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‚Glück ist das Ziel‘ überschreibt Tiffany Bell, die Herausgeberin des digitalen Werkverzeichnisses von Agnes Martin, ihren feinfühligen, in Leben und Werk der Künstlerin einführenden Essay im Katalog zur Ausstellung ‚Agnes Martin‘ in der Kunstsammlung NRW, K20, Düsseldorf.

Und damit zitiert sie eine Äusserung von Martin selbst, der in eben dieser wunderbaren Erkenntnis zur Aufgabe von Kunst gegenüber dem Betrachter gipfelt:

‚Der Wert von Kunst liegt im Betrachter. Wenn du herausfindest, was dir gefällt, so erfährst du eigentlich etwas von dir selbst. Beethovens Musik ist freudebeschwingt. Magst du seine Musik, so weisst du, dass du gerne Freude empfindest. Menschen, die meine Malerei betrachten, sagen, es mache sie glücklich, so wie das Gefühl, wenn du am Morgen aufwachst. Und Glück ist das Ziel, nicht wahr?‘ (A.M. zitiert in Tiffany Bell ‚Glück ist das Ziel‘, Katalog ‚Agnes Martin‘, S. 31)

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies
© Kunstsammlung NRW

Ich habe eine ganze Weile darüber nachdenken müssen, ob ich etwas zu dieser Ausstellung schreiben kann. In der Auseinandersetzung mit den Bildern war so viel Ungewohntes, das sich vielleicht nicht in Worte fassen lassen würde. Vor den Bildern von Agnes Martin, vor allem den Rasterbildern der 60er und den farblich zarten Streifenbildern der 70er und 80er Jahre, stehe ich in einem gedanklichen Widerspruch aus befreiender Emotionalität und dem Erkennen fester, enger, vielleicht auch einengender Strukturen.

Agnes Martin, Untitled #5, 1998, Acryl und Grafit auf Leinwand, 152,4 x 152,4 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, © VG Bild-Kunst 2014 Foto: Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery © Kunstsammlung NRW

Agnes Martin, Untitled #5, 1998, Acryl und Grafit auf Leinwand, 152,4 x 152,4 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, © VG Bild-Kunst 2014 Foto: Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery
© Kunstsammlung NRW

‚Und Glück ist das Ziel, nicht wahr?‘. Agnes Martin rückt den Betrachter in den Fokus der Wahrnehmung ihrer Kunst. Was ich in einem Bild sehe, welche Emotionen es in mir hervorruft, gibt den entscheidenden Hinweis auf die Intention der Künstlerin. Wenn man sich mit Angers Martins Biografie auseinandersetzt, kann man aber sehr wohl auch den Eindruck bekommen, dass hinter der Frage, die sie stellt, der Wunsch steckt, sie für sich selbst mit ‚Ja‘ beantworten zu können. Fast scheint es so, dass ihr striktes Regiment zu Fläche und Linie, zu Zärtlichkeit und Härte im Bild und ihre lebenslange Konfrontation mit dem Gegensatz eigener Lebenswelt und der überwältigenden Freiheit und Herausforderung der sie umgebenden Natur, diesen Kampf der schizophrenen Künstlerin zu einer Antwort widerspiegeln.

Agnes Martin, Untitled #3, 1974, Acryl, Grafit und Gips auf Leinwand, 183 x 183 cm, Des Moines Art Center, 1992.12, erworben mit Mitteln des Coffin Fine Arts Trust und Teilschenkung Arnold und Mildred Glimcher; Nathan Emory Coffin, Foto: Bill Jacobson, courtesy Pace Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: Foto: Bill Jacobson © Kunstsammlung NRW

Agnes Martin, Untitled #3, 1974, Acryl, Grafit und Gips auf Leinwand, 183 x 183 cm, Des Moines Art Center, 1992.12, erworben mit Mitteln des Coffin Fine Arts Trust und Teilschenkung Arnold und Mildred Glimcher; Nathan Emory Coffin, Foto: Bill Jacobson, courtesy Pace Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: Foto: Bill Jacobson
© Kunstsammlung NRW

 

Zwischen ihrem Selbstporträt um 1947 und z.B. den quadratischen Großformaten ‚White Stone‘ (1965) oder ‚The Field‘ (1965)  bzw. den Drucken zur Serie ‚On a Clear Day‘ (1973) vermitteln sich für mich die so unterschiedlichen Ideen der Künstlerin davon, was denn das Gefühl Morgens aufzuwachen wirklich ist oder sein kann. Auf der einen Seite zeigt das Selbstporträt ja noch eine ganz auf die ‚Wahrheit‘ des eigenen Blickes zielende Darstellung des eigenen Ichs. Vielleicht ja die auch körperliche Auseinandersetzung mit der Natur ändert diesen Blick aber schließlich radikal. Der Blick auf den eigenen Körper verwandelt sich zum Blick aus dem eigenen Körper.

Viele Bildern von Agnes Martin sind unbetitelt. Einige, wie die o.g. erscheinen dem Blick nicht anders, tragen aber eben Titel. Spätere haben gar eher verwunderlich anmutende Titel wie ‚I love the whole world‘ (2000) oder ‚Happy Holiday‘ (1999).

Agnes Martin, The Field, 1965, Grafit und Öl auf Leinwand, 188 x 188 cm, E.ON Art Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: © Kunstsammlung NRW

Agnes Martin, The Field, 1965, Grafit und Öl auf Leinwand, 188 x 188 cm, E.ON Art Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto:
© Kunstsammlung NRW

 

 

 

Doch ob betitelt oder nicht, in den Farben, der Farbwahl, den Linien, den Strukturen, der Fläche aus der Ferne, die zu einem schier unentrinnbaren Gitternetz aus der Nähe wird, liegt meiner Meinung nach auch so etwas wie Martins Antwort auf die Frage nach dem gewünschten Glück und dem ersten Blick am Morgen.

Da ist dieser kurze Augenblick der absoluten Freiheit beim ersten Augenaufschlag, ein tiefes und wohltuendes Durchatmen, das den Lebensablauf für einen Moment auf Anfang setzt, vielleicht auch nur die Wahrnehmung von Umrissen und Flächen, leichte Unbeholfenheit. Mit jedem weiteren Atemzug aber kommt die Welt näher und will sich erklären. Und je mehr Lebensjahre und -erfahrung teil dieser Welterklärung werden können, um so engmaschiger wird die Struktur, die Ordnungssystem, Wertesystem und Führungslinie ist.

Agnes Martin, On a Clear Day, 1973, Portfolio mit 30 Siebdrucken auf Japanpapier, je 30,5 x 30,5 cm, Courtesy Parasol Press, Ltd., Portland, Oregon, Foto: Courtesy Pace Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: Courtesy Pace Gallery © Kunstsammlung NRW

Agnes Martin, On a Clear Day, 1973, Portfolio mit 30 Siebdrucken auf Japanpapier, je 30,5 x 30,5 cm, Courtesy Parasol Press, Ltd., Portland, Oregon, Foto: Courtesy Pace Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: Courtesy Pace Gallery
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Das Mappenwerk ‚On a Clear Day‘ zeigt für mich, wie die Künstlerin die menschengegebene Ordnungssuche und selbstbestimmte Einengung in ein mögliches Gegenteil verkehrt. Auf weissem Grund bilden schwarze Linien rechteckige Gitterstrukturen zu einem Quadrat. Leere Flächen, ein Blick durchs Fenster in eine unbestimmte Umgebung, Gedankenräume, die noch nicht gefüllt sind. Die Struktur ist uns vorgegeben, für ihren Inhalt gilt Selbstverantwortung.

Das Spiel mit Formaten und Strukturen ist ein faszinierendes wie augenscheinliches Detail in den Arbeiten Martins. Die meisten ihrer Bilder sind mit ca. 1,83 x 1,83 m große quadratische Formate. Die aufgetragenen Grafitstreifen füllen entweder den gesamten Raum oder einen ebenso quadratischen Ausschnitt innerhalb der Leinwand. Die Formen, die sie bilden, oder die Flächen, die sie dem Raum neu zuweisen, sind dagegen nie quadratisch. Sie entziehen sich manchmal nur mit äusserster Knappheit der Vorstellung von absoluter Symmetrie im Bildaufbau.

Bilder wie ‚Friendship‘ (1963), ‚Leaves‘ (1966), ‚Fiesta‘ (1985) oder die zwölf Bildtafeln der Serie ‚The Islands‘ (1979) beweisen in ihrer unterschiedlichen Ausprägung dieser Bildwelt, wie sehr sich Agnes Martin neben der eignen Konfrontation mit Freiheit und Regeln, der gewollten und gekonnten Vorstellungskraft, mit dem Blick des Betrachters auseinandersetzt und ihn herausfordert.

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies
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Ich muss als Betrachter die vermeintliche Unvollkommenheit der Symmetrie erkennen und anerkennen, sie als Bestandteil eines bestimmten Augenblickes akzeptieren und aus den entstehenden Flächen die Projektionsfläche für den eignen Blick machen. Da werden nie Blätter oder Inseln sein, ebenso wie Freundschaft immer nur ein Gefühl sein wird. Aber die große Leistung dieser Kunst ist ja gerade, dass ich das, was ich empfinde, gar nicht sehen muss.

Agnes Martin, Homage to Life, 2003, Acryl und Grafit auf Leinwand, 152,4 x 152,4 cm, Leonard und Louise Riggio, Foto: Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: Ellen Labenski © Kunstsammlung NRW

Agnes Martin, Homage to Life, 2003, Acryl und Grafit auf Leinwand, 152,4 x 152,4 cm, Leonard und Louise Riggio, Foto: Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Foto: Ellen Labenski
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Für mich vermittelt sich die extreme Kraft dieser Offenbarung durch Zurückhaltung in einem Spätwerk Martins, dass, so beschreibt es Briony Fer, Professorin für Kunstgeschichte am University College in London, in ihrem Aufsatz im Katalog zu einem kleinen und sowohl für die Künstlerin, als auch für das Publikum überraschenden Werkkomplex gehört: ‚Homage to Life‘ von 2003.

Auf grauschwarzem Hintergrund schwebt förmlich ein vollflächig schwarzes Trapez in absoluter Symmetrie zum Raum. Und so abweisend die Farben sind und so ungewohnt die Formensprache scheint. Für mich drückt diese Hommage an das Leben eigentlich auch nichts anderes aus, als die unendlichen Möglichkeiten die es bietet. In der Kombination all seiner Farben wird es zu einer schwarzen Leinwand, die vielleicht doch weniger verdeckt als das sie neue Möglichkeiten offeriert. Das Leben als klar umrissener Körper, zeitlich und strukturell, tritt aus der Unbestimmtheit der es umgebenden Masse heraus. ‚Leben‘ wird zu einer neuen Leinwand, vermittelt, so mein Eindruck, wie auch in den ‚Wall-drawings‘ von Richard Serra oder den ‚Black Paintings‘ von Ad Reinhardt oder Frank Stella.

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies
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Agnes Martin kehrt in ihren letzten Lebensjahren zur ‚gewohnten‘ Bildwelt zurück. Vielleicht war sie ja selbst zu erschrocken von der konkreten Dunkelheit in diesem Bild und von seiner Struktur. Die Ausstellung endet mit einem Gemälde von 2004, ‚Untitled‘, wie so viele. Das Bild ist geteilt in sechs gedachte, horizontale Abschnitte, von denen jene an den Bildrändern und die beiden mittigen Grau, bzw, die verbleibenden beiden im Ton der Leinwand Weiss, sind. Die grauen Flächen aber sind so wenig vollflächig und einheitlich ausgefüllt, dass es eher so wirkt, als Blicke man vorbei und durch einen Fensterrahmen auf eine graue Wolkenwand, die vom Sturm gerissen und zerfranst an einem vorüber eilt. Wenn Glück das Ziel ist, dass sich wie das Erwachen am Morgen anfühlt, dann scheint es hier so, als wäre Ruhe der Wunsch, der einen in die Nacht trägt, wie lange sie auch dauern mag.

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Installationsansicht im K20, Werke von Agnes Martin © 2015 Agnes Martin / Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Achim Kukulies
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Die Ausstellung ‚Agnes Martin‘ macht, aus der Tate Modern kommend, in der Kunstsammlung NRW, K20, bis zum 6. März 2016 Station, und ist damit vor ihrer Weiterreise an das Los Angeles County Museum of Art und das Guggenheim Museum in New York, nur hier auf dem europäischen Festland zu sehen.

Der Ausstellungskatalog ist im Hirmer Verlag erschienen und ist vor allem wegen seiner so kompetenten wie umfangreichen Essays zu Leben und Werk von Agnes Martin nebst zahlreicher Selbstzeugnisse eine lesens- und lohnenswerte Ergänzung zum eigenen Blick auf das Werk der Künstlerin.

 

 

‚Agnes Martin‘ in der Kunstsammlung NRW, K20, Di. – Fr. 10 – 18 Uhr, Sa., So., Feiertags 11 – 18 Uhr, KPMG-Kunstabend (jeden 1. Mittwoch im Monat) 10 – 22 Uhr, bei freiem Eintritt ab 18 Uhr

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