#1Tag1Text zu: Henri-Julien-Félix Rousseau ‚Une soirée au carnaval‘, 1886

Das Fest ist vorbei, und es hatte schon, noch eh es begann, alles von einem Ende in sich. Wie doch ohnehin alles auch das Gegenteil ist, nicht nur der Anfang, auch jede Form, jede Farbe, jedes Licht, jeder Standort, jedes Schweigen.

Alles ist getrennt durch die Vorstellung davon, und ebenso ist alles durch eben sie zusammengehalten. Es ist ein Winterabend, und in den Kontrasten einer sternklaren Nacht steht ein Paar inmitten einer Szenerie, als wolle es uns, die wir es sehen, nach dem Weg fragen. Wie aus einem Nichts, das kein Weg ist und kein Horizont, nur kahle Bäume, hinter denen sich die Wolkenberge ducken, die kommen, vielleicht gehen, beschienen von kaltem Mondlicht der Natur und dem fahlen Schein einer Laterne, sind sie erscheinen, und tragen wie aus einem inneren Leuchten das Fest noch an sich und in sich. Oder fragen wir vielleicht, rufen wir vielleicht, oder sind vielleicht wir nur in einem Moment ratlosen Schocks überrascht, diese beiden Figuren dort, an der Schnittstelle zwischen kultivierter Landschaft und wilder Natur, zwischen Ordnung und Chaos, zu sehen, wie sie gerade den Pavillon zwischen den Welten verlassen haben, der wie ein Grenzhäuschen, versehen mit dem unheimlich maskenhaften Abbild eines Allsehenden, eines Wachmanns oder Torwächters, wirkt, wie die letzte Station der Zivilisation vor der Ursprünglichkeit alles Irdischen vielleicht, oder die erste Station eines Jenseits, das sich in eine Tiefe und Unergründlichkeit entfernt und verzweigt, die besser tief und unergründlich bleibt.

Rousseau
Henri-Julien-Félix Rousseau Une soirée au carnaval 1886

Sind es Geister, die wir riefen? Gestalten der Nacht, Traumgestalten und Phantasiewesen unserer Vorstellungskraft, unserer Wünsche vielleicht, und der Hoffnung, dass sich immer alles aus dem Dunkel ins Licht bewegt, sich alles klären mag, die Nacht zum Tag, Leid zu Freude, Einsamkeit zu Gesellschaft, ein Gefühl zu einer Wahrnehmung. Henri-Julien-Félix Rousseau lässt die Unklarheit als notwendiges Gegenstück zur Erkenntnis in diesem Bild stehen und wirken. In seinen Kontrasten und Widersprüchen, in den Rätseln und Motiven, liegen die Geschichten verborgen und die zahllosen Fragen, die sich mit ihnen stellen. Rousseau bietet keine Lösungen an, weil es keine Lösungen zu geben scheint. Oder vielleicht doch die eine: mit den Widersprüchen, den Gegensätzen, den Anfängen und Enden zu leben, ist die einzige Möglichkeit zu leben.