#1Tag1Text zu: August Rodin ‚Studie einer Hand‘, Ende 19. – Anfang 20. Jhd.

Und sähest du mein Gesicht nicht, nicht meinen Körper, meine Hände würden dir alles erzählen. Von Angst, Verzweiflung, Hoffnung, von Zorn, Hass und Eifersucht, von Liebe, Sehnsucht und Verlangen. Der Gipsguss einer Hand liegt dort, körperlos und doch wie in Bewegung, oder zumindest zu einem Ziel hin denkend. Alles ist in ihr. Alle Möglichkeiten einer physischen wie psychischen Aktion, Ausdruck von Willen oder Willenlosigkeit, von bewusstem wie unbewusstem Handeln. Auguste Rodin war fasziniert von den Ausdrucksmöglichkeiten von Händen, den Instrumenten seiner täglichen Arbeit. Sie hatten ihm einen ganz eigenen Blick in die Welt, einen Charakter jenseits des Körpers, in dessen Diensten sie stehen.

Rainer Maria Rilke verehrte Rodin, eine Bewunderung, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, jedenfalls nicht solange Rilke selbst noch keinen Wert mehr denn den als Sekretär hatte, eine Beschäftigung, die ihn einige Zeit in die Nähe des Meisters brachte. Erst Jahre später und mit einiger Entfernung, gewachsen wie der Ruhm des Schriftstellers, nähern sich beide auf Augenhöhe in einer Bewunderung an, die vielleicht Freundschaft war. Rilke verfasst eine Biografie über den Verehrten, und er seziert sein Werk, die Körper, die Formen, die Gesten, die Hände:

Rodin
August Rodin Studie einer Hand Ende 19. – Anfang 20. Jhd.

‚Es giebt im Werke Rodins Hände, selbständige, kleine Hände, die, ohne zu irgend einem Körper zu gehören, lebendig sind. Hände, die sich aufrichten, gereizt und böse, Hände, deren fünf gesträubte Finger zu bellen scheinen wie die fünf Halse eines Höllenhundes. Hände, die gehen, schlafende Hände, und Hände, welche erwachen; verbrecherische, erblich belastete Hände und solche, die müde sind, die nichts mehr wollen, die sich niedergelegt haben in irgend einen Winkel, wie kranke Tiere, welche wissen, daß ihnen niemand helfen kann. Aber Hände sind schon ein komplizierter Organismus, ein Delta, in dem viel fernherkommendes Leben zusammenfließt, um sich in den großen Strom der Tat zu ergießen.’ (R.M.Rilke ‚August Rodin – Erster Teil‘, 1902)

Der letzte Moment, in dem das Werk den Körper berührt, ist die Hand. Darin teilen Rodin und Rilke eine Erfahrung von Körperlichkeit, die dem einem die Handhabung von Meissel und Hammer, dem anderen die des Stiftes bedeutet. Gedanken fließen und im ganz wortursprünglichen Sinne manifestieren sie sich in Aktion und Reaktion der Hände. Diese Hand, die so ruhig da liegt, trägt in sich alle vorstellbare Bewegung aller vorstellbaren Gedanken. Sie ist angehaltene Zeit, eine angehaltene Welt, am und für den Menschen ein Wunder wie in der Kunst und für die Kunst.