#1Tag1Text zu: Henri de Toulouse-Lautrec ‚Au Moulin Rouge‘, 1892/95

Henri de Toulouse-Lautrec und sein Cousin, Dr. Gabriel Tapié de Céleyran, betreten wie so häufig und regelmässig in den letzten Monaten das Moulin Rouge schon am frühen Abend, zielstrebig auf dem Weg zu den reservierten Plätzen an einem Tisch, von dem aus sie das Revueprogramm gut beobachten können, sehen und gesehen werden. Wie immer hat der Künstler seine Zeichenutensilien dabei, um auch heute die artistischen Bewegungen der Tänzerinnen, ihre Akrobatik, Grazilität und überwältigende Schönheit, in schnellen Strichen festzuhalten, bevor er sie später vielleicht, daheim im Atelier und in Erinnerung an die Musik, die Tänze, die Lautstärke im Saal und den feinen Geruch von Tabak und Absinth, in einem Gemälde verewigt. In den Straßen der Stadt, auf den feinen Boulevards und den teuren Geschäften, kann es passieren, dass man dem so ungleichen Duo einen Blick hinterherwirft, vielleicht belustigt, vielleicht abschätzig, vielleicht kurios. Das ist den beiden nicht fremd, dem groß gewachsenen, schlaksigen Arzt, leicht gebeugt, gestützt auf den silbernen Knauf seines Gehstocks, den kleinen Kneifer auf dem Rücken einer prägnanten Nase und den Zylinder immer etwas schief auf dem Kopf, und dem kleinwüchsigen Künstler, der selbst mit Melone nicht zur Schulter des Cousins reicht, und dessen fahles wie jungenhaftes Gesicht, dem man aber doch die Verwandtschaft ansieht, wie gerahmt vom dunklen Anzug des Begleiters, über einem blauen Schal und dem wärmenden Mantel zu schweben scheint.

1928.610 - At the Moulin Rouge
Henri de Toulouse-Lautrec Au Moulin Rouge 1892/95

Jane Avril und La Goulue sind auch hier, die absoluten Stars der Tanzrevue. Hier vorne sitzt die eine, flammend rotes Haar unter einem aufwändigen Hut, den sie auch auf der Bühne nie abnimmt, und dort hinten, am Spiegel, steht die andere, schaut nach ihrer Frisur, und scheint sich doch in Wahrheit eher mit einer Freundin über die ungeliebte Konkurrentin am Tisch zu unterhalten, die gerade im Begriff ist, ihr hier den Rang abzulaufen. Man hält hier besser etwas Abstand, und man hält hier besser alles für gegeben, normal, unspektakulär. Wer hier zu lange in die Runde starrt, wer sich nicht entscheiden kann, ob er sitzen oder stehen möchte, trinken oder gehen, wer also irgendwie verdächtig nicht dazugehört, den erreicht der giftig-grüne Blick von May Milton, die sich hier gerne in den Vordergrund drängt, vielleicht, weil sie einen doch von ihrem Talent überzeugen möchte, vielleicht, weil sie einsam ist, neidisch, ungeliebt. Jetzt aber schnell zum Tisch, die Show beginnt gleich!