#1Tag1Text zu: Ferdinand Hodler ‚Die Nacht‘, 1889/1890

‚Manch einer, der des Abends sich zur Ruhe legt, erwacht am Morgen nicht mehr.‘ Der Schlaf verbindet Nacht und Tod wie keine andere Erfahrung menschlichen Lebens in einer so ausdrucksstarken und doch unerklärlichen Tiefe von Empfindungen aus Träumen, Albträumen und schattenloser Schwärze. Die Ruhe, die wir zu finden suchen, ist das Glück des Aufwachens, die Hoffnung auf einen Morgen, der Atem des Partners neben einem, die Wärme der Decke über einem und die ersten Lichtstrahlen, deren Kraft durch die geschlossenen Lider an die Augen dringt. Ruhe, Schlaf, ist das Bindeglied zwischen den Welten, vielleicht der universellste Ausdruck von Individualität und gleichzeitig das bedeutendste kollektive Erleben. Für Ferdinand Hodler steht der Schlaf im Zentrum einer ganz individuell biografischen Auseinandersetzung mit Verlust, Tod und einer Angst, die dem im Schrecken Erwachten ins Gesicht geschrieben ist, der in dem kurzen Moment des ersten Blickes vielleicht nicht weiss, ob die Erfahrung, der Raum, der Körper noch Leben ist, ob er schläft, wacht oder vergangen ist. Über allen Körpern liegt das feine, dunkle Laken der Nacht, das ihnen im Schlaf Schutz ist, aber eben auch nur die dünne und undurchdringliche Membran zwischen ihren Träumen und der traumlosen Ewigkeit. Ferdinand_Hodler_-_Die_Nacht_(1889-90)In ‚Die Nacht‘ präsentiert sich der Künstler selbst, in der Symmetrie des Bildes, als Protagonist und Bindeglied der Erzählung. Sein entsetzter Blick, seine Abwehrhaltung, sein eher zum Aufsprung gespannter Körper, liegt im Zentrum eines Personaltableaus aus acht Personen, unter denen die männlichen sein eigenes Antlitz teilen, die Frauen im Vordergrund Geliebte und Ehefrau sind, und sich so vier zutiefst autobiografische Situationen des Schlafes, der Ruhe und der Nacht finden. Für Hodler gehört zur Erfahrung von Nacht und Schlaf neben ihrer Unergründlichkeit als Grenzbereich zwischen Leben und Tod auch die Erfahrung von Sexualität, Liebe und Verantwortung, die ganz konkret in das alltägliche Leben weisen, und die er im künstlerischen Werk sein Leben lang immer wieder aufgreift. Mit den Träumen scheint er sich dieser Kräfte bewusst zu werden, scheint sie von sich drängen, sich ihrer mit allen Mitteln eigener Körperlichkeit entledigen zu wollen. Auf die Rückseite des Gemäldes schrieb Holder ‚Manch einer, der des Abends sich zur Ruhe legt, erwacht am Morgen nicht mehr‘. Es sind dies die zwei unbezwingbaren Stärken der Nacht: in Träumen gebiert sie einen neuen Menschen, einen anderen Menschen, im Tod bringt sie sein irdisches Ende. Hodlers ‚Die Nacht‘ ist vielleicht eine der eindrucksvollsten Allegorien auf diese Unergründlichkeit einer Zwischenwelt trügerischer Ruhe.