#1Tag1Text zu: John Everett Millais ‚Mariana, 1851

Sitzen, warten, hoffen. — was sonst sollte Mariana tun. Ihr schmerzender Rücken eine Pein unter der Krümmung aus Kummer und Verzweiflung über den Verlust, die Abweisung und das Gefühl ausgestossen zu sein aus der Gesellschaft, die Mann, Gatte, Haus und Heim hätte sein sollen. Nun, da ihre Mitgift mitsamt dem Schiff, dass sie diesem Mann, in dieses Heim, zu dieser Gesellschaft hätte bringen sollen, so unglücklich Opfer der stürmischen See wurde, nun ist sie von ihm verlassen, abgelehnt, verstossen. Mariana aber lässt nicht von der Liebe und der Sehnsucht, nicht von dem Verlangen, und doch weicht mit den Tagen die Hoffnung wie das Leben aus den Blättern, ohne dass sie noch ein nächstes Frühjahr, eine nächste Blüte, eine nächste Chance abwarten möchte. Selbst in der Arbeit finden Geist und Gefühle keine Ruhe, selbst wenn sie sich und ihrem Körper eine Pause gönnt, sich streckt und ihren Blick von der feinen Stickerei, an der sie so lange schon gebeugt sitzt, in den Garten werfen möchte, selbst dann blickt sie durch das Fensterbild der Verkündigung hindurch hierin nur auf ihren tiefsten und unerfüllten Wunsch, und auch der Trost des Schneeglöckchens im Wappen verklingt in der Ferne, wo doch das Motto dort verkündet, dass nur der Himmel Ruhe verspricht. Als Sir John Everett Millais’ Abbild der Mariana aus Shakespeares ‚Measure for Measure‘ 1851 erstmalig ausgestellt wurde, begleitete es ein Auszug aus Alfred Tennyson’s Gedicht von 1830, ebenso dieser tragischen Figur gewidmet, die von ihrem zukünftigen Mann, ihrer großen Liebe, verlassen wird, weil der Reichtum der Mitgift, den ihre Hochzeit ihm versprach, nun nicht mehr war, und dem sie nun, während sie seinen wahren Charakter allein aus tiefer Sehnsucht zu verkennen scheint, nachtrauert bis zur schlussendlichen Erkenntnis und Hoffnung auf den Tod:

She only said, ‚My life is dreary, 

He cometh not,‘ she said;

She said, ‚I am aweary, aweary, 

I would that I were dead!‘

Mariana 1851 by Sir John Everett Millais, Bt 1829-1896
Sir John Everett Millais Mariana 1851

Mariana wird den geliebten Angelo und sein Anfälligkeit für die Versuchungen von Macht und Geld in einer Täuschung und List durchschauen, die so nicht nur das unschuldige Leben anderer, sondern auch ihres retten wird. In Millais’ Version ihrer Geschichte mag in allem Sehnen im Blick und in der Haltung des Körpers vielleicht auch dieser Moment festgehalten zu sein, der Erkenntnis ist, und in dem der Widerstand gegen ein vermeintlich unausweichliches Schicksal seinen Anfang zum guten Ende der Geschichte nimmt.