#1Tag1Text zu: Albrecht Dürer ‚Weiher im Walde‘, 1497

Albrecht Dürer ist zurück von seiner ersten Italienreise. Ende 1494, nur kurz nach seiner Hochzeit, war er von Nürnberg aus gen Süden aufgebrochen, und über Innsbruck und Trient bis Arco am Gardasee gekommen, wo er einige Zeit verweilte, bevor er im Mai 1495 voll neuer und prägender Eindrücke wieder in der Heimat eintraf. In den zurückliegenden Monaten der Reise hatte er nicht nur eine herrliche wie überwältigende Landschaft göttlicher Schöpfung auf sich wirken lassen, sondern auch die so neuen künstlerischen Ausdrucksweisen, -wege und Schöpfungen italienischer Künstler mit ihrem perspektivischen Blick in die Wirklichkeit der Natur und auf imaginierte Räume bewundern können, die von nun an auch sein Werk bereichern sollten. Italien ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, die Schönheit, die Natur, die Farben, die Geschichten und die Kunstfertigkeit dies alles auf Papier und Leinwand zu bringen. Hier, in der Heimat, war all dies vielleicht nur noch ein ferner Ort, doch in Gedanken und mit seinen Farben konnte er sich auch den Weiher im nahen Wald als Gardasee denken. Auch wenn die Bäume, die ihn säumen, in ihrer Größe die wahren Ausmaße dieses Waldsees leicht erraten lassen, so lässt sich doch mit dem Blick auf das stille und dunkle Blau der Wasseroberfläche ebenso von der Tiefe und Weite eines norditalienischen Bergsees träumen, an dessen Ufer stehend man sich in ihm verlieren könnte.

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Albrecht Dürer Weiher im Walde 1497

Im Licht des Sonnenuntergangs glühen die fernen Wolkenstreifen und ein klarer Himmel ein letztes mal an diesem Tag, während sich die graublauen Schatten der sanften Wolkenhügel über dem See in seinem ruhigen Wasser spiegeln, und ihn so noch tiefer, dunkler, weiter erscheinen lassen. In allen Farben dieser abendlichen Stimmung, in der feinen Harmonie der Blau-, Grün- und Brauntöne, die sich wie rhythmisch abzuwechseln scheinen, findet der Blick seinen Ruhepunkt in einer Weite, die ganz der verinnerlichten Erfahrung einer Wirklichkeit gesehener Landschaft folgt, in einer Weite, die der Schönheit der Schöpfung die Schönheit des klaren, perspektivischen Blickes als gleichberechtigtem Eindruck mitgibt. Von seiner Reise bringt Albrecht Dürer die Schule dieses neuen Blickes mit, der ihm Selbstvertrauen für den eigenen, selbstständigen künstlerischen Weg gibt, auf dem er zu noch ungeahnter Meisterschaft gelangen wird. 1497 schlägt er  diesen Weg mit seiner eigenen Werkstatt im heimatlichen Nürnberg ein, und kehrt doch wenige Jahre darauf noch einmal für einige Zeit nach Italien zurück. Bis ins prachtvolle Venedig führt den wissbegierig Suchenden die Reise, zu den bewunderten und inspirierenden Meistern ihrer Zeit, zu Tizian, zu Giorgione und zu Bellini.