#1Tag1Text zu: Duccio di Buoninsegna ‚Madonna und Kind‘, ca. 1290–1300

Sanft streift das Jesuskind mit seiner Hand der Mutter den Schleier aus dem Gesicht und wird dessen sorgenvollem, traurigem Ausdruck gewahr, der alle Vorahnung in sich trägt, die ein Wissen ist über das Schicksal des Sohnes, der leiden und schließlich am Kreuz sterben wird, und das auch sie zu tragen hat, als Bürde, als Verantwortung, als Mutter. Sie scheint alle Last zu spüren, die der Sohn schon im Leben wird auf sich nehmen müssen und wollen, und er scheint ihr mit seinem Blick, mit seinem liebevollen Griff, den Trost spenden zu wollen, der vorausgeht, der Heilung seien möchte, und der auch Dankbarkeit in sich zu tragen scheint.

Ganz lebensnah und lebensecht begegnen uns die beiden Figuren, ganz Abbilder menschlichen Ausdrucks von Gefühlen und Gebaren, die sich vom goldenen Hintergrund zu lösen scheinen wie aus dem blendenden Licht der untergehenden Sonne vor der sie stehen, und die, nun verdeckt, alle Konturen und alle Tiefen verstärkt, die Kraft gibt aus dem Jenseits der Wahrnehmung und ein Bild in das Diesseits trägt, an die Betrachter, die wir sind, die wir hier, in unserer Realität unterhalb einer Brüstung stehen, die aus der Realität des Bildes zu uns herüber und zu uns herunter reicht. Dieses Geländer, das so unscheinbar zunächst, und dann, wenn man es wahrnimmt, mit so viel Kraft die Erzählung über den Rahmen mit uns verbindet, ist vielleicht das kleine Wunder der Kunst, das dem großen Wunder der biblischen Geschichte und ihrer Chronologie vorausgeht.

Buoninsegna
Duccio di Buoninsegna Madonna und Kind ca. 1290–1300

Eine ewige, eine heilige Welt wird für einen Moment zu unserer Welt, Dinge unseres Lebens verbinden sich mit ihr und binden uns ein, bekommen alle Dimensionen, die transzendenten, die alltäglichen, Gefühl und Gespür. Bei Duccio di Buoninsegna werden aus Madonna und Christus Mutter und Kind, und wir zu Zeugen einer ganz irdischen Erfahrung von Liebe, Vertrauen und Hoffnung, in der sich die himmlische Erzählung spiegelt und verstärkt. Am Beginn einer Epoche, die Vasari zwei Jahrhunderte später als Ausgang aus dunkelsten Zeiten bezeichnen, und die schließlich in die Renaissance führen wird, sowie als Vorreiter der Schule von Siena und einer langen Traditionslinie, die wiederum aus ihr erwächst, steht Duccio mit der Gestaltung seiner Bildwelten, wie sie auch in diesem wunderbaren Motiv zu finden sind, als Vorbild kommender Generationen von Künstlern da.