#1Tag1Text zu: Amrita Sher-Gil ‚Winter‘, 1939

Noch einmal Ungarn in diesem Winter 1938/39. Noch einmal die schneebedeckte Landschaft, Kälte und Einfachheit, und Sehnsucht nach einer Ferne, die hier der Himmel und die Berge nicht versprechen können. Alles ist ein Streben nach Licht, und alles ist Licht. Keine Details mehr, keine Nuancen oder Schattierungen. Ein harter Kontrast, nur Weiß und Schwarz bleiben im Auge bestehen, nur harte Linien der Natur, himmelwärts und in die Ferne, nur eine einsame Krähe, wie ein letztes, schwarzes Blatt, nur ein Haus, eine Zuflucht, ein wenig Wärme, und dass Wasser, ein dunkles, graues Blau. Amrita Sher-Gil kennt diese Landschaft aus ihrer Kindheit. Hier ist sie geboren, und hier ist es schon bald zu eng. Da ist die erste Sehnsucht: Kunst. Paris ist das leuchtend helle Zentrum ihrer Träume, der Ort für das Sehnen, die Lebendigkeit, Farbe, Stimmung, für Offenheit, für Liebe und Sexualität, für die Verausgabung und das Spiel. Und irgendwann ist dies alles intellektuelle Ödnis, alles Leben ist Routine, alles Malen Affekt. Alles ist so sehr Europa, mit den Soireen der Mutter, den Lesungen des Vaters, dem Klavierspiel der Schwester, mit den Künstlerfreundinnen und Freunden, den ausschweifenden Partys, der Freizügigkeit, der Körperlichkeit, der großen Enge, die die große Vielfalt ist, wenn sie einen treibt, ausnutzt und missbraucht. Die zweite Sehnsucht: Indien, Heimat der Ahnen, der Farbe, der Tiefe, der Kontemplation, von Gefühlen jenseits der Hektik, von Einfachheit, in der alle Liebe steckt und alles Leid. 1934, endlich, gegen alle Bedenken, die Rückkehr in die andere, die immer nur zart gestreifte Heimat als Rettung der Künstlerseele. Endlich Themen von Bedeutung, endlich Menschen, deren Geschichte zu erzählen lohnt, endlich keine Reminiszenz mehr, nicht mehr Cézanne oder Gauguin , sondern Eigenständigkeit, ein neuer Weg, Anerkennung einer ganz eigen Sprache, Position und Stärke, entsprungen auch aus dem Gefühl, dies alles verdient zu haben. Und dann noch einmal Ungarn. Und man sieht die fehlenden Farben, man sieht, wie das Leben fehlt, die Tiefe in den Flächen ihrer indischen Erzählungen, und man sieht, wie alles Licht sich selbst verschluckt. Alles ist ein Nebeneinander, alles fehlt, was bleibt ist Zuflucht in der Ferne, eine wage Hoffnung, und der Weg zurück nach nach Hause. 

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Amrita Sher-Gil Winter 1939

Als Amrita Sher-Gil 1939 nach Indien zurückkehrt, verbrennt ihr Leben. ‚Ich muss hart arbeiten, ich muss schnell arbeiten, denn meine Zeit ist sehr knapp‘, sagt sie da, zwei Jahre vor ihrem Tod, als wüsste sie um ihr Schicksal.