#1Tag1Text zu: Joaquín Sorolla ‚Fifth Avenue, New York‘, 1911

New York im Sommer 1911. Joaquín Sorolla steht am Fenster seines Zimmers mit Blick auf die Fifth Avenue und beobachtet das Treiben auf den breiten Bürgersteigen und die Fahrzeuge, die seinen Blick und das Licht, das durch eine Seitenstraße auf die Avenue strömt, kreuzen. In einem Moment sind Menschen und Automobile dort hell erleuchtet, an diesem so seltenen Punkt in den Häuserschluchten der Stadt, an dem der Blick in die Ferne reicht, und in die untergehende Sonne, die nun die Schatten ferne Architektur bis hierher wirft, und eine kleine Oase der Helligkeit schafft, so wunderbar passen will zum Grün der kleinen Rasenfläche, den rotweiss gestreiften Markisen am Gebäude gegenüber,  den farbigen Karosserien der Taxen, Busse und Lastkraftwagen und den bunten Kleidern der Passanten mit ihren breiten Sommerhüten, den Einkaufstaschen und dem schnellen Gang.

Joaquín Sorolla ist schon einige Zeit in der Stadt, ein reicher Sammler und Museumsgründer hatte ihn eingeladen und hierbei nicht nur einige Ausstellungen für ihn organisiert und Werke in Auftrag gegeben, sondern ihm auch diese äusserst komfortable Unterkunft in bester Lage zur Verfügung gestellt. Für das Kind aus der spanischen Provinz war all das auch noch jetzt, im fortgeschrittenen Alter von bald fünfzig Jahren, etwas besonderes.

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Joaquín Sorolla Fifth Avenue, New York 1911

Hier war das moderne Leben, waren Technologie und Konsum, Architektur und Städtebau, ganz hautnah zu erleben, und genau das wollte er festhalten. Sorolla will von dieser Welt Zeugnis ablegen, nicht eine Geschichte erfinden, er will sich an ihr abarbeiten, um sie zu zeigen wie sie ist. Er will die Herausforderung ungeahnter Perspektiven annehmen, in denen Gebäude Rahmen und Horizont sind, und er will die Menschen in diesem Rahmen abbilden, in dem sie so klein wirken, als könnten sie schwerlich all dies erbaut haben. Alles in diesem Bild scheint ein Streben zu sein: Licht und Schatten, Fahrzeuge und Menschen, Straße und Gebäude. Sie alle streben in Höhe, Tiefe, Weite und zu einem unbekannten Ziel. Alles ist in Bewegung, auch wenn Joaquín Sorolla für einen Moment die Zeit angehalten zu haben scheint. Lange kann nichts ruhig bleiben in dieser Stadt. Im nächsten Moment schon ist alles anders und neu. Der Künstler lässt die Markise etwas herunter, dreht sich um, geht durch sein Apartment und hinab ins Erdgeschoss. Die schwere Haustür führt in die Hitze eines Sommerabends auf der Fifth Avenue im New York des Jahres 1911.