#1Tag1Text zu: Egon Schiele ‚Selbstbildnis mit gestreiftem Hemd‘, 1910

Als Egon Schiele im Oktober 1918 an der Spanischen Grippe stirbt, ist er keine dreißig Jahre alt. Nur kurz zuvor waren seine Frau Edith und das ungeborene Kind eben dieser Krankheit, die jetzt, im Herbst des Jahres, durch Wien wütete, erlegen. 

8 Jahre sind da vergangen, seit er sich in diesem Selbstbild mit alle Neugier und Selbstsicherheit in Form und Ausdruck in Szene gesetzt hat. Wie sehr dieser Kopf schon ganz da ist, seine Gedanken, denen der Blick folgt, und der Mund, ganz fixiert auf ein Ziel, ganz gegenwärtig und konkret. Wie sehr das Leben in den roten Wangen und Ohren, dem wilden Haarschopf, den ganz feinen Haaren am Nacken und den leicht gehobenen Brauen über den schwarzen Augen brennt. 

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Egon Schiele ‚Selbstbildnis mit gestreiftem Hemd‘ 1910

Egon Schiele sieht sich, erkennt sich, durchschaut sich, und leitet seinen Blick voller Sehnsucht und Begierde, in dem Forderung, Wollen, Lust und Zuversicht liegt, auf uns als Betrachtende um. An den Gedanken sollen wir ihn erkennen. Im Werk von Egon Schiele spielen Sexualität, Krankheit und Tod, Körperlichkeit in all ihren Facetten, eine entscheidende Rolle. Hier ist der Körper, Werkzeug und Leinwand von Begierde und Begehren, noch eine Leerstelle, ein feiner, angedeuteter Umriss, was aber nicht heisst, dass er selbst ihn nicht kennt, nicht weiss, was ihn ausmacht, was er fordert, wie er mit ihm, mit seinen Gedanken, mit diesem Kopf, im Leben steht. Schiele blickt in seinen Akten entwaffnend auf den Körper, den eigenen, den fremden, schonungslos und offen, pornografisch, sexualisierend. Und hier, im selben Jahr voller Nacktheit und Offenbarung, voller Geschlechtlichkeit und Erotik in den Motiven, Selbstbildnissen und Porträts, hier tut er einmal so, als wäre er ein junger, naiver Bursche, dessen Phantasie noch ganz ausschließlich im Kopf lebt, und ihn herausfordert, und dann wieder, als würde sie ganz langsam über ihn selbst hinab den Körper ergreifen und formen, Strich für Strich, Umriss für Umriss, mit jeder feinen wie transparenten Schattierung aus Wasserfarben, die dem Gesicht und seinen Gedanken Leben einzuhauchen scheinen, und die diesen einmaligen, fixierenden Blick so unwiderstehlich machen. Das Leben ist ein Kaleidoskop der Möglichkeiten, und Egon Schiele entscheidet sich für die wilden Farben, die obszönen und wirschen, die, die von einem Anfang künden können, aber eben auch von einem Ende. Auch schon in diesem Jahr, auch schon 1910.