#1Tag1Text zu: Severin Roesen ‚Two-Tiered Still Life with Fruit and Sunset Landscape‘, ca. 1867

Das kleine rote Licht oberhalb der Kamera ging an, seitlich davon bewegte sich ein Arm, die Hand mit gestrecktem Zeigefinger, in ihre Richtung, und Lippen formten ein geräuschloses ‚go‘, während ihre, geschlossen und leicht trocken, auf die ersten Worte warteten, die Begrüßung einer Nation an den Fernsehschirmen, die heute Fenster in dieses neugestaltete Zuhause einer kleinen Familie waren. Jacqueline Kennedy hatte sich ein Jahr Zeit genommen, um aus der Bühne, die dieses Haus für so viele Präsidenten vor JFK war, einen Ort der nationalen Geschichte zu machen, ein kulturelles Zentrum, in dessen Mittelpunkt immer der Präsident stünde, umgeben jedoch von Höhepunkten einer langen Tradition, manifestiert in Möbeln, in Tapeten, in Objekten, Farben, Gemälden, ein sichtbarer Ausdruck für die Vielfalt der Einflüsse und Ideen, die in diesem Land und auf dieses Land gewirkt haben. Zu den Staatsräumen der Ersten Etage, und damit zum Hauptaugenmerk der Neugestaltung des Hauses, gehörte dabei der Red Room, benannt nach der traditionell roten Wandtapete, ein häufig genutzter Salon und Musikraum für Dinner und Empfänge. Wie für alle öffentlichen Räume, so gab es nun auch für diesen Raum zahlreiche Vorschläge zur Einrichtung aus dem eigens gegründeten Fine Arts Committee. Sie alle folgten dem Credo der First Lady ‚Everything in the White House must have a reason for being there. It would be sacrilege merely to redecorate it—a word I hate. It must be restored, and that has nothing to do with decoration. That is a question of scholarship.’ Das Weisse Haus sollte ein Symbol werden, innen wie außen, Abbild der wechselvollen Geschichte des Landes und der Prägung durch dessen Einwohner.

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Severin Roesen Two-Tiered Still Life with Fruit and Sunset Landscape ca. 1867

Mit seinen Stilleben und mit seiner Biografie traf der deutschstämmige Severin Roesen, dessen Werk schon bald nach seinem Tod 1872, und damit für nun fast hundert Jahre, in Vergessenheit geraten war, den Geschmack und die Ideen der neuen Zeit. Sie waren Verweis auf die Einmaligkeit der kraftvollen Natur eines reichen wie unvergleichlichen Landes, ein Verweis, dessen innewohnendes Selbstverständnis in die Gegenwart reichte, und darüber hinaus waren sie die Arbeiten eines Europäers, der, wie so viele vor ihm und danach, mit seiner Einwanderung die Wirren, Kriege und Herausforderungen der Heimat hinter sich gelassen und dabei seine Traditionen und sein Können mitgebracht hatte. Mit dem roten Licht begann eine Erzählung dieser Geschichte von Tradition und Aufbruch, die die Geschichte des Landes und seiner Menschen war, und die die Werke von Severin Roesen in eine neue Erinnerung holte.