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Das Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen präsentiert in seinen wunderbaren Räumlichkeiten derzeit die kleine, wie überzeugende Ausstellung ‚Regisseure des Lichts. Von Rembrandt bis Turrell‘.

Allein schon der mit dem Titel offenbare zeitliche Bogen zeigt, welche Bedeutung Künstler seit Jahrhunderten der Gestaltung eines Themas im Bild durch Licht, mit Licht, mit Kontrast und Schatten, mit Greifbarkeit und Flüchtigkeit, beimessen.

‚Licht‘ offenbart sich dabei in den verschiedenen Medien und den unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen als aktives, gestaltendes Mittel, d.h. es ist nicht nur ein Gestaltungselement innerhalb einer Komposition, sondern das gestaltende Medium selbst.

Norman Sandler (geb. 1981) o.T. / LIGHTS 2, 2014 Siebdruck / Papier 50 x 65 cm Foto: Tobias Hübel

Norman Sandler (geb. 1981)
o.T. / LIGHTS 2, 2014
Siebdruck / Papier
50 x 65 cm
Foto: Tobias Hübel

In den frühen Stichen, die in der Ausstellung präsentiert werden, zeigen Künstler wie Rembrandt oder van de Velde die hohe Kunst der Bildkomposition auch durch den gezielten Einsatz von hellen und dunklen Flächen, manchmal bald nur Momenten, Bereichen, Spots und Hervorhebungen.

Mich fasziniert immer wieder, wie es diesen Künstlern der Fläche – das heißt hier: auf Papier – gelingt, durch den Einsatz des ihnen zur Verfügung stehenden Materials, mit dem Bewusstsein für die suggestive Kraft der Gestaltung, die Führung von Linien und den Einsatz ihrer Werkzeuge, Lichtstimmungen zu erschaffen, die den Betrachter in ihren Bann ziehen.

Licht erschaffen, wo kein Licht ist und auch nicht sein kann, Licht suggerieren, wo eine Szene einen Fokus, ein Thema, eine Bedeutung erfahren muss, ‚Licht‘ als Licht also erfahrbar zu machen, das ist meiner Meinung nach die größte Kunst.

Ich bewundere diese Arbeiten, die so kunstvoll eine Stimmung erzeugen, die keine ‚wahre‘ Beleuchtung benötigen, um aus sich heraus zu leuchten.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) Die Erscheinung, 1652/53 Radierung, Kaltnadel 20,8 x 15,9 cm © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett / Foto: Die Kulturgutscanner

Wenn in Rembrandts ‚Die Erscheinung‘ ein Lichtstrahl durch die Fensterscheibe dringt, den Mann im Bildvordergrund einhüllt und diese Erscheinung ihn wie eine Erleuchtung blendet, der Raum aber ansonsten weiter in Dunkelheit zu ruhen scheint, dann wirkt es doch auch auf mich als Betrachter, als würde hier jemand gleichsam von einer Lichtexplosion, einer Supernova, überrascht. Der Mann sieht das Zeichen, das INRI, im Fenster, durch das das Licht zu dringen scheint, oder das es selbst erzeugt. Er weicht zurück, erschrocken und vielleicht auch voll ungläubiger Ehrfurcht. Für mich bedeutet dieses Licht, als würde es zu uns sprechen: sie her, bei allem was du liest, dir an Wissen aneignest, wie sicher du dich mit deinen wissenschaftlichen Erklärungen, deinen Büchern, deiner Forschung fühlen magst: dieses Licht, dieses Zeichen, sei dir ein Hinweis auf wahre Kraft und Macht. Rembrandts Licht ist auf gleich zwei überraschte Menschen getroffen: den einen im Bild und den Betrachter davor, ebenso geblendet vom meisterhaften Einsatz von dunklen und hellen Flächen, Formen, Linien, Nuancen, die zu Licht und Schatten werden.

Jan van de Velde II (1593–1641) Die Backgammonspieler Radierung 23,5 x 26,9 mm © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett / Foto: Die Kulturgutscanner

In Jan van de Veldes ‚Die Backgammonspieler‘ scheint die Lust am Spiel der Dunkelheit nicht weichen zu wollen. Die vier Personen rund um den Spieltisch scheinen so versunken im Spiel, dass ihnen schon die schwache Beleuchtung, die ihrer Gesichter und Charaktere erhellt, zu reichen scheint. Und doch mag es sein, dass ihnen schon die Augen schmerzen in der Dunkelheit bei dem doch nur sehr schummrigen Licht. Van de Veldes Komposition wirkt wie die schwach beleuchtete Momentaufnahme, die sich für uns als Betrachter beim Vorbeigehen an einer solchen Szenerie im wörtlichen Sinne ins Gedächtnis einbrennt. Sie wirkt wie der Guckkasten in diese Lebenswelt, auf diese Situation, in der Licht und Schatten in der Erinnerung Wichtiges von Unwichtigem trennen.

Eugène Delâtre (1864–1938) Im Theater Radierung, Aquatinta 27,2 x 38,9 cm © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett / Foto: Die Kulturgutscanner

Ich sitze mit Eugène Delâtre ‚Im Theater‘. Ein Logenplatz, dritte Reihe. Die Bühne ist hell erleuchtet, das Stück im vollen Gange, zwei Schauspieler im Dialog. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit noch nicht recht gewöhnt, die Personen direkt vor mir erscheinen nur als schwarze Flächen, ihre Umrisse bilden ihre Bekleidung, vor allem die Hüte. Das sind gut kleidete Damen und Herren, scheint mir. Delâtre nutzt die Lichtstimmungen im Theater, vermittelt durch die hellen und dunklen Flächen, Nähe und Entfernung, Andeutungen und Umrisse, für diese kunstvolle Darstellung zur Wirkung von Licht (auf der Bühne) und Dunkelheit (im Zuschauerraum). Und nicht zuletzt zeigt er, wie im Zuge der Elektrifizierung der fokussierte Einsatz von Licht – hier für die Beleuchtung der Bühnensituation – ein ganz neues Erleben solcher Ereignisse ermöglicht. Sicher um einiges weniger ermüdend als bei den Backgammonspielern.

Paul Renouard (1845–1924) Ballettübungen zu Zweit, 1881 Radierung 30,5 x 44,4 cm © Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett / Foto: Die Kulturgutscanner

Die ‚Ballettübungen zu Zweit‘ gehen gar noch einen Schritt weiter. Hier erscheint es bald so, als wäre das Licht selbst Ausdrucksmittel für die Grazilität des Tanzes. Alles ist Andeutung, wie eine ständige Bewegung, die, lange belichtet, Unschärfe entwickelt. Die Tänzerinnen leuchten selbst, sind zu ‚Leuchtkörpern‘ geworden, fein und fragil. Es wirkt fast so, als sei die ganze Bühne in gleißendes Licht getaucht, das die beiden Figuren wahlweise einhüllt oder eben sogar ausmacht. Die Schönheit und Eleganz des Tanzes lässt sich nicht sinnlicher erleben als durch diese lichtdurchflutete Szenerie.

‚Picasso making a space drawing‘ heißt das Bild von Gjon Mili. Und was es zeigt, ist ein Bild mit Licht auf gleich mehreren Ebenen. Zunächst ist da die Ebene des Künstlers, Picasso, den wir sehen, wie er mit einer Taschenlampe eine Lichtspur in die Luft ‚zeichnet‘, einen feinen Strich, der eine amorphe Form, einen Stern, eine Blüte zu bilden scheint.

Gjon Mili (1904–1984) Pablo Picasso making a space drawing using a flashlight, 1949 Fotografie 30,5 x 26,7 cm Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett

Im Nichts erzeugt er eine Zeichnung, die erst – in der zweiten Ebene – durch die Fotografie von Gjon Mili sichtbar wird. Picasso nutzt das Licht zum zeichnen, das Mili zum fotografieren nutzt, um eine Bild zu erschaffen, das Picasso beim zeichnen zeigt. Licht wird als ‚wahrhaftiges‘ Element zum Bestandteil der Kunst, so wie es auch z.B. bei Otto Piene als Gestaltungsmittel genutzt wurde.

Mit Olafur Eliasson und James Turrell präsentiert diese wunderbare Ausstellung zwei Meister dieser Lichtkunst. Sie lehren uns, Licht als Ausdrucksmittel für absolute Schönheit, für Bewegung, für Stimmungen, für sinnliches Wahrnehmen unserer Umwelt, zu begreifen.

Olafur Eliasson (geb. 1967) Pedestrian vibes study, 2004 16 Fotogravüren, Detail 31,6 x 42,3 cm Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett / Foto: Die Kulturgutscanner / © Olafur Eliasson

Bei Eliasson tanzt das Licht der sich bewegenden Menschen im Rhythmus ihrer Bewegungen, erscheint mal wie eine Partitur voll schwungvoller Linien und Noten, mal wie die Darstellung einer Herzfrequenz. Auch wenn man nur das Abbild des Lichtes auf Papier sieht: in dieser Reihe ist ständige Bewegung, ein Drang nach Vorne, ebenfalls ein herrlicher Tanz zu entdecken.

James Turrell dagegen erzwingt förmlich absolute Ruhe und Konzentration, will man sich seinen Arbeiten so nähern, dass sich eine gewünschte Wirkung einstellt. Sein Spiel mit Licht ist einerseits ein Spiel mit den Konstanten des Himmels, Himmelsbildern, Sternenkonstellationen, wie bei seiner Arbeit ‚Above – Between – Below‘. Andererseits scheint sie ganz ohne diesen Bezug, oder Bezüge im Allgemeinen, als pure Auseinandersetzung mit der emotional erfahrbaren Kraft von Licht, Farbe und der Veränderlichkeit zu sein.

James Turrell Above – Between – Below, 2010 Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen © James Turrell, Foto: Harald Rehling

Licht erscheint in absoluter Dunkelheit wie ein kraftvoller Herzschlag als verlässliche Konstante und als erfahrbarer Halt für den gestressten Betrachter.

Wenn Ausstellung überraschen, weil es ihnen gelingt, den Blick auf Unbekanntes zu richten, wo man Bekanntes vermutet, wenn sie es verstehen, einem Thema eine weitere Ebene seiner noch gar nicht ganz erfassten Bedeutung hinzuzufügen, wenn sie also so sind wie ‚Regisseure des Lichts‘ in der Kunsthalle Bremen, dann – um im Bild zu bleiben – leuchten sie für mich über den Besuch hinaus.

 

 

Zur Ausstellung ist ein erhellender Katalog erschienen, der im Museum für 12€ zu erwerben ist.

‚Regisseure des Lichts. Von Rembrandt bis Turrell‘, in der Kunsthalle Bremen, bis zum 14. Februar 2016.

Mi bis So  10 – 17 Uhr

Di 10 – 21 Uhr

Mo geschlossen

 

P.S.: Auf jeden Fall die raumgreifende Installation ‚Nachwirkung‘ von Thomas Hirschhorn in der Kunsthalle besuchen!

 

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