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Expressive Ekstase – das fällt mir ein zu den Werken Wilhelm Morgners, die in den Jahren 1911 bis 1913 entstanden.Das sind Bilder von unglaublicher Farbkraft, immer weniger Linie, immer mehr die Andeutung, immer weniger konkretes Abbild, immer mehr abstrakte Vorstellung. Vom ‚Kartoffelfeuer‘ über den ‚Feldweg‘ zu ‚Astrale Komposition XVIII‘.

Wilhelm Morgner, Feldweg, 1912, Kunstmuseum Bochum Foto: Presseamt der Stadt Bochum

Wilhelm Morgner, Feldweg, 1912, Kunstmuseum Bochum
Foto: Presseamt der Stadt Bochum

Als der Erste Weltkrieg 1914 seinen produktiven Schaffensfaden, und nur drei Jahre später in Westflandern seinen Lebensfaden zerreisst, hat Wilhelm Morgen mit nur 26 Jahren ein fast unglaubliches Oeuvre von hunderten Gemälden und tausenden Zeichnungen hinterlassen. Das LWL Museum für Kunst und Kultur widmet dem dem Expressionisten aus Westfalen jetzt zum anstehenden 125. Geburtstag mit ‚Wilhelm Morgner und die Moderne’ eine Ausstellung, die es eindringlich versteht, mehrere Geschichten parallel zu erzählen:

Zunächst die Geschichte eines jungen Mannes, der über Worpswede, Soest und Berlin seine Themen in der Kunst findet, sich Vorbilder sucht, deren Werke ihm Inspiration und Schule werden.

Dann die eines Künstlers, der in seinem Umgang mit der Abstraktion von Figuren wie Landschaften und der hierin noch gesteigerten Ausdruckskraft der ornamentalen und astralen Kompositionen in gleichsam explosiver Schaffenskraft einen eigenen Ausdruck für sichtbare und gefühlte Welten findet.

Und schließlich die erschütternde Geschichte einer abgerissenen Biografie, geteilt mit Millionen Menschen in diesem Weltkrieg, unter ihnen Franz Marc und August Macke. Die bleibende und unbeantwortbare Frage danach, was noch gekommen wäre beendet eine Ausstellung in der trotz allem alles andere als Traurigkeit vorherrscht.

Im ersten Raum haben es die Ausstellungsmacher verstanden, im Miteinander und Nebeneinander  der Bilder Morgens und seiner Inspirationsquellen mit viel Sympathie einen einfühlsamen Blick auf seine Bildwelten der Jahre 1909 und 1910 zu werfen. Die Werke dieser Zeit sind zumeist Darstellungen von Alltagssituationen, sei es im bäuerlichen, handwerklichen oder privaten Bereich.Morgners Inspirationen sind klar erkennbar und zeigen gleichzeitig die Kunstfertigkeit in jungen Jahren.

Edvard Munch, Porträt Julius Meier- Graefe, um 1895, Nationalgalerie Oslo Foto: Jacques Lathion

Edvard Munch, Porträt Julius Meier- Graefe, um 1895, Nationalgalerie Oslo
Foto: Jacques Lathion

Wilhelm Morgner, Selbstbildnis IV (im Gehrock und Zylinder), 1910, Museum Wilhelm Morgner Foto: Thomas Drebusch

Wilhelm Morgner, Selbstbildnis IV (im Gehrock und Zylinder), 1910, Museum Wilhelm Morgner
Foto: Thomas Drebusch

‚Selbstbildnis IV (im Gehrock und Zylinder)‘ von 1910, zeigt einen aufrechten, vielleicht aber doch etwas zweifelnden jungen Mann, vielleicht ist es auch ein Hauch Überheblichkeit, aber die möchte man ihm gar nicht unterstellen. Es ist in jedem Fall der genaue Blick auf ein 19jähriges Ich, die gewählte Form die feine Sonntagskleidung mit Gehrock und Zylinder und der erkennbare Bezug zum Ausdruck des Gemäldes, das daneben hängt: Edvard Munchs ‚Porträt Julius Meier- Graefe‘ aus den 1890er Jahren. Sich so sehen zu wollen und malen zu können ist verständlich beeindruckend.

Franz Marc, Schilfhocken, 1909, LWL-MKuK Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Franz Marc, Schilfhocken, 1909, LWL-MKuK
Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Wilhelm Morgner, Zwei Strohmieten, 1909, Privatbesitz Foto: Hanna Neander

Wilhelm Morgner, Zwei Strohmieten, 1909, Privatbesitz
Foto: Hanna Neander

Emil Nolde, Heuschober, 1910, Nolde Stiftung Seebüll Foto: Elke Walford © Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde, Heuschober, 1910, Nolde Stiftung Seebüll
Foto: Elke Walford © Nolde Stiftung Seebüll

Wie sehr nicht nur die erlebte und erlebbare Welt und Umwelt, das Ich und die Reflexion, Bildwelten geschaffen haben, sondern mit diesem Ergebnis auch der Dialog mit den Zeitgenossen und deren Themen, zeigen die drei Landschaftsbilder ‚Zwei Strohmieten‘ (Morgner, 1909), ‚Schilfhocken‘ (Marc, 1909) und ‚Heuschober‘ (Nolde, 1910). Diese ‚Heuballen‘ sind darüber hinaus aber eben nicht nur Verweis auf die eigene, sicht- und erfahrbare Umwelt, sondern auch hier wieder eine Reminiszenz an die großen Vorbilder, seien es Monet oder Van Gogh.

 

Vincent van Gogh, Die Näherin beim Fenster, 1881, Privatsammlung Foto: Patrick Goetelen

Vincent van Gogh, Die Näherin beim Fenster, 1881, Privatsammlung
Foto: Patrick Goetelen

Wilhelm Morgner, Strickende weißhaarige Frau, 1909, LWL-MKuK Foto: Sabine Ahlbrand- Dornseif

Wilhelm Morgner, Strickende weißhaarige Frau, 1909, LWL-MKuK
Foto: Sabine Ahlbrand- Dornseif

Auf Van Gogh als Vorbild stösst man in diesem Raum gleich mehrmals. Besonders gefallen hat mir Morgners Umdeutung und Spiegelung des Motivs ‚Die Näherin am Fenster‘ von Van Gogh aus dem Jahr 1881. In seinem Werk ‚Strickende weisshaarige Frau‘ von 1909 ist der Bezug klar erkennbar, die Situation erscheint vergleichbar: alte Frau, Stuhl, Fenster, Handarbeit. Bei Morgner aber ist der Raum lichtdurchflutet, das Fenster geöffnet, der harte Stuhl nur noch Ablagefläche, während die Frau gut gepolstert sitzt, und ihr Blick eher Konzentration als Entsagung ausdrückt.

Der nächste Raum schließlich wird zu einer Offenbarung. Innerhalb weniger Jahre hat Morgner offensichtlich neben seiner Arbeit mit Vorbildern den Mut gewonnen, einen eigene Formensprache zu entwickeln.

Wilhelm Morgner, Kartoffelfeuer, 1911, Museum Wilhelm Morgner Foto: Thomas Drebusch

Wilhelm Morgner, Kartoffelfeuer, 1911, Museum Wilhelm Morgner
Foto: Thomas Drebusch

Wilhelm Morgner, Frau mit brauner Schubkarre, 1911, LWL-MKuK Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Wilhelm Morgner, Frau mit brauner Schubkarre, 1911, LWL-MKuK
Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Eine expressive Linienführung, sowohl als bildgestaltendes Element in komplexen Motiven wie ‚Frau mit brauner Schubkarre‘ von 1911, als auch in der simpelsten Form reiner Umrisse, wie in ‚Zwei Männer‘ von 1912 und eine Farbpalette voll Kraft und Energie wie in ‚Feldweg‘ von 1912, beweisen mir eine ungeheure Selbstsicherheit in der Auseinandersetzung mit den Entwicklungslinien der Kunst dieser Zeit. Nicht zuletzt die wirklich expressive Abstraktion von Werken wie ‚Ornamentale Komposition VI‘ von 1912 verweist dabei in eine Moderne, deren Motive, Linien, Themen, aber auch Figuren, widerzuhallen  scheinen in den Arbeiten von Keith Haring. Auch wenn sich hier keine direkt beweisbare künstlerische Erbenschaft erklärt, so ist doch die Idee von Abstraktion durch Linien und die Konzentration auf den Umriss frappierend wiederzukennen.

Wilhelm Morgner, Ornamentale Komposition VI, 1912, LWL-MKuK Foto: Hanna Neander

Wilhelm Morgner, Ornamentale Komposition VI, 1912, LWL-MKuK
Foto: Hanna Neander

Wilhelm Morgner, Zwei Männer, 1912, LWL-MKuK Foto: Hanna Neander

Wilhelm Morgner, Zwei Männer, 1912, LWL-MKuK
Foto: Hanna Neander

 

Die ‚Strahlende Landschaft‘ ist hier schon ein farbintensiver Vorbote der kommenden ‚astralen‘ und  ‚ornamentalen‘ Kompositionen. Zwar mögen hier noch Felder, Wege, leichte Hügel, Grasflächen und Bäume zu erkennen sein, wird diese ‚erkennbare‘ Landschaft doch schon deutlich zu einer eher ‚gefühlten‘ Landschaft der farblichen Stimmungen, der gedanklichen Lösung. Die firmengebenden Linien der vorhergehenden Landschaftssituationen lösen sich sich in der flirrenden Luft eines Sommertages auf. Farben und Strukturen beginnen zu fliessen.

Wilhelm Morgner, Komposition - Strahlende Landschaft, 1912, LWL-MKuK Foto: Hanna Neander

Wilhelm Morgner, Komposition – Strahlende Landschaft, 1912, LWL-MKuK
Foto: Hanna Neander

Dieser Blick in die Landschaft, auf den eigenen Standpunkt, auf eine abstrakte Gedankenwelt, findet sich in diesen Jahren auch in den Werken der Künstlergruppe ‚Blauer Reiter‘ um Kandinsky, Münter oder Marc, von denen in dieser Ausstellung Beispiele wie bildhafte Zeugen einer  gemeinsamen Erfahrung und Ausdruckskraft sind.

Gerade die abstrakten Formen von Franz Marc und die astralen Kompositionen oder Motive wie ‚Reiter mit zwei Figuren‘ von Morgner, lassen die gemeinsame Inspiration erkennen und die Auseinandersetzung mit den Werken der jeweils anderen erahnen.

Wilhelm Morgner, Reiter mit zwei Figuren, 1913, LWL-MKuK Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Wilhelm Morgner, Reiter mit zwei Figuren, 1913, LWL-MKuK
Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

 

 

In den letzten Bildern werden die aufwärtsstrebenden Abstraktionen, die astralen, gleichsam kosmischen Kompositionen, schließlich wieder zu klar erkennbaren und deutbaren Bildern religiöser Motive und Themen. Morgner nutzt die intensive Kraft seiner Farbpalette und die Stärke der Abstraktion durch Fläche und Linie für beeindruckende Bilder zu Bibelmotiven wie zu Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt.

Diesen letzten Gemälden folgen in den Jahren zwischen 1914 und 1917 nur noch Zeichnungen und Aquarelle. Die große Fläche wird nie wieder seine Leinwand sein, und so wirken gerade die Motive dieser letzten Bilder eben nicht nur wie ein tief empfundenes Bekenntnis zum Glauben, sondern wie die Vorwegnahme drohenden Unheils.

Wilhelm Morgner, Himmelfahrt, 1913, Collection of Arnold Saltzman Foto: Collection of Arnold Saltzman

Wilhelm Morgner, Himmelfahrt, 1913, Collection of Arnold Saltzman
Foto: Collection of Arnold Saltzman

Hier bricht ein Leben ab. Bei aller Intensität und Menge des geleisteten Werkes bleibt am Ende doch auch das Ahnen und Vermissen des Ungeleisteten. In der erlebten Auseinandersetzung mit Vorbildern und Zeitgenossen und in der spürbaren Sicherheit, eine eigene Stimme kraftvoll in das künstlerische Leben dieser Jahre einbringen zu können, lässt sich, so mein Eindruck am Ende einer bewegenden Ausstellung, erahnen, welchen Stellenwert Morgners Werk neben dem von Marc, Kandinsky, Münter, Jawlensky und vielen anderen wohl noch hätte erreichen können.

Mit ‚Wilhelm Morgen und die Moderne‘ gelingt es den Ausstellungsmachern durch Präsentation, Werkauswahl und Kommentierung, sowie durch einen sehr lesenswerten Katalog (Wienand Verlag), Morgners Stimme im Chor der Expressionisten mehr Gewicht zu verleihen. Für die Chance, diesen Künstler und sein Werk kennengelernt zu haben, bin ich äusserst dankbar und wünsche der Ausstellung jeden erdenklichen Erfolg und Zuspruch.

‚Wilhelm Morgner und die Moderne‘, im LWL-Museum für Kunst und Kultur, bis zum 6. März 2016, Di. – So. und an Feiertagen 10 – 18 Uhr

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