‚Tintoretto – A Star was born‘ im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Wer war Jacopo Robusti, der Tintoretto wurde?

Die Zeiten haben sich geändert. Mit ihnen die Herausforderungen, die Möglichkeiten, die Grenzen, Ansprüche, Notwendigkeiten, die Rechte und Pflichten, Sehnsüchte und Abhängigkeiten. Macht  und Glanz und Ohnmacht und Elend sind näher zusammengerückt, oder zumindest kann man sich von beiden Seiten nicht nur sehen, sondern wahrnehmen. Keiner kann mehr behaupten, nichts zu wissen. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, sieht und riecht, spürt körperlich, welche Stunde es geschlagen hat. Es sind nicht mehr nur die abstrakten ‚Dinge‘, die sich ändern. Es sind Lebensentwürfe, die nicht mehr nur der Dramaturgie von Oben und Unten folgen oder folgen müssen. Herkunft und Zukunft werden zu Kleidung einer neuen Zeit.

E10801.jpg
Jacopo Tintoretto, Die Bekehrung des Saulus, 1538/39, Öl auf Leinwand, 152 x 236 cm, National Gallery of Art, Samuel H. Kress Collection, Washington. Foto: © National Gallery of Art, Washington

Jacopo Robusti kommt 1518 in Venedig in eine Welt, deren Grenzen und Selbstverständnisse brüchige Erinnerungen sind. Jenseits der Meere wächst sie ins Unermessliche und beim Blick vor die eigene Tür wird politische und soziale Unsicherheit spürbar. Alte und gewohnte Stellungen von Macht und Anspruch müssen neu überdacht und neugewonnene Erkenntnisse geschützt werden.

Die Serenissima geht in der Konfrontation mit ihren Gegnern und den elementaren Veränderungen im Inneren einen bedeutend eigenständigen Weg der Machtdemonstration. Sie fördert die Künste, die Bildung, Freiheit und republikanisches Gedankengut.

Jacopo findet eine Atmosphäre der Möglichkeiten vor, der Boden für seine Kunst und seine Idee zu leben ist bereitet.

Im Katalog zur Ausstellung beschreibt Giuseppe Gullino die Situation in Venedig in diesen Jahren so:

‚Das Aufgehen des Individuums im Kollektiv und die damit einhergehende Ablehnung des Personenkultes (hat man je eine Dogenstatue auf einem der öffentlichen Plätze im Veneto gesehen?) entsprachen republikanischen Werten und trugen dazu bei, den Abstand zum Volk, insbesondere zum Stand der Händler und Handwerker, zu verkleinern.‘ (G.Gullino, ‚Venedig 1523–1553, in: ‚Tintoretto – A Star was born‘, S. 27)

05
Jacopo Tintoretto, Die Anbetung der Könige, um 1537/38, Öl auf Leinwand, 174 x 203 cm, Museo Nacional del Prado, Madrid. Foto: © Museo Nacional del Prado. Madrid

Vor diesem Hintergrund sehe ich den jungen Mann, der irgendwann in den 1530er Jahren bei Tizian an die Ateliertür klopft. Der ist zu dieser Zeit unangefochtener Star. Und für Jacopo muss diese Kunst der Unabhängigkeit, des Erfolges und der Kreativität extrem reizvoll erschienen sein. Wenn bis heute die Anekdote kolportiert wird, Tizian habe Jacopo schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Atelier geworfen, dann erzählt sich damit auch die Geschichte zweier Lebensentwürfe, die wohl unterschiedlicher nicht sein können:

Hier der Meister, der unangefochtene Herrscher über seine Kunst, der Maler der Dogen, Kaiser und Päpste gleichermassen, der keine Konkurrenz zulässt, in dessen Werkstatt seine Signatur, sein Wort und seine Kunst die ausschließliche Autorität sind. Gehilfe ja, aber bitte im Schatten.

Und dort ein Lehrling, der die Möglichkeiten der Zeit sieht. Ein Maler, der seine Stärken kennt, und der weiss, dass er in eine Zeit geboren ist, die ihm die Chance lässt, Meisterschaft zu erreichen, ohne sich einem Meister anzubiedern.

09
Jacopo Tintoretto, Deukalion und Pyrrha beten vor der Statue der Göttin Themis, 1541/42, Öl auf Holz, 127 x 124 cm, Gallerie Estensi, Modena. Foto: © Paolo Terzi

Ich stelle mir einen etwas stürmischen, angeberischen, vielleicht gar prahlerischen jungen Mann vor. Einen Jacopo Robusti, der es seinem Lehrer schwer macht, ihn zu respektieren, und unmöglich, ihn zu akzeptieren. Ego trifft auf Ego, Erfahrung des Alters und Erfolg auf Selbstsicherheit und Erwartung weit jenseits reiner Hoffnung. Ich stelle mir einen Kerl vor, der immer etwas zu laut ist, zu vorlaut, zu fordernd.

Und ich stelle mir einen Tizian vor, der sich gesagt haben muss, dass er diesen Sturm und Drang nur unbeschadet überstehen kann, indem er Türen und Fenster schließt, und den Wirbelwind nicht seine Kunst, seine Stellung hinwegfegen lässt in Künsten, die er ihm selbst beigebracht hat.

11
Jacopo Tintoretto und Werkstatt, Salomo und die Königin von Saba, um 1546–1548, Öl auf Leinwand, 151 x 238 cm, Bob Jones University Museum and Gallery, Greenville, South Carolina. Foto: © Bob Jones University Collection

Vielleicht war das der Tintoretto – oder zumindest ein Charakterdetail – dessen Bilder wir in der Kölner Ausstellung bewundern können. Ein junger Mann, der ein: ‚Seht her!‘ vor sich herträgt, der seine Herkunft dabei nicht verleugnet, im Gegenteil stolz Erreichtes vorzeigt und Tradition im Namen trägt. Fast scheint es, als hätte ihm alles – der Erfolg, die Anerkennung, die Akzeptanz, die Unabhängigkeit – gar nicht zügig genug gehen können.

Linda Borean lässt in ihrem Katalogbeitrag ‚Mutmaßungen über Jacopo‘ den Dichter Pietro Aretino zu Wort kommen, der dem Künstler in einem Brief im Zusammenhang mit der Präsentation von ‚Sklavenwunder‘ für die Scuola la Grande di San Marco sein Lob ausspricht und warnend empfiehlt:

‚Aber werdet nicht hochmütig angesichts dieses Erfolges, denn das hieße, nicht zu einer noch höheren Stufe der Vollkommenheit aufsteigen zu wollen. Und selig Euer Name, wenn Ihr die Geschwindigkeit des Gemachten drosseln würdet zur Geduld des Machens. Obgleich: Nach und nach werden dafür die Jahre schon sorgen, denn nur sie und nichts anderes sind im Stande, den Lauf der Nachlässigkeit, welche die ungestüme und schnelle Jugend sich so zugute hält, zu bremsen.‘ (zitiert in: ‚Tintoretto – A Star was born‘, S. 35)

Vieles über den jungen Mann liegt noch im Ungefähren. Das gilt für Leben wie für Werk. Eine Großtat der Ausstellung im Wallraff-Richartz-Museum ist, dass sie ein auch für das Publikum nachvollziehbares Forschungsprojekt ist. Neue Zuschreibungen, neue Titel, neue biografische Details, neue Erkenntnisse zur künstlerischen Arbeit und Zusammenarbeit: spätestens durch den Katalog eröffnet sich eine Welt. Kenntnisreich, neu, lesbar und spannend werden hier die möglichen Zugänge zu Werk und Biografie erweitert und ergänzt.

03
Jacopo Tintoretto, Der heilige Ludwig, der heilige Georg und die Prinzessin, 1551, Öl auf Leinwand, 230 x 150 cm, Gallerie dell’Accademia, Venedig Foto: © bpk / Scala – courtesy of the Ministero Beni e Att. Culturali

1537 bis 1555: um diese Jahre geht es in Katalog und Ausstellung. Spätestens 1538 ist Tintoretto Meister mit eigener Werkstatt und Produzent eines Œuvre, dass ihn aus den Abhängigkeiten des Standes befreit. Das Wallraff-Richartz-Museum präsentiert diese knapp zwanzig Jahre nicht chronologisch, sondern in thematischen Kapiteln, in denen Bildwelten, Prozesse, Malpraxis, gesellschaftliche Fragen und innovative Ideen erfahrbar werden.

Tintoretto wird als Suchender sichtbar, der in jedem Stadium seiner Studien und seines Schaffens doch eine selbstbewusste Könnerschaft präsentiert. Er sucht sich die Themenwelten der Meister seiner Zeit und derer davor und malt ihre Sujets nicht einfach nach, sondern setzt quasi immer, und überzeugt von Möglichkeit und Wirkung, noch einen oben drauf.

Er entdeckt, erkundet und erschafft Räume, ‚erobert‘ sich die Perspektive, fordert mit neuen Blickwinkeln heraus, überarbeitet alt hergebrachte Motive und eigene Werke – sei es selbst, oder durch seine Werkstatt –, inszeniert Frauen, das Weibliche, fokussiert das Porträt auf den intensiven Blick, gibt seinen Figuren Tiefe und Raum. Er lernt, und wir schauen ihm dabei zu, wie sich sein Lernen zu Meisterschaft formt.

14
Jacopo Tintoretto, Porträt eines weißbärtigen Mannes, um 1545, Öl auf Leinwand, 92 x 60 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien. Foto: © KHM-Museumsverband

Auch darin liegt die große Kraft, die Stärke der Ausstellung: in ihren sieben Kapiteln wird ein Suchender präsentiert. Tintoretto gibt sich nicht mit Notwendigkeiten zufrieden oder ab, er entdeckt und formt Möglichkeiten zu Ausdrücken völlig neuer Ideen und Interpretationen.

Wer war Jacopo Robusti, der Tintoretto wurde?

Die Ausstellung präsentiert den Maler auch als Künstler unter Künstlern, vielleicht als Freund unter Freunden, oder zumindest Partner unter (Geschäfts)partnern. In der vielleicht etwas harten Abgrenzung von ‚Genie‘ und ‚Handwerker‘ öffnet sie einen Blick auf die frühe Zusammenarbeit mit Giovanni Galizzi, dem im Zuge neuer Forschungen zahlreiche einst Tintoretto zugeschriebene Werke gegeben wurden.

Kurator Roland Krischel bemerkt dazu:

‚Erst um 1554 trennten sich ihre Wege und Jacopo warb andere (manchmal aus den Niederlanden stammende) Assistenten an. Offenbar startete Galizzi in eigener Werkstatt eine Produktion von Tintoretto-Plagiaten. Ob dies Grund oder Folge der Trennung war, bleibt unklar.‘ (‚Tintoretto – A Star was born‘, S. 146).

Ich stelle mir bei allem, was ich im Katalog gelesen und in der Ausstellung gesehen habe, ersteres als wahrscheinlicher vor. Ich habe das Gefühl, dass dieser Tintoretto im Selbstbewusstsein des Suchenden, der schon früh weiss, was er finden will, dieses – sein – Genie in aller Abgrenzung zu anderen stehen sehen wollte. Und doch wirft auch oder gerade dieses Kapitel einen interessanten Blick auf die Malpraxis dieser Jahre, allemal der eines erfolgreichen Künstlers mit eigener Werkstatt.

13
Jacopo Tintoretto, Joseph und Potiphars Weib, Öl auf Leinwand, 54 x 117 cm, Museo Nacional del Prado, Madrid. Foto: © Museo Nacional del Prado. Madrid

Und natürlich schließt sich hier auch ein Kreis zur ‚Causa Tizian‘: welchen Meister hat seine Werkstatt hervorgebracht? Jacopo Robustis Ego ist Teil einer neuen Idee von kollektiver Gestaltung, er dient dieser Zeit mit seiner Kunst, ist Venezianer durch und durch. Aber: alles hat seine Grenzen.

Nur in der Kunst, da will und kann er sie nicht erkennen. Hier verschiebt er sie früh nach seinen Plänen und Visionen und wird so zum ‚Star‘, modern, zeitlos.

Eine großartige Ausstellung.

‚Tintoretto – A Star was born‘ im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, bis zum 28. Januar 2018

Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr

Der unbedingt empfehlenswerte Katalog (Hirmer Verlag) ist im Museum für 35€ erhältlich.

One Comment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.