‚Rausch der Schönheit. Die Kunst des Jugendstils‘, im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund

Paris im Oktober 1900.

Die Wärme des Hochsommers hat die Stadt verlassen und die ersten kühlenden Herbstwinde verschaffen der Metropole an der Seine die willkommene Chance zum Durchatmen in diesem verrückten letzten Jahr des 19. Jahrhunderts, das gleichzeitig und an diesem Ort das erste Jahr einer neuen Zeitrechnung werden sollte. 

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Rue de l’Avenir

Mit der entspannten Lässigkeit des modernen Menschen umrunden noch immer Tausende Tag für Tag das Gelände der Pariser Weltausstellung. Nicht laufend etwa, nicht schlendernd oder rennend, schleichend oder hastend. Die Rue de l’Avenir erledigt die lästige Arbeit der Bewegung für sie. Ein rollender Fußweg bringt sie über knapp vier Kilometer und über neun Stationen zum Be- und Entsteigen einmal um die Welt, einmal um ‚Le bilan d’un siècle‘, die ‚Bilanz eines Jahrhunderts‘.

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Wandrelief für ein Esszimmer, Franz von Stuck, um 1900 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Bald schon, im November, werden die letzten Besucher und Aussteller die Stadt verlassen. Bald schon werden die Spuren von 48 Millionen Menschen, die seit April Frankreichs Einwohnerzahl mehr als verdoppelt, und die von Paris versechzehnfacht haben, von den Herbstwinden verweht sein. Mit dem Wind aber, mit den Millionen von Menschen, die zu Besuch waren, Teilnehmer oder Touristen, Künstler, Architekten, Sammler oder Museumsdirektoren, wird dieser Beginn des neuen Jahrhunderts auch Ideen um die Welt tragen, die bis heute nichts von ihrer Schönheit verloren haben.

‚Nur wenige Wochen noch und die ungeheure bunte, schillernde, lachende, und doch so ernste, majestätische Fabelstadt, die die Pariser auf ein paar Monate mitten aus dem Gewirr ihrer Häuser, zwischen Strassen und Avenüen, erstehen liessen, ist für immer verschwunden. Das riesenhafte Monstremosaikbild, aus zahllosen Steinchen zusammengesetzt, die alle Nationen, alle Jahrhunderte, alle Kulturen herangeschleppt haben, wird zerschlagen, und die Steinchen werden wieder fortgetragen, in ihre Heimath, in die Museen, auf die Märkte, oder zerstampft und in die Müllgrube geworfen. Verschwunden ist die malerische Schiefwinkligkeit von Alt-Paris, das pompöse Schauspiel der Völkerstrasse, der Karnevalsrausch der Rue de Paris mit ihren Montmartre – Filialen, die seltsame Farbenpracht der exotischen Welt vom Trokaderohügel, verschwunden die Langweiligkeit der endlosen Ausstellungspaläste, verschwunden die Märchenherrlichkeit der Abende, da sich Meeresströme von weissen und farbigen Lichtern über das gewaltige Gelände ergossen und die internationale Messe in einen Zaubergarten verwandelten. Das Fest ist aus, die Dekorationen werden abgerissen, die Kerzen gelöscht, die Wimpel eingerollt: der Alltag beginnt wieder. Der Kunstfreund reibt sich die Augen und legt sich verwundert die Frage vor, was er denn eigentlich erlebt habe. Da rauscht eine schier unübersehbare Fülle von Eindrücken heran und führt einen Hexentanz um seinen benommenen Kopf aus. Erschöpft setzt er sich nieder, trocknet sich den Schweiss von der Stirn und beginnt langsam Ordnung in die Bilder zu bringen, die ihn umgaukeln’, 

(https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1900_1901/0005)

schreibt Max Osborn in der Oktoberausgabe der Monatszeitschrift ‚Deutsche Kunst und Dekoration‘ sicher nicht nur über seine Eindrücke. In seinen Worten schwingt die Überwältigung und Übersättigung ebenso, wie die bald prophetische Sicht auf die kommenden Jahrzehnte, in denen Kunst und Kultur immer wieder Höhepunkte erleben, aber auch einem unheilvollen Niedergang entgegengehen werden.

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Friedrich Adler, Jardinière Osiris-Metallwarenfabrik Walter Scherf & Co., Nürnberg 1900/01 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Jetzt aber strömen noch die Massen, die Paris über den neuen, wie pompösen Gare d’Orsay erreichen, die in die Linie 1 der Metro steigen, um sich zum Marsfeld und den anderen Schauplätzen dieser Leistungsschau der Jahrhundertwende bringen zu lassen.

 

 

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Lageplan der Weltausstellung Paris 1900

Vielleicht sitzt auch Albert Baum nach seiner Fahrt nach Paris in einem Wagen dieser Linie, voller Erwartung, voller Vorfreude und nach dem ersten Blick auf die oberirdische Metropole auch voller Überwältigung. In seiner Westentasche hat er an diesem Tag einen schmalen Führer über die Weltausstellung und in seinem Kopf eine klare Vorstellung davon, was er hier will.

In seiner Heimatstadt Dortmund ist er der erste Direktor des Gewerbemuseums für die Provinz Westfalen, und  er möchte nicht mehr und nicht weniger als einen Einblick in die

modernsten und fortschrittlichsten Objekte der aktuellen angewandten Kunst zuhause präsentieren […] können‘,

(zitiert in: Ausstellungskatalog ‚Rausch der Schönheit‘, S. 14).
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Peter Behrens, Hans Christiansen, Wandfliesen, Steingut, je 15 x 15 cm, S.O.F. vorm. E.T. Meißen, Düsseldorfer Tonwerk, um 1900 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

 

Baum ist nicht alleine hier, aber seine Begleiter sind ganz sicher, und in ihren finanziellen Freiheiten erkennbar, Konkurrenz. Julius Brinckmann etwa, seines Zeichens Direktor des Hamburger Kunstgewerbemuseums, ist hier, und sein Scheckheft wird ihm Ankäufe bis 100.000 Mark ermöglichen, die den Grundstein legen werden für eine bis heute so umfassende wie bedeutsame Sammlung in der Hansestadt.

 

 

Sicher, Baums Museum hatte einen klaren Auftrag: es sollte

‚‚Sammelstelle‘ für historische, künstlerische und kunstgewerbliche Gegenstände aus städtischem Kontext [sein]‘

(https://www.dortmund.de/de/freizeit_und_kultur/museen/mkk/dasmuseum/museumsgeschichte_1/index.html)
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Fußschale mit Blütendekor (von oben und von der Seite), J. & L. Lobmeyr, Wien, um 1900 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Aber das hier, diesen Aufbruch, das konnte er sich doch nicht entgehen lassen, und sei es nur, um zu zeigen, wozu man selbst auch in der Lage war, was man selbst hatte und konnte!

Er hat die Worte von Samuel Bing im Kopf:

‚Ein neuer Wind wehte über jene Kunst, die den Schmuck des Heims zum Zweck hat, ein Frühlingswind pfeift selbst in die verschlafensten Winkel und rüttelt die lieben, alten Traditionen, dass sie bedenklich zu wackeln anfangen‘,

(zitiert in: Ausstellungskatalog ‚Rausch der Schönheit‘, S. 19).

 

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Hôtel Bing, 1895

Und ‚verschlafener Winkel‘? Nein, das wollte und konnte nicht für seine Heimat gelten, nicht für Dortmund, nicht für sein Haus. Samuel Bing ist Kunsthändler, DER Kunsthändler für Kunst im Neuen Stil. Seine ‚Galerie L’Art Nouveau‘ ist so bedeutend, dass sie dem französischen Jugendstil seinen Namen geben wird: Art Nouveau. In der deutschen Heimat ist da alles etwas pragmatischer, aber nicht weniger bewegend. Hier ist es die 1895 in München gegründete Kulturzeitschrift ‚Jugend‘, die in ihrer Opposition gegen den Historismus und die Auswüchse der Industrialisierung, eine Bewegung benennen wird.

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Vase mit Kastanienblätter-Dekor, Irdenware, glasiert, Gustavsberg bei Stockholm/Schweden, vor 1900. Vom Museum auf der Weltausstellung 1900 in Paris erworben. © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Mit rund 30 Objekten, mit Gläsern, Keramiken und Porzellanen, und mit einem Eindruck vom modernsten und relevantesten Kunstgewerbe seiner Zeit, kehrt Baum nach Dortmund zurück, für seine Sammlung, sein Museum, und für eine Ausstellung der ‚Arbeiten aus den besten Werkstätten‘ (zitiert in: Ausstellungskatalog ‚Rausch der Schönheit‘, S. 28), für ein Museum in der Provinz, am Rande des Wirbels dieser Jahre, und doch mit einem klaren Fokus auf die allumfassende Revolution des Sehens und Lebens, wie sie sich in Paris in aller Fülle und in aller Schönheit offenbarte.

Und dieses Dortmund hat ja schließlich auch etwas zu bieten. Ein Jahr erst ist es her, dass Kaiser Wilhelm II. hier den Hafen, den Dortmund-Ems-Kanal und das nach historischem Vorbild wiederhergestellte Alte Rathaus eingeweiht hat, in dessen Räumen sich auch Baums Museum befindet. Das im Ursprung mittelalterliche Gebäude war nach langer und bewegter Geschichte aufwendig restauriert worden, und nun ein Prunkstück in mitten einer prosperierenden Stadt und Stadtgesellschaft. 

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Vase „Phänomen Genre 29“, Glashütte Johann Loetz-Witwe, Klostermühle, Böhmen, um 1900 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Albert Baum kehrt in ein Dortmund der Zeitenwende zurück, und fast scheint es so, als wäre seine Rückkehr aus der pulsierenden französischen Hauptstadt für die dagegen doch eher verschlafene Ruhrgebietsstadt mit ihren gerade einmal 142.000 Einwohnern der Impuls gewesen, diese Zeitenwende auch hier zu vollziehen. Vielleicht sind hier alle etwas zögerlicher und zurückhaltender dem Neuen und Unbekannten gegenüber, vielleicht muss sich ganz schlicht einfach erst einmal der Erfolg einer Veränderung beweisen.

 

Aber der Blick etwa nach Darmstadt oder München hatte gezeigt, wie dieser Neue Stil, diese Frische mit ihrer Ornamentik, den floralen Elementen, den verspielten Details, den Fabelwesen, Blumen, Ranken, der Schrift, den Schwüngen, Verzierungen und Farben auch – vielleicht gerade, weil so sichtbar – in der Architektur, einen Neuen Menschen vertreten konnte.

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Vase, Louis Comfort Tiffany, New York, um 1900 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Dortmund war nie und wurde nie eine Hochburg des Jugendstils, aber über die ganze Stadt verteilt machten sich Bauherren und Architekten daran, ihre Vorstellung vom Jungen Stil umzusetzen.

 

 

 

 

 

Dortmund im Oktober 1945.

Die letzte Wärme des Sommers zieht nahezu ungehindert durch die Trümmerlandschaft einer Stadt, der der Krieg wie kaum einer anderen  in Deutschland grässlich weite, klaffende Wunden zugefügt hat. Er hat Menschenleben und Existenzen zerstört, und die Schäden an Leib und Seele werden hier wie an unzählbaren Orten der Welt noch Generationen beschäftigen, die Aufarbeitung der Schuld und der Verantwortung noch unvorstellbare Kräfte kosten. 

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Josef Franz Maria Hoffmann, Teppichfragment Glockenblume, 1907, Backhausen & Söhne, Wien 1912 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Nicht einmal 50 Jahre ist es her, dass Albert Baum den Jugendstil aus Paris ‚mitgebracht‘ hatte. Doch dieser neuen und frischen Idee, die Welt zu sehen und zu gestalten, hatte schon der Erste Weltkrieg ein Ende bereitet, so wie die Nationalsozialisten, ihre menschenverachtende Ideologie und der Zweite Weltkrieg schließlich auch dem Bauhaus, zumindest in Deutschland, ein Ende bereiteten.

Baum ist im November 1934 gestorben. Da ist ‚sein’ Museum schon einige Jahre an neuer Adresse, dem ehemaligen Oberbergamt am Ostwall 7, untergebracht. Zu seinem 60. Geburtstag, 1922, hatte der damalige Oberbürgermeister ihn gelobt: 

‚Es hieße pila muralia in unser Museum tragen, wenn ich ihre überragenden Verdienste um die Entwicklung des Dortmunder Kunst- und Gewerbemuseums schildern wollte; wenn ich von der bewundernswürdigenden Lustigkeit, von der zähen Energie, von der tiefgehenden Sachkunde und von der vorbildlichen Selbstlosigkeit erzählen wollte, mit der sie unsere Museumsschätze zusammen getragen haben…’

(https://www.dortmund.de/media/p/museen/mkk/mkk_pdf/125_Jahre_MKK_Broschuere.pdf) 

IMG_9307In den Trümmern einer Stadt zählt die verlorene Schönheit zunächst einmal nicht viel. Es geht um Wiederaufbau, neuen Wohnraum, ein neues Leben, neue Möglichkeiten. Alles ist eine Zeitenwende, nur ganz anderer Art, als die, deren Schönheit noch zwei Generationen zuvor gefeiert wurde. Jetzt geht es nicht mehr um so etwas wie die Abkehr vom Historismus oder ein Aufbegehr gegen die Auswüchse der Industrialisierung. Jetzt geht es ganz pragmatisch: ums Überleben.

Aber die Schätze einer anderen Epoche und das Schimmern aus einer anderen Zeit sind nicht gänzlich verloren.

Viele Jahrzehnte und Geschichten wie Gesichter einer Stadt später (1983), zieht das Museum für Kunst und Kulturgeschichte, wie es jetzt heisst, an seinen heutigen Standort, das Gebäude der ehemaligen Stadtsparkasse, 1924 von Hugo Steinbach im Art-Decó Stil errichtet. In diesen Räumen kann das kulturelle Erbe, auch das der vergangenen Jahrhundertwende, endlich sesshaft sein und sich in ganzer Breite entfalten. 

Hier findet schließlich auch die Sammlung zum Jugendstil ein würdiges Zuhause, und damit der Grundstock für die aktuelle Ausstellung über diesen ‚Rausch der Schönheit‘.

Dortmund im Januar 2019.

Vielleicht denkt, wer heute durch Dortmund läuft, nicht sofort, vielleicht gar nie, an Jugendstil oder überhaupt an die Zeit um 1900. Vieles ist naheliegender, vieles offensichtlicher.

Wer heute aber durch Dortmund läuft, etwa durch das Kaiserstraßenviertel oder das Unionviertel, und wer einmal den Blick nach oben, über das Erdgeschoss hinaus, auf die Fassaden so einiger Häuser wirft, wer mit interessiertem Blick über den Dortmunder Ostenfriedhof streift, wer den Weg zur Immanuel-Kirche nach Marten, zur Hansa-Brauerei oder zur Zeche Zollern findet, der wird in so vielen wie überraschenden Details noch etwas von der Neuen Zeit der inzwischen schon vorletzten Jahrhundertwende spüren. Wie die letzten, farbigen Mosaiksteinchen aus dem zerschlagenen Mosaikbild der Pariser Weltausstellung von 1900 schimmern und leuchten hier und dort zwischen den grauen Fassaden der Nachkriegsarchitektur noch Kleinode einer anderen Zeit auf, werden Details erkennbar und wiedererkennbar, die man hier vielleicht eher nicht vermuten würde.

Ein wenig nimmt man im Januar das Gefühl von Neubeginn und Aufbruch wahr und mit, wenn die Luft kalt und klar ist, und sich das Frühjahr zwar nur ahnen, aber doch erwarten lässt. Vielleicht ist das die perfekte Zeit im Jahr, um an den Stellen, an denen es noch möglich ist, eben nicht die Zerstörung und die hässliche Seite zu sehen, sondern die Schönheit, die vor bald 120 Jahren die Menschen auch hier in einen Rausch versetzt hat, von dem man sich mit dem Wissen der Nachgeborenen wünschen darf, er hätte länger gewährt.

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Tänzerin, Albert Dominique Rosé, 1911, Ausführung Goldscheider, Wien © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Bis in den Sommer aber gibt es zumindest die Chance den ‚Rausch der Schönheit‘, die Kunst des Jugendstils,  in einer Ausstellung zu erleben, die auf Leidenschaft gründet.

Ob Textil, Glas, Möbel, Mosaik, ob Gebrauchsgegenstände, Gemälde oder Skulpturen, Fliesen, Medaillen, Bücher: was das Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund präsentiert, lässt erleben, was ist, und erahnen, was war. Viele Stücke der von Albert Baum zusammengetragenen Sammlung haben den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, darunter auch einige seiner Pariser Schätze.

 

Umso dankbarer kann man sein, dass sie 1964 mit der Schenkung durch Änne Klönne, Frau des Stahlbau-Unternehmers Moritz Klönne und vor allem kunstbegeisterte Weggefährtin vieler Jugendstilkünstler, eine bedeutsame Erweiterung erfahren hat. Heute gehören das von ihr gestiftete, 1907 von Joseph Maria Olbrich für die Industriellenvilla geschaffene ‚Damenzimmer‘, und zahlreiche weitere, wie exzellente Beispiele für die Alltagskultur jener Jahre, zum Bestand des Hauses.

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Joseph Maria Olbrich, Zweiteiliger Eckschrank, Heinrich Julius Glückert, Darmstadt, 1907 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

Es ist in diesen kühlen Ausstellungsräumen sicher nicht annähernd so, wie in den Pavillons der Weltausstellung von 1900 oder in der Villa der Klönnes. Aber ein wenig lässt sich nachvollziehen, wie sehr diese Preziosen damals gewirkt haben müssen, seien sie Kunst- oder Gebrauchsgegenstände. 

Für sein ‚Zimmer eines Kunst-Freundes‘ erhielt der Architekt und Designer Richard Riemerschmid in Paris eine Goldmedaille, und vermutlich wird auch Albert Baum das Zimmer gesehen haben.

Mit vielen der anderen von Riemerschmids Möbeln und Einrichtungsgegenständen, die sich hier in Dortmund nun erleben lassen, und deren Restaurierungsgeschichte an ausgewählten Beispielen erzählt wird, kann man nur noch einen Versuch unternehmen, sich mit Phantasie und Vorstellungskraft zurückzuversetzen in die Zeit ihrer Entstehung. Was dabei überrascht, ist die Schlichtheit vieler Stücke, die Zurückhaltung und Gradlinigkeit in Design und Ausführung. Und was überrascht, ist ihre Produktionsgeschichte: entstanden sind sie in maschineller Herstellung, zu erwerben als ‚Schlafzimmer Modell Nr. 79, Einrichtung II’ etwa, im Katalog ‚Dresdner Hausgerät‘ der Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst, für die Riemerschmid zahlreiche Entwürfe einbrachte. Auch das war Jugendstil. Karl Schmidt, Gründer der ‚Bau-Möbelfabrik‘ hatte ein klares Ziel vor Augen:

‚Unser preiswertes Dresdner Hausgerät, maschinengearbeitet, das großen Anklang gefunden, wollen wir neben unseren handgearbeiteten Erzeugnissen weiter pflegen, sodass sich auch Minderbemittelte gutes, sachliches Hausgerät nach Künstlerentwürfen anschaffen können.‘

(zitiert in: Ausstellungskatalog ‚Rausch der Schönheit‘, S. 211 f.)
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Richard Riemerschmid, Variante des Armlehnstuhls Wohnzimmer »Haus Otto, Bremen«, Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk, München, Entwurf von 1898 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

An dieser Stelle spürt man nichts vom ‚Rausch der Schönheit‘, den wir mit dem Jugendstil verbinden. An dieser Stelle gibt es – und das ist eine große Stärke der Ausstellung – die Möglichkeit, den funktionellen wie revolutionären Charakter einer Bewegung kennenzulernen, die nicht zuletzt auch den Anspruch hatte demokratisch zu sein. Dieser Charakter mag im starken Gegensatz zur Zartheit der Gläser, zur Farbpracht der Porzellane und Fliesen und zum Ornamentreichtum der Textile oder Gemälde stehen, weist aber eben gerade darum auf die Vielfalt und Vielschichtigkeit einer Epoche im Umbruch, deren vorrangiges Anliegen zunächst die umfassende Loslösung vom Alten, von steinernen wie gesellschaftlichen Konventionen war. 

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Peter Behrens, Hans Christiansen, Wandfliesen, Steingut, je 15 x 15 cm, S.O.F. vorm. E.T. Meißen, Düsseldorfer Tonwerk, um 1900 © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Jürgen Spiler

 

 

 

Die Ausstellung beginnt mit einem schwarzweißen Blick auf die Esplanade des Invalides, diese Prachtstraße hin zum Invalidendom im Jahr 1900. Damen mit Sonnenschirmen und behütete Herren schlendern über die breite Chaussee. Es ist sommerlich, die bewegten Länderfahnen auf den Dächern zeugen von einem leichten Wind an diesem Tag. Vielleicht ist Albert Baum gerade aus dem Zug am Gare d’Orsay oder aus der Metro Linie 1 gestiegen, vielleicht ist er irgendwo auf diesem Bild, vielleicht umrundet er das Gelände noch ganz entspannt auf der Rue de l’Avenir . Im Schwarzweiss gerät unsere Vorstellungskraft häufig an ihre Grenzen. 

 

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L’esplanade des Invalides
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Das Entrée der Ausstellung lässt den Besucher in die Pariser Weltausstellung eintauchen. Dort erwarb Albert Baum, Gründungsdirektor des MKK, den Grundstock der heutigen Jugendstil-Sammlung. Foto: Roland Gorecki, Dortmund Agentur

 

Wie schön, gerade darum, dass hier, vor diesem Bild aus einer anderen Zeit, die Farben so vieler wunderbarer Objekte leuchten, die diese Zeit, die Albert Baum mitgebracht hat. Der Rückblick auf diesen Ort und jene Zeit ist das schönste Entree, dass ich mir denken kann, in eine Ausstellung über den ‚Rausch der Schönheit‘.

 

 

 

Die Ausstellung ‚Rausch der Schönheit. Die Kunst des Jugendstils‘, ist noch bis zum 23. Juni im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund zu sehen.

 

Dieser Text entstand als Ergebnis einer Bloggerreise, zu der ich vom Museum für Kunst und Kulturgeschichte im Januar 2019 eingeladen war. Ich danke allen Beteiligten für ein Wochenende voller neuer, unbekannter und überraschender Eindrücke, für die Führungen, das Informationsmaterial, die Gastfreundschaft und jedes offene Ohr für Fragen.

Ich habe mich bei meinem Text für diese Perspektive auf die Ausstellung, die Stadt und ihre Geschichten entschieden. Das von Anke von Heyl perfekt geplante Wochenende in Dortmund bot allerdings so vielfältige wie zahlreiche Blicke, dass ich an dieser Stelle gerne und mit Überzeugung auf die Beiträge verweise, die mitreisende Blogger verfasst haben:

https://kulturfluesterin.com/2019/02/10/bloggerreise_dortmund/

https://www.kulturundkunst.org/2019/02/10/rauschderschoenheit-zu-besuch-im-museum-fuer-kunst-und-kulturgeschichte-in-dortmund/

https://musermeku.org/jugendstil-in-dortmund/

https://kindamtellerrand.de/jugendstil-in-dortmund/

https://www.kulturtussi.de/rausch-der-schoenheit/

https://www.hoemma.ruhr/blog/2019/im-rausch-der-schoenheit

https://aboutartnouveau.wordpress.com/2019/02/22/intoxicating-effect-of-beauty/

Wer neben der Ausstellung einen Eindruck von den architektonischen und kulturhistorischen Schmuckstücken bekommen möchte, die es in Dortmund zu entdecken gibt, dem rate ich zu einem Spaziergang mit der App ‚Actionbound‘ und der Tour ‚Rausch der Schönheit‘, eingerichtet von der ‚Servicekomplizin‘ Claudia Saar.

Im Verlag Kettler ist ein so umfangreicher wie tiefgehender Katalog erschienen, der in Bildern und Texten nicht nur die Ausstellung, sondern auch die kultureller wie gesellschaftliche Tragweite des Jugendstils aufarbeitet.