#1Tag1Text zu: Jacob van Ruisdael ‚Weizenfelder‘, um 1670

Der Himmel, unkultivierbare Sphäre, Größe jenseits aller menschlichen Einflussnahme. Die Höhe, die Weite und Tiefe, die über uns liegt, der ständige, wilde und unberechenbare Wandel, dessen Rhythmus sich vielleicht noch in Jahreszeiten teilen, aber nicht beherrschen lässt. Wolkenberge ziehen über das Land, die wilden Fassaden ihrer Türme von einer späten Sonne eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ihr dunkler Grund, ein Schatten der Schatten, den sie auf die Erde werfen, kündet von Regen, und ein frischer und böiger Wind, der sie treibt, fordert auf, bald Zuflucht im Trockenen und Warmen zu suchen. Die Schiffe sind schon wieder nah an die Küste gekommen, keiner fährt nun mehr hinaus. In der Ferne noch der Schäfer und sein Geselle vielleicht, die Schafe im Blick, die noch auf dem saftigen Grün grasen, und nun auch langsam Richtung Hof getrieben werden, wo schon einige von ihnen, bald beschützt, auf sie warten. Just heute, und gerade noch rechtzeitig bevor Regen und Sturm die Landschaft in eine unwirtliche Kulisse verwandeln, kommt ein Mann von langer Wanderung nach Hause. Seine festen Schuhe, sein wärmender Mantel und sein breiter Hut haben ihn durch manches Unwetter unbeschadet begleitet, doch nun ist das Ziel endlich vor Augen, und seine Schritte beschleunigen sich, er sieht, wohin er will. Frau und Kind haben ihn schon von Weitem kommen sehen, ihr Blick folgte seinen Schritten aus der Ferne, auf dem hellen Streifen in der Landschaft aus Weizenfeldern und Wiesen, der dieser Weg ist.

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Jacob van Ruisdael ‚Weizenfelder‘ um 1670

Sie sind ihm entgegengeeilt, und nun warten sie hier, in der Kurve, die so gerade noch ein Flecken Sonne ist, für den Moment, bevor die nächste Wolke über sie hinweg zieht. Jacob van Ruisdael setzt die Menschen in die von ihnen kultivierte Landschaft. Die Natur auf diesem Gemälde ist eine gezügelte. Felder und Weidelandschaft, Weizen und Schafe, Bäume, die den Hof vor Wind und Wetter schützen, ein Weg, in die nächste Stadt vielleicht, jedenfalls ein Transportweg für die Güter, und den Handel, Schiffe, die das Meer befahren. Einzig der Himmel ist in dieser Zeit, in diesem Jahr 1670, noch fern aller Erreichbarkeit, und doch so nah, wenn er seine Macht demonstriert und Einfluss nimmt. Himmel und Erde teilen sich das Bild, und erzählen doch ganz gegensätzliche Geschichten. Der Mensch wird ganz klein vor dieser Übermacht, ein Wanderer, Suchender, dessen Schutz und Zuflucht die Familie ist, und das Zuhause, wenn er denn eines hat.