#1Tag1Text zu: Edgar Degas ‚Junge Frau mit Ibis‘, 1860-62

Im Blick über Rom, die Ewige, verbinden sich die Geschichten aus Orient und Okzident als Erzählungen von Aufstieg und Fall, Kultur und Hybris, Traum und Realität. Hier reicht die Sehnsucht in die Ferne der Vergangenheit aus Mythologie und steingewordenem Willen nach Macht, nach Eroberung und Entdeckung, und in eine Welt, die Traum und Wirklichkeit vereinen kann, die Widersprüche überwindet und aus der Hoffnung erwächst.

Edgar Degas’ Gemälde, das auf Zeichnungen beruht, die er während seines Aufenthalts in der Stadt 1860 anfertigte, scheint wie ein Traumrefugium, ein Speicher der Erinnerungen und Elemente einer fernen Geschichte, die noch nach den Sätzen sucht, aus denen sich die Erzählungen formen werden, die sich durch Hand und Werkzeug des Künstlers schließlich auf Leinwand bannen lassen. Eine junge Frau steht auf einer Anhöhe, vielleicht auf einem Balkon, an dessen Mauer sie lehnt, mit Blick über die Häuser, Türme, Kuppeln und Minarette einer orientalisch anmutenden Stadt. Ihr Blick aber zeugt er vom jähen Erwachen aus einem Tagtraum, diesem Moment, in dem der Körper und alle Glieder noch nach Halt suchen, die Hände noch ganz ohne Ordnung und Grazie Abwehr sind und Schutz. Ein schneller wie unwillkürlicher Griff rafft den sanften und doch festen Stoff der türkisblauen Toga, der hier wie eine Kapuze gegen die Kühle des Abends den Hinterkopf bedeckt, am empfindlich nackten Hals, über dem aus einem Gesicht, in dem sich die Farben des abendlichen Himmels zu spiegeln scheinen, ein tiefdunkles Auge aufmerksam, fragend, vielleicht gar furchtsam, auf den Betrachter gerichtet ist.

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Edgar Degas Junge Frau mit Ibis 1860-62

Es ist, als habe sie uns gehört, wie wir uns näherten. Es ist, als habe sie gerade noch den Blick über die Stadt schweifen lassen, ganz versunken in Gedanken, ganz sehnsüchtig vielleicht, oder melancholisch, ein wenig ermüdet vom Tag, eine wenig in einer anderen Zeit, und sich nun, da sie unser gewahr geworden ist, umgedreht, um unsere Wünsche zu ermessen, um vorbereitet zu sein auf was immer kommen mag. Und während wir sie anblicken und sie uns anblickt, verwandeln sich in der Ferne Himmel und Architektur, und unsere Augen werden zu zwei leuchtend roten Vögeln, die sich  wie die traumhafte Verlängerung unseres Blickes auf die junge Frau, für die sie unsichtbar zu bleiben scheinen, und auf die Stadt in unserem Blick niederlassen. Zwei Ibisse, die die Zeiten und Räume überbrücken, die Orient und Okzident sind, Wanderer zwischen den Kulturen und deren Erzählungen, die sie weitertragen durch die Geschichte und ihre Geschichten.