#1Tag1Text zu: Georges Seurat ‚Parade de cirque‘, 1887/88

Seit Ostersonntag ist der Zirkus in der Stadt. Auf der ‚Foire au pain d’épice‘ am Place de la Nation mit der monumentalen Plastik ‚Le Triomphe de la République‘ von Jules Dalou. Der Triumph der Republik! Aber Politik zählt nichts in diesen Tagen, und wenn man zwischen den Buden und Zelten, den Karussells und Attraktionen, dem Duft von Lebkuchen und dem wilden Durcheinanderspiel der Orchester folgend, sich mit der Menschenmenge treiben, ziehen, schieben lässt, dann kann man sie auch ganz gut vergessen, die täglich Müh, die Anstrengungen von Arbeit und die Politik. Es ist schon Abend, Dunkelheit und Aprilfrische haben sich über Paris gelegt und hunderte Gasflämmchen aus Rohren entlang der Stände und Gassen beleuchten die Szenerie mit einem Licht, das wie ein feiner Vorhang über die fällt, die direkt darunter stehen, und jene einen Schritt davor oder dahinter schon ganz vergisst. Heute Abend drängt es alle zum Cirque Corvi. 

Circus Sideshow (Parade de cirque)
Georges Seurat ‚Parade de cirque‘ 1887/88

Vor dem Zelt steht schon das kleine Zirkusorchester, und nicht nur Mantel und Hut wärmen die Gesichter der Vier zu einem rotschimmernden Glühen unter dem Schein der Flammen. Ein wenig davor, schon bald nur noch ein Umriss, ein ganz fernes und feines Schimmern des Gesichts, ein weisser Kragen, ein Leuchten auf der Haut nackter Waden und eine goldene Linie entlang seines Körpers, die in ständiger Bewegung dem Rhythmus der Musik folgt, ein junger Posaunist, ein Virtuose, der wohl zurecht hier, ganz vorne, steht, und dem der Herr Direktor blind vertraut, die Menschen anzulocken, die noch unschlüssig, oder einfach überwältigt von der Vielfalt, auf dem Fest umherirren.

Ferdinand Corvi steht etwas abseits, doch unverkennbar sind Schnäuzer, Stock und der Frack seiner Direktorenuniform. Noch unterhält er sich, wohl mit einem seiner Artisten, doch auch aus der ferne ist ihm doch die Anspannung anzusehen. Gleich geht die Show los! Gleich beginnt das Spektakel, und alle, die hier vorne stehen, in der Kälte und Dunkelheit, alle, die sich ein Ticket für 30 Centimes gekauft haben, warten ungeduldig auf die dressierten Hunde, die eleganten Pferde, die Affen mit ihren Schauspielstückchen — wie bei einer Dinnerparty sitzen sie dann in ihren feinen Kostümen um einen Tisch — und auf Esmeralda, eine Ziege, die wirklich auf allem balancieren kann. Also bitte! Keine Politik heute! Heute ist Musik und Attraktion, heute ist Ablenkung vom Alltag, Licht in seiner Dunkelheit. Heute ist Zirkus!