#1Tag1Text zu: Paul Cézanne ‚Le Jardin des Lauves‘, ca. 1906

Die Tiefe der Natur zu erkennen und ihr ein Bild zu geben, die vergängliche Form von der Unvergänglichkeit des Inhalts zu trennen, der über den Tag hinaus trägt, über das eine Leben, über das Leiden an Körper und Seele, reine Konzentration, fast Mediation der Hand und der Sicherheit aus Erfahrung; Paul Cézanne ist müde vom Alter, unleidlich gegenüber Menschen, auch Freunden, und sein Erfolg, jetzt, da sein Augenlicht schwindet wie die verbleibende Zeit, ist ihm nur geringe Wohltat. Er arbeitet wie besessen gegen die Zeit und für ein Ziel: der Tiefe der Natur, wie sie sich vor seinen Augen zeigt, und wie sie in schier unerschöpflicher Vielfalt Geschichten zu erzählen vermag, ein Abbild zu schaffen, mit seinen Farben, den Farben des Malers, diesem beschränkten Repertoire des Künstlers, des Menschen, der schier zu verzweifeln droht an der Unmöglichkeit seines Unterfangens. Cézanne berichtet von seiner Traurigkeit, von seinen Ängsten, von den Herausforderungen des Alters und des Künstlers vor dem Schauspiel eines Lebenszirkels in der Natur, dem auch er sich unterwerfen muss.

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Paul Cézanne Le Jardin des Lauves ca. 1906

Breite Pinselstriche streben hinauf, sanftes Grün, wildes Blau, Braun, ein dunkles Grau am Himmel, ein sanftes Ocker über dem Horizont wie der letzte Glanz der untergehenden Sonne. Der Ateliergarten auf Les Lauves im Vordergrund, eine Mauer, schon ein abendlicher Schatten vielleicht, schließt ihn dunkel ab gegen die Weite der Landschaft, den fast endlos erscheinenden Ausblick, gegen die Wildheit und Schönheit der Farben von Erde, Natur, Himmel und Licht. Cézanne malt diesen Ausblick mit der Sicherheit, die aus Alltäglichkeit entsteht, ohne dabei die Substanz und Relevanz aller Details, aller Veränderungen, zu vergessen. Dieser Garten, dieser Blick, ist ungeteilte, unteilbare Impression und eine meisterhafte Reduktion subjektiver Wahrnehmung. Er bedeutet dem Maler so viel, dass er ihn jetzt, am Lebensende, in seinen letzten Monaten, als unergründliche Tiefe auf sich, und bis heute auf uns, wirken lassen kann, ja muss. Dieser Garten ist Ehrfurcht und das Eingeständnis einer Unfähigkeit, er ist in jedem Pinselstrich nur das was möglich ist zu verstehen und zu sehen, vielleicht ein Sinnbild, Abbild des Lebens, voller Fehlstellen und Unzulänglichkeiten, voller Sehnsucht und Trost.