#1Tag1Text zu: Utagawa Hiroshige ‚Naito Shinjuku, Yotsuya – Meisho Edo hyakkei, (No. 86)‘, 1857

Von dem langen Ritt durch das Landesinnere sind Pferd und Reiter erschöpft und dankbar für eine Rast, noch einmal, nicht weit entfernt nun von Edo, der Hauptstadt, die sie mit der lang ersehnten Post aus den fernen Regionen des Reiches bald erreichen werden. Am Tagesende treffen sie hier auf jene, denen diese Reise gerade erst bevorsteht, hinaus aus der Stadt, durch das Yotsuya Tor, und über den Kōshū Kaidō Richtung Westen und in die Provinz Kai, und sie alle, ob Tier oder Mensch, eint die Sehnsucht nach etwas Ruhe und Entspannung. Und während die Pferde in die Stallungen für die Nacht geführt werden, suchen sich die Männer in Naitō Shinjuku eine warme Bleibe, die nicht nur einen guten Schlaf garantieren mag, sondern auch die Befriedigung ihrer körperlichen Gelüste. In dem kleinen wie unscheinbaren Ort ist alles auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet, und in den zahlreichen Häusern entlang der Straße werden sie von den Prostituierten so diskret wie aufreizend empfangen. Überall erzählt man sich von ihrer Schönheit, die so sehr im Widerspruch zur Kargheit und Staubigkeit der Landschaft hier stehe, und vielen erscheint es gar wie ein Wunder, dass Orte wie diese ihnen solche Freuden bereithalten können. Vielleicht aber ist es auch der lange, entbehrungsreiche und anstrengende Ritt, der ihren Blick ein wenig leitet, und dem sich in der wertvollen Rast nun alles unterordnet.

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Utagawa Hiroshige Naito Shinjuku, Yotsuya – Meisho Edo hyakkei, (No. 86) 1857

Hier jedenfalls lassen sie alle Nöte und jeden Druck fallen wie die Pferde ihre Pferdeäpfel, und beide finden sie ganz offensichtlich darin die so notwendige Erleichterung. In die Stadt und in die Ferne trägt sich mit den Reitern die Geschichte, dass hier, in Naitō Shinjuku, westlich von Edo, die Prostituierten wie prachtvolle Blumen dem Dung der Pferde erwachsen. Utagawa Hiroshige begibt sich in seinem 86. aus den ‚100 berühmten Ansichten Edos‘ auf die akribische Spurensuche nach dem Ursprung dieser Geschichte, indem er sich für dieses Bild am Schweif entlang zu den mit Strohsandalen geschützten Hufen der Postpferde hinab auf die staubige Straße begibt, und seinen Blick auf die tierischen Hinterlassenschaften richtet, als könne aus ihnen jederzeit eine Blume erwachsen, eine neue Freude und Erholung für die Postreiter auf dem Weg in die Provinzen. Landschaft, Tiere, Menschen, Hoffnung, Erwartungen und Geschichten verbinden sich in diesem ungewöhnlichen Blick zu einer Erzählung aus Tradition und Gegenwart.