#1Tag1Text zu: Pieter Bruegel d. Ä. ‚Massaker der Unschuldigen‘, 1565–1567

Eine flämische Stadt im Winter. Straßen und Dächer sind schneebedeckt, der Teich und der Bach sind zugefroren, dicke Eiszapfen hängen über fest verschlossenen Fenstern und Türen. Ein eisiger Wind fegt über die Szenerie unter einem blauen Himmel, der den aufgewirbelten Schnee mit den Vögeln in die Ferne trägt, und vielleicht nur mit ihnen die Stimmen der Menschen als Zeugnisse eines grauenvollen Tages. Spanische Soldaten sind mit ihren deutschen Söldnertruppen in den Ort eingefallen, und nichts und niemand hält sie auf, die Häuser und Höfe zu plündern, Lebensmittel, Vieh und die Ehre derer zu rauben, die sich gegen diese Übermacht nicht retten können. 

Pieter Bruegel der Ältere erinnert sich 1565 an den grausam kalten Winter des Vorjahres, die unheimliche Stille, die über dem Schnee im ganzen Land hing, und an das Leid, das er brachte. An die Erfrorenen, die Verstümmelten, an verreckende Tiere und eine Natur, der man mit aller Phantasie den kommenden Frühling nicht ansah. In dieser Szene also rauben fremde Soldaten das Notwendigste, das, was es zum überleben braucht. Und dabei kennen sie keine Gnade mit den flehenden Frauen, den bettelnden und den zornigen Männern, denen die sich zu wehren trauen, und nicht mit denen, die sich nicht wehren können. ‚Plünderung eines Dorfes’ hieß das Gemälde nicht einmal einhundert Jahre nach seiner Entstehung, und erzählt damit eben diese Geschichte, die doch die ganze Grausamkeit missen lässt und mit voller Absicht verdeckt, was sich in Wahrheit hinter Brotlaiben, Schinken- und Käsevorräten, geschnürten Bündeln, einer Gans, einer Ziege, einem Eber, dem Vieh, dem Leid und der Wut und Ohnmacht auf diesem Bild versteckt.

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Pieter Bruegel d. Ä. Massaker der Unschuldigen 1565–1567

Als König Herodes von der Geburt Jesu erfährt, schickt er seine Truppen aus, jedes Kinder unter zwei Jahren zu töten. Ein grausamer Feldzug fiel über die Städte und Dörfer wie eine unbezwingbare Seuche, wie ein übernatürlicher Zorn. Wie die Kälte raubte er das Leben, wie die Kälte kannte er kein Erbarmen. Jedes Tier, jedes Bündel, die Lebensmittel, dies alles waren in der Originalfassung des Gemäldes die Kinder, die so grausam abgeschlachtet wurden. Sie alle verschwanden hinter den Übermalungen einer vermeintlich weniger grausam erscheinenden Szenerie. Was aber blieb, schaut man genau hin, sind ihre Schatten, dort wo sie standen und lagen, wo man um sie ringt und bangt. Dort scheinen sie auch nach über 400 Jahren noch durch, die ‚Unschuldigen‘, die dem Bild den Titel gaben, und die man sich, wenn man um sie weiss, nicht mehr wegdenken kann aus dem Winter in der flämischen Stadt.