuschte Erwartungen, Missverständnisse und bleibende Geheimnisse, entstehen eben nicht zuletzt dort, wo wir zwar die Sprache des Gegenüber verstehen, auf seinen Inhalt aber nicht, oder nur unzureichend eingehen. Das erinnert dann ein wenig an die Erkenntnis, die so manches Shakespeare-Drama immer wieder erzeugt: dieses ‚Hättest du doch‘ zur Vermeidung allen Unheils.

IMG_0105Wo es um Körper und Sprache, um Erwartungen, Herausforderungen, Überraschungen und Enttäuschungen geht, muss es auch, zumindest am Ende dieses Textes um die Körperlichkeit der Künstlerin gehen. Dazu hat sie sich in einem Interview für den Katalog zu ihren Ausstellungen in der Kunsthalle Düsseldorf und im MIGROS Museum für Gegenwartskunst (2014/15) folgendermaßen und – wie ich finde abschließend überzeugend – geäußert:

‚Being ethnically and gender ambiguous, I often ‚pass‘ as a lot of different things. I find that peopl´s assumptions about what I am, become more a reflection of their own identity issues. I guess these first-hand experiences lead me to a very intuitive understanding of identity as performance. Hosting is similarly like being a container or catering to the needs of other. […]‘ (4)

Noch nie habe ich in einer Ausstellung so viel über die körperlichen Aspekte der Kommunikation erfahren und gelernt, wie in dieser so komplexen wie leichten, so zwischen gravitätisch und befreiend wechselnden und perfekt inszenierten Ausstellung hier und jetzt in der Kunsthalle Münster.

Für diese Erfahrung kann ich allen Beteiligten nur herzlich danken!

Ich wünsche der Ausstellung auch im Laufe der SkulpturProjekte, wenn der Außenraum Münsters wieder so intensiv mit Bedeutung aufgeladen wird, den verdienten Zuspruch.

Wu Tsang. Devotional Document (Part 2), in der Kunsthalle Münster, bis zum 1. Oktober 2017

Dienstag bis Freitag: 14 bis 19 Uhr

Samstag und Sonntag: 12 bis 18 Uhr

P.S.: ‚Wu Tsang. Devotional Document (Part 1)‘ läuft übrigens zeitgleich, allerdings nur bis zum 28. August, im Nottingham Contemporary

(1) und (4) in: ‚Wu Tsang. Not my language‘, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2015, S. 25 bzw. S. 38

(2) http://lyricsplayground.com/alpha/songs/g/girltalk.shtml

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Gravitation

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