#1Tag1Text zu: George Inness ‚Across the Campagna‘, 1872

George Inness hatte Italien gesehen. Und er hatte sich in diese Landschaft verliebt, in den Horizont, den Himmel, die Farben, die Gerüche, die Kultur und das Leben hier. Ein Gönner hatte ihm die Reise bezahlt, heraus aus dem Moloch New York, dem Gestank und dem Gedränge, heraus aus der Stadt, die er liebte, ja, in der er studiert und die ihn mit offenen Armen empfangen hatte, die aber doch eben keinen Horizont mehr hatte, kein Licht, keine Farben. Doch das alles war bald zehn Jahre her, er war da ein junger Mann Anfang Zwanzig, das Leben konnte mit Verpflichtungen noch warten. Doch nun stand er auf einer sanften Anhöhe des Lackawanna-Tals in Pennsylvania, seinen Zeichenutensilien parat, und wartete, dass aus der grauen Rauchwolke in der Ferne, die sich mit dem Wind legte und wieder aufrichtete, erst ein Geräusch, ein fernes Rattern und dann ein Dröhnen, verstärkt durch die Hügel in einem Zickzackkurs an sein Ohr dringend, wurde, und schließlich ein stählernen Koloss, ein Bandwurm aus rauchspeiender Maschine und bald unzähligen Wägen, dahinter, gefüllt bis über den Rand mit Kohle, ein Zug mit Waggons der Delaware, Lackawanna and Western Railroad Company, auf dem Weg aus dem kohlenreichen Tal in die Stadt, die so nach der Energie dürstete, die in diesen Brocken gebunden war. Lange schon war Natur Landschaft, aber mit der Eisenbahn war sie nun endgültig eine Kulisse des Durchgangs, der Weg für Güter und Menschen, eine Eroberung durch Technik geworden. Bald von Tag zu Tag zählte man mehr der grauen Markierungen, die menschliche Arbeit in den Himmel schrieb, und die ein wenig wirkten, als unterhielten sich fremde Gestalten über die endlosen Distanzen mit den Rauchzeichen einer geheimen Sprache. George Inness war Chronist dieser Zeichen und der Veränderungen, die sie mit sich brachten. Das also sollte seine Verpflichtung sein, die Aufgabe, die das Leben stellte, um es zu meistern. Er hätte sich mit jedem Bild die Häuser und Fabriken, die Schlote und die Schienen, vor allem aber diese Eisenbahn gerne weggedacht.

Across the Campagna - The Metropolitan Museum of Art
George Inness Across the Campagna 1872

So gerne wäre er jetzt schon wieder in Italien gewesen, in der Campagna, südlich von Rom, mit dem weiten Blick auf einen Horizont, der Himmel, Erde und alle Farben so klar und überwältigend trennte, nur einige Pinien vielleicht, und ein Hof in der Ferne. So gerne in einer Landschaft, nach deren Abbild sich hier, so fern, alle sehnten. Doch erst in noch einmal fünfzehn Jahren sollte George Inness Italien wiedersehen.