#1Tag1Text zu: Émile Bernard ‚Selbstporträt mit dem Porträt Gauguins‘, 1888

Im Leben von Vincent van Gogh ist gerade ein wenig Ruhe eingekehrt. Sie ist trügerisch, und es scheint, der Maler weiss das auch. Er sitzt in seinem Zimmer in Arles, blickt auf die beiden Gemälde, die ihm Paul Gauguin, der bald sein Mitbewohner hier im sonnigen Süden Frankreichs werden sollte, und Émile Bernard, vielleicht sein bester, beständigster und verlässlichster Freund, aus Pont-Aven zugesandt haben, und er kann nicht anders, als herzhaft lachen über die verrückten, die wilden und so ungleichen Kollegen, die jetzt noch gemeinsam in der Bretagne verweilen. Vor einiger Zeit hatte er sie gebeten, ihm im Tausch mit eigenen Werken doch Porträts des jeweils anderen zu schicken. Gauguin, das hatte er schon geahnt, würde es sich kaum nehmen lassen, sich selbst in Szene zu setzen. Und das tat er nun auch. In der Rolle des Ausgestossenen und Unverstanden, als Jean Valjean aus Les Misérable, sieht er sich, und den Kollegen, den jungen, ungestümen, und vielleicht etwas zu anhänglichen Bernard, verewigt er als Bild im Bild, ein grün-neidischer Jüngling.

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Émile Bernard Selbstporträt mit dem Porträt Gauguins 1888

Und was macht Bernard? Den Zwanzigjährigen kann der Meister vielleicht von oben herab beäugen, seinen Weg wird er finden, ganz eigenständig, ganz selbstsicher und mit der Ironie und dem Witz eines Freigeistes, eines Freundes, der weiss, was er sich erlauben kann, und dann ein wenig mehr macht. Bernard blickt den Freund ganz unverstellt an. Das ist er, keine Rolle, kein Gehabe. Und ein leichtes Lächeln umspielt seinen Mund. Fast scheint es, als hätte er sich selbst just in dem Moment porträtiert, da im bewusst wird, um wen es eigentlich gehen sollte. Und fast scheint es, als mache er gerade jetzt einen Schritt zur Seite, um den Blick freizugeben auf sein Abbild des Vorbildes, auf seine Interpretation eines Charakters, in dessen Blick und spitzem Mund die Geringschätzung zu liegen scheint, die er empfängt, und die ihn bald zum Bruch mit dem Malerfreund nötigt. Bernard fehlt van Gogh, der ferne und undurchschaubare, der sensible und geniale Charakter, den er vor zwei Wintern in Paris kennengelernt hatte, mit dem er seitdem in regem Briefverkehr steht, und der jetzt in seinem gelben Haus in der Provence sitzt. ‚A son copaing Vincent‘ widmet er sein Gemälde, und erlaubt sich auch hier, mit der kleinen Geste eines angehängten g, einen Scherz freundschaftlicher Verbundenheit, die Imitation des südfranzösischen Dialektes in van Goghs neuer Heimat. Er wird ihn einmal nicht retten können. Aber das ist jetzt noch ungeschrieben.