#1Tag1Text zu: Jean-François Millet ‚Vogeljagd bei Nacht‘, 1874

Meine Augen sind geblendet von dem gleißenden Lichtstrahl, der den Nachthimmel mit tausenden zuckender Blitze in eine Offenbarung zu verwandeln vermag und mich, wie alle um mich herum, niederzwingt, in Furcht, in Demut, in Erstaunen über die Allmacht von Kräften jenseits meiner Vorstellung. Mein Stock ist kein Schutz und meine Hände und Füße gehorchen nicht meinem Willen, während sich das Licht wie Äste und Zweige aus einem festen Stamm über die düstere Szenerie bewegt, und uns aufzunehmen scheint in eine andere Dimension, in eine andere Welt. 

Wer in der Dunkelheit steht, und nur das Licht sieht, und nur die Körper der Menschen, übersieht die Geschichte. Eine Geschichte kann blenden, wie das Feuer die Vögel, wie ein Bild ohne Titel.

Millet
Jean-François Millet Vogeljagd bei Nacht 1874

Jean-François Millets mystisch-religiös wirkende Kulisse ist dabei ein Abbild der Realität und ein Seelenbild zugleich, in dem wir als Betrachter in der Interpretation der Wahrnehmung unseren Standpunkt für den Moment, und im ständigen Wandel der Empfindungen auch diesen im ständigen Wechsel, erleben, durchleben. Zum Lebensende rückt seine Kunst dieser Balance zwischen Natur und Seele, Wahrnehmung und Empfindung, immer näher, als wäre sie vielleicht eine Erlösung oder Sehnsucht, vielleicht die Erkenntnis, die Essenz eines Lebens. Von der Schule von Barbizon hierher war es ein langer Weg. Von der Landschaft am Wald von Fontainebleau, den Motiven des alltäglichen Lebens auf den Feldern, den kleinen Leinwänden voller Realität, zu einer Bildwelt der Symbole, die über diese Realität hinaus deuten können. Die ‚Vogeljagd bei Nacht‘ weist zurück nach Barbizon und voraus in die symbolistische Zukunft der Malerei. Sie zeigt, was sie betitelt, die Jagd auf wilde Tauben, die in einem Baum Nachtquartier gefunden haben, durch Blendung mit dem Licht einer brennenden Fackel. Sie zeigt, wie die Tiere auffliegen und von den Knüppeln der Jäger zu Boden niedergeschlagen werden, wo man sie nur noch aufsammeln muss. Sie zeigt, was ist, und zeigt eben doch so viel mehr, weil in ihr die Symbole und Gesten eben auch in eine andere Erzählung reichen, eine, die fern ist von der Realität einer grausamen Szenerie, wie Millet sie als Kind erlebt haben mag. Eine Taube ist eine Taube, und sie ist der Heilige Geist, Botschafterin und Friedensbringerin. Was wir hier, in diesem Gemälde, in ihr sehen, bleibt ganz bei uns.