‚James Rosenquist – Eintauchen ins Bild‘, im Museum Ludwig, Köln

‚We seem insignificantly small, but we exist. So I remain optimistic.‘

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Nicht nur, weil die Teile den Unterschied ausmachen, die Individualität, während das Ganze eigentlich eine beliebige Headline ist. Vor allem, weil es etwas gibt, das zwischen all den Teilen stattfindet, die sich fügen, oder eben auch nicht.

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James Rosenquist vor einer Wand mit Quellenmaterial in seinem Atelier in der Broome Street, New York, 1966 Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: © Estate of Bob Adelman/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Da ist eine Reibungsfläche, da ist der Moment in dem man blinzelt und blind ist, da ist ein kurzer Moment des Fallens, in dem sich Wahrnehmung, Hoffnung und Glauben treffen.

Die Fragilität der Wahrnehmung liegt auch in der Erkenntnis, dass vieles von so vielem abhängt, von Umständen, die ausserhalb unserer Beeinflussbarkeit liegen, aber auch von unserer Bewegung, unserem Standpunkt, von Impulsen.

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James Rosenquist bei der Arbeit an Star Thief (Sternenräuber), 1980 Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: © Estate of Bob Adelman/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

James Rosenquists Bildwelten sind Zündfunke und Beschleuniger unserer Bewegung in den Umständen zugleich. In dem Moment, da mein Auge auf eines seiner Bilder trifft, bleibt der Blick darin verfangen.

Und ab dann bleibt nicht viel Zeit, sich zu positionieren. Sofort beginnen die Fragen an mir zu zerren: nach Zusammenhängen, nach Gemeinsamkeiten, nach Verbindungen. Und sofort beginnt das ‚Eintauchen ins Bild‘.

Die retrospektive Ausstellungen im Museum Ludwig, an deren Erarbeitung der Künstler noch selbst beteiligt war, und die nunmehr also die erste große Rückschau nach seinem Tod ist, ist in all dem nicht nur Demonstration dieser unglaublichen und machtvollen Kraft der Bilder von James Rosenquist, sondern als kuratorische Meisterleistung in sich selbst, in den Räumen als Teile und der Gesamtschau als Ganzes, ein Universum.

Schon mit dem Auftakt, ‚Through the Eye of the Needle to the Anvil‘, demonstriert dieses Universum seine Anziehungskraft. Ein ganzes Leben in einem Gemälde. Nicht nur Menschenleben, sondern die universale Schau von Geburt, Ausdehnung und den Funken von Endlichkeit in Unendlichkeit. Eingelassen in die Dunkelheit, die wir schon hinter uns gelassen haben, oder die unser Blick vielleicht auf der Reise noch nicht mit Leben und Farbe erfüllt hat, auf eine Welt neben der unserer Erfahrung, dahinter oder davor, ganz still und ehrfürchtig: ‚after all in awe of itself is death‘.

Selbst der Meister der Dekonstruktion wird am Ende von seiner Kraft überwältigt, die in einem ewigen Kreislauf mündet, einsaugt, herumwirbelt, verteilt, zerteilt, zusammenfügt und neu beginnt.

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James Rosenquist President Elect (Designierter Präsident), 1960–61/1964 Öl auf Holzfaserplatte 228 × 365,8 cm Centre Georges Pompidou, Musée national d’art modern / Centre de création industrielle, Paris Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Und so werde ich in diese Ausstellung hineingezogen. Und nach dem engen Nadelöhr die Funken, das faszinierende und vielschichtig Werk von James Rosenquist.

Es wird um Politik gehen, um gesellschaftliche Phänomene, um Pop-Kultur, um Werbung, Verführung, Krieg, Starkult, um Alltäglichkeit, Geschlechterrollen, Leben, Tod. Es ist Wahnsinn, um was es hier alles geht, und wie es häufig in einem Bild um alles geht. Und es ist so klar: Jetzt und hier ist gar nicht annähernd Platz für alle Eindrücke.

‚Popular culture isn’t a freeze-frame; it is images zapping by in rapid-fire succession, which is why collage is such an effective way of representing contemporary life. The blur between images creates a kind of motion in the mind.‘

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James Rosenquist Untitled (Joan Crawford says…) Ohne Titel (Joan Crawford sagt…), 1964 Öl auf Leinwand 242 × 196 cm Museum Ludwig, Köln Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn, 2017 Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Als Plakatmaler hat Rosenquist einen Blick für die Teile des Ganzen entwickelt. Und nicht nur dafür, dass sie sich in Fernwirkung auf den Betrachter hin fügen und zu einer Erzählung finden müssen, sondern auch für die Auswahl dieser Teile und den Blick auf die Elemente. Was in der Werbung als Anreiz funktioniert, als Attraktion für die Besonderheit eines Produktes oder die Dramatik einer Erzählung beim Film, verwandelt sich im Kunstwerke zu einem Spiel mit der Absurdität und – vermeintlichen – Zusammenhanglosigkeit der Teile.

Eine Ikone des Films, als Ikone der Werbung, deren Worte nicht zählen, nur ihr Gesicht. Reduzierung auf die minimale Notwendigkeit in der Werbung: ein Lächeln, ein vertrautes Gesicht, ein Star, ein Mensch wie Du und Ich, ‚Joan Crawford says…‘, ja was eigentlich?

Der Kühlergrill eines Ford, eine zärtlich flüsternde Berührung, Spaghetti. ‚I love you with my Ford‘. Rosenquist kombiniert drei Erzählungen und Bildwelten aus Werbeanzeigen zu einem Ganzen, indem sich die neue Geschichte quasi zwischen den Zeilen, oder besser gesagt: zwischen den Bildteilen abspielt. Freiheit, die Freiheiten des Fortschritts, die Errungenschaften der Technik, als Voraussetzung und Priorität einer sozialen Struktur und Geschichte, die von Männern erzählt wird, deren Erwartungshaltungen von Frauen erfüllt werden.

Die Werbeanzeigen, die Rosenquist in seinen Werken verarbeitet hat, stammen aus dem Life-Magazin, dessen selbstgestellte Aufgabe es ab 1936 war

‚to see life; to see the world; to eyewitness great events; to watch the faces of the poor and the gestures of the proud; to see strange things — machines, armies, multitudes, shadows in the jungle and on the moon; to see man’s work — his paintings, towers and discoveries; to see things thousands of miles away, things hidden behind walls and within rooms, things dangerous to come to; the women that men love and many children; to see and take pleasure in seeing; to see and be amazed; to see and be instructed…‘ 

Und da lagen also zwischen diesen großen und großartigen Photoreportagen über die Schönheiten und Grausamkeiten der Welt diese Momente des Blinzelns, die einen für den Wimpernschlag heraustragen und damit mitten hinein in die Welt, die einen umgibt. Eben noch schien es, als blickte man aus der Ferne des Alls auf die Wunderlichkeiten dieses Planeten, eben noch war man unbeteiligter Beobachter der großen Zusammenhänge, nur um im nächsten Moment mit den Annehmlichkeiten des Fortschritts direkt vor der eigenen Haustür konfrontiert zu werden. Was für eine schöne Welt! A man’s world natürlich.

‚If you are close to it, a big painting is just a feeling around you, that’s all.‘

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James Rosenquist Star Thief (Sternenräuber), 1980 Öl auf Leinwand 520,7 × 1402,1 cm Museum Ludwig, Köln Leihgabe Peter und Irene Ludwig Stiftung, Aachen 1995 Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Das ist natürlich ein ziemliches Understatement. Und das merkt man hier in der Ausstellung recht schnell. Hier wird man von so vielen von Rosenquists großformatigen Bildern umgeben und eingenommen, dass deutlich und spürbar wird, das ist weder ‚just‘ noch ‚thats’s all‘. Anders formuliert: wer in diese Bilde eintaucht, lässt sich auch darauf ein, alles bis auf dieses Gefühl zu verlieren. Und das heisst dann auch, dass man sich darauf besser verlassen sollte, denn mehr wird nicht bleiben.

Darin liegt die Herausforderung und die große Stärke der Bilder. Wenn man sich in sie fallen lässt, bleibt eine ungeheure Freiheit der Gefühle, Gedanken, Assoziationen und Geschichten, die aus all dem entstehen.

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James Rosenquist The Swimmer in the Econo-mist #3 (Der Schwimmer im Wirtschaftsnebel #3), 1997/98 Öl auf geformter Leinwand 402 × 610,1 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York Commissioned by Deutsche Bank AG in consultation with the Solomon R. Guggenheim Foundation for the Deutsche Guggenheim, Berlin Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Am Kopfende der langgezogenen Ausstellungshalle hängt ‚The Swimmer in the Econo-mist #3‘ wie das Abbild eines kraftvollen Acht-Zylinders, der alles und jeden hier in Bewegung hält und vorantreibt durch diese Straße, ein Motor und Energiezentrum, flankiert von ‚The Swimmer in the Econo-mist #1‘ und ‚The Swimmer in the Econo-mist #2.‘ Drei Arbeiten, entstanden 1997/1998 für eine raumgreifende Ausstellung in der Deutschen Guggenheim, Berlin.

Bei all dem Farbstrudel und dieser unbedingten Bewegung, diesem dauernden und unerbittlichen Fortschritt gibt es ganz zu Beginn, auf den ersten Tafeln von #1, den vielleicht im ganz stillen und stillstehenden Sinne bewegendsten Moment: aus einer undefinierbaren Nichts eine schwarze Masse, wie ein Strudel, ein schwarzes Loch, dass das Grauen gebiert, den Krieg. Rosenquist weiß natürlich – und wie schon beschrieben – um die Macht des Bildes als Abbild einer Geschichte, einer Realität. Er weiss, wie sehr wir diese Erkenntnisanker brauchen, Symbole, Zeichen, die in ihrer Gültigkeit über der Zeit stehen.

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Installationsansicht James Rosenquist. Eintauchen ins Bild Museum Ludwig, Köln Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, Rico Burgmann

Aus der graubraunen Kälte, aus dem Wirbel der Zerstörung, werden Elemente aus Picassos Guernica an die sichtbare Oberfläche gespült. Oder werden sie von diesem Strudel ergriffen, der sie in die Unendlichkeit des Vergessens saugt, verarbeitet, zerkleinert, verdaut und schließlich die Gegenwart ausspuckt? Die schöne, bunte Warenwelt, die Konsumwelt, die Welt, die uns so einfach berauscht und betäubt, weil wir uns so gern berauschen und betäuben lassen?

‚Certainly I have made comments on American society with the various pictures and have done about nine antiwar paintings. But I did them because I was incorporating my feelings into my work.‘

Über ‚F-111‘, seine Entstehungsgeschichte, seine Motive und deren Ursprung und Bedeutung klärt ein ausführliches Essay im herausragenden Katalog zur Ausstellung auf. Man wird auch hier gewahr, dass jedes Detail an eben der Stelle, in der Ausführung, Perspektive und Anordnung, in der es sich eben befindet, und mit dem unbedingt immer mitzulesenden Hinweis auf seinen Ursprung in einer Werbeanzeige des Life-Magazins, seinen Sinn ergibt für die große Erzählung, die dieser Raum ist.

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James Rosenquist Installationsansicht von F-111 in der Leo Castelli Gallery, 1965 (kolorierte Fassung nach dem Originalfoto), F-111, 1964/65 Öl auf Leinwand und Aluminium (mehrbahnige Rauminstallation) 304,8 × 2621,3 cm The Museum of Modern Art, New York Purchase Gift of Mr. And Mrs. Alex L. Hillman and Lillie P. Bliss Bequest (both by exchange), 1996 Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Rosenquist hat mehrere solcher Environments geschaffen, denen vor allem eines gemeinsam ist: der bewusste Umgang mit peripherem Sehen, das heisst der Einbindung von Seherfahrungen, die, je nach Standpunkt im Raum unterschiedlich, am Rande unserer Wahrnehmung, sozusagen out of focus, angesiedelt sind. Durch sie wird das Eintauchen ins Bild wahrhaftig und erlebbar.

Diese Räume – ob ‚F111‘, ‚Horse Blinders‘ oder ‚Horizont Home Sweet Home‘ – hier erleben zu dürfen, und zu wissen, dass Rosenquist die Erarbeitung der Ausstellung bis zu seinem Tod im Frühjahr 2017 noch selbst begleitet hat, hinterlässt bei mir ein Gefühl von Ergriffenheit, dass ich so nicht erwartet hatte.

Da ist nur noch Gefühl um mich, das ist alles. Ich sehe die Elemente, die Farben, die Bewegungen, nehme meine eigene Erfahrung wahr und bin ergriffen von den Geschichten, die hier erzählt werden.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

‚Scientist say, ‚There is no such thing as time; gravity is a dust from another universe, and outside our own universe are many, many universes in all directions.‘ They speculate that attached to these universes are probably 6,000 planets identical to Earth. So are there things living out there? Animals, people, anything?‘

Ich bin auf dem Weg zurück. Vor ‚The Stowaway Peers Out at the Speed of Light‘ muss ich mich kurz setzen. Ich schaue auf dieses monumentale Werk und werde übermannt von Erschöpfung. Mein Körper, hin und her gezogenen von all diesen Wirbeln und Strömen, braucht eine Pause. Ich schaue in die Farbe. Ich schaue in die Unendlichkeit. Und ich bemitleide den Blinden Passagier, der da versucht mit dem Blick aus dem Tunnel seiner unendlich schnellen Fahrt durch Raum und Zeit vielleicht kurz einen Halt zu finden, etwas zu erkennen, sich zu verorten. Sind wir die Blinden Passagiere? Und sind wir es, weil wir etwas wider besseren Wissens ausnutzen und über Gebühr gebrauchen, missbrauchen, oder sind wir es, weil wir keine andere Chance sehen, ein Ziel zu erreichen, ein gutes Ende und Erlösung zu finden?

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James Rosenquist The Stowaway Peers Out at the Speed of Light (Der blinde Passagier späht bei Lichtgeschwindigkeit nach draußen) , 2000 Öl auf Leinwand 520,7 × 1402,1 cm Estate of James Rosenquist Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Ich stehe auf, stelle mich ganz links unter das Bild und verharre mit starrem Blick einen Moment. Die Drehung beginnt, der Sog beginnt, ich muss das Gleichgewicht halten, während alles an mir vorbei rast. Ich schaue kurz nach rechts, kurz ergreift mich der Schlag des Fahrtwindes und Farben und Formen wirbeln um mich.

‚I am not in yesterday; I am not in tomorrow. I am right now.‘

Wieder einmal entlässt mich dieses wunderbare Museum mit einmaligen Erfahrungen und Eindrücken und innerlich zerzaust. Ich fühle mich am Ende im guten Sinne wieder in die Realität gespuckt, bin froh wieder den Trubel der Stadt, erfahrbaren Raumes, erleben zu können, und dankbar für das Eintauchen.

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James Rosenquist The Geometry of Fire (Die Geometrie des Feuers), 2011 Öl auf Leinwand 335,3 × 762 cm Estate of James Rosenquist Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Danke an das großartige Team des Museum Ludwig, im Falle dieser Ausstellung namentlich an die Kuratoren Stephan Diedrich und Yilmaz Dziewior, denen diese Ausstellung gelungen ist, als sei es Nichts, so viele Welten, Themen und unglaubliche Formate in Räume zu bringen, die Wirkung zulassen und Resonanz fordern. Danke für diese Arbeit.

James Rosenquist – Eintauchen ins Bild‘, bis zum 3. März 2018 im Museum Ludwig, Köln,

Di bis So und an Feier­ta­gen: 10 – 18 Uhr

Je­den er­sten Do im Mo­nat: 10 – 22 Uhr

Bei Prestel ist der hervorragende Katalog erschienen, den ich als Vertiefung dringend empfehle.

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