#1Tag1Text zu: Ilya Efimovich Repin ‚Portät des Komponisten Modest Mussorgski‘, 1881

Dieser Blick scheint nur noch Erinnerung zu sein, und eine verzweifelte Suche nach ihr. Hinter den wässrig graugrünen Augen in einem aufgedunsenen Gesicht, gerahmt von wildem Haar, scheinen die Gedanken in die Vergangenheit zu fliegen. Und es ist, als sähe man, dass sie keinen Halt mehr finden, sich verlieren, und so dem Körper diesen Ausdruck geben, der keine Verzweiflung ist, sondern eine Erwartung, vielleicht eine Hoffnung auf ein baldiges Ende. Der Maler Ilya Efimovich Repin fertigt dieses eindrucks- wie ausdrucksvolle Porträt des Komponisten Modest Petrowitsch Mussorgski nur wenige Tage vor dessen Tod im März 1881 an. Mussorgski ist im Monat zuvor ins St. Petersburger Nikolajewski-Krankenhaus eingeliefert worden, nachdem ihn heftige Krampfanfälle niedergerungen hatten. Und nun sitzt er hier, ein massiger Körper, umhüllt von einem wärmenden Morgenmantel, dessen rostrote Bordüre sich wie das Abbild seines wechselvollen Lebensweges, auf- und absteigend, schlängelnd, nie gerade, über Bauch, Brust und um den Hals legt, und nur ein wenig den Blick auf die Ornamente eines Hemdes darunter erlaubt, das von Tradition, Geschichte und Erfahrung zu berichten scheint. Die hellgraue Wand aber, vor der der Porträtierte sitzt, leugnet alle Vergangenheit, leugnet die Erinnerung, ist eine Leere ohne die Substanz beginnender neuer Geschichten zu sein. Fast schon bedrohlich rückt sie gen Kopf und Körper, fast scheint sie sich auf den Betrachter zuzubewegen, fast scheint es, als ahnte Mussorgski, kraftlos, wehrlos, mit den Symptomen seiner beginnenden Demenz vertraut, dass sein verlorener Blick nach vorne die letzte Erinnerung seines Lebens sein wird. Bald sind alle Klänge verloren, alle Noten vergessen, alle Bilder aufgelöst.

repin
Ilya Efimovich Repin ‚Portät des Komponisten Modest Mussorgski‘, 1881

An was denkt der Komponist? Welche verlorene Folge von Tönen mag in seinem Kopf geistern, ohne noch einmal eine große Melodie zu werden? Die linke Augenbraue leicht gehoben, den Mund fest geschlossen, den Kopf noch einmal so aufrecht wie möglich, scheint da eine Idee zu sein, der ein Geist in Auflösung nacheilt. In diesem Kopf ist mit genialer Phantasie so viel geboren. In Repins Gemälde steht diese unbegreifliche Ungeheuerlichkeit, dass der Geist den Körper verlässt, und ihn als leere, aber eben doch noch greifbare, sichtbare, spürbare Hülle zurücklässt, erschreckend und erschütternd da. Es ist Zeugnis eines Lebens und Zeugnis des Sterbens. Ein Dokument für vergangene Größe und für die Hoffnung, dass etwas bleibt, jenseits der Gegenwart.