#1Tag1Text zu: Piet Mondrian ‚Rautenkomposition mit Gelb, Schwarz, Blau, Rot und Grau‘, 1921

Was in den Himmel strebt und was über das Land, was in die Wolken und was über das Meer, was steht, was liegt, was Höhe ist, was Tiefe, Weite oder Nähe: in allem verbirgt sich die Struktur einer vollkommenen Ordnung. Unter den Wirbeln der Wahrnehmung liegt eine tiefere Wahrheit, deren Sichtbarkeit es zu erlernen gilt, deren Gleichgewicht es zu erfahren gilt.

Piet Mondrians Landschaften sind die extreme Abstraktion des Sichtbaren, eine visualisierte Theorie des Lernbaren, einer vollkommenen Welt in einer harmonischen wie gleichberechtigten Ordnung aus Flächen, Farben, Horizontalen und Vertikalen.

‚Um reine plastische Wirklichkeit zu schaffen, muß man die natürlichen Formen auf ihre konstanten Formelemente zurückführen, die natürlichen Farben auf ihre Grundfarben,‘

beschreibt er selbst seine Vorgehensweise, und was so esoterisch wirken mag, verfehlt doch seine Wirkung nicht. Rand und Fläche, Form und Farbe, werden in der klaren Struktur, die sich aus der Intuition und den Regeln des Malers ergibt, und die die Leinwand in eine Landschaft aus Grundfarben und Nichtfarben unterteilt, zur sichtbaren, spürbaren Verkörperung und Vergegenwärtigung einer physischen wie psychischen Landschaft, einer sichtbaren wie unsichtbaren Topografie aus Wechselwirkungen, in der doch der Wunsch nach absoluter Harmonie und Gleichberechtigung der sie bewegenden Elemente Regie führt. 

Im Mai 1921 führt der Esoteriker Rudolf Steiner zu seiner Vorstellung einer geistgemäßen künstlerisch-malerischen Farbenlehre unter anderem aus:

‚Das Gelb ist der Glanz des Geistes.

Blau, das Sich-innerlich-Zusammennehmen, das Sich-Stauen, das Sich-innerlich-Erhalten, es ist der Glanz des Seelischen.

Das Rot, das gleichmäßige Erfülltsein des Raumes, es ist der Glanz des Lebendigen.’

[…] ‚Der Schatten des Geistes in das Seelische ist Weiß. Der Schatten des Toten in den Geist ist Schwarz.’ 

1957.307 - Lozenge Composition with Yellow, Black, Blue, Red,...
Piet Mondrian Rautenkomposition mit Gelb, Schwarz, Blau, Rot und Grau 1921

Menschenleben und Menschendenken bekommen bei Steiner ein Bild, Platz in einem Farbenkosmos, der auf den Menschen zurückwirkt und ihn und sein Handeln ausmacht. Mondrian nimmt sich in der Abstraktion dieser Vorstellung an, die er um seinen Formenkosmos ergänzt, durch den er wiederum eine Struktur für sein theosophisch geprägtes Weltbild erschafft. Die göttliche Ordnung hinter den Dingen, den wahrnehmbaren und verborgenen, zu suchen und zu zeigen, ihnen als Maler in dieser Welt, als Auftrag gleichsam, Sichtbarkeit zu verschaffen, treibt den Künstler an. Was immer wir sehen, was immer wir denken, beim Blick auf seine ‚Kompositionen‘: in ihnen liegt so eine Kraft, die kaum Worte oder Theorien braucht, und die sich aus dem spürbaren Gleichgewicht aus Ruhe und Bewegung ergibt, das vielleicht nirgends stärker wirkt, als in den Rautenkompositionen.