#1Tag1Text zu: Henri-Edmond Cross ‚Pinien entlang der Küste‘, 1896

Henri-Edmond Cross ist zum Meer hinunter gelaufen. Es ist Abend, und die untergehende Sonne taucht die Landschaft, die Berge in der Ferne, den Strand, das Meer, die Gräser und Büsche, und die Pinien in einen flirrenden Glanz, der noch einmal ganz kraftvoll Tag und doch schon Übergang in die Nacht ist. Wie Millionen von Lichtpunkten künden die kurzen und impulsiven Striche vom Eindruck, den dieses irdische Paradies, wie Henri-Edmond Cross es selbst empfunden zu haben scheint, im Auge des Betrachters hinterlässt, und das man hier, bei Saint-Claire und entlang der französischen Mittelmeerküste, erleben, ja sehen, spüren, riechen und schmecken kann. Alle Sinneseindrücke verbinden sich zu einem Bild von dieser Landschaft, und in diesem Bild verbinden sich die Farben und Formen, Strukturen und ihre Namen, miteinander, je tiefer man hineintritt. So sanft und zart der Hintergrund, die hügelige Landschaft und der fast schon unsichtbare Übergang zum Strand und schließlich zum Meer, zarte Rosa- und Blautöne, die einander in der Horizontalen harmonisch abwechseln, so kräftig und nah, intensiv und wild der Vordergrund, in dem der karge und sandige Boden ein intensives Farbspiel aus Lila, Rosa und Orange bietet, durchstossen von Gelbtönen wie Feuer, wie kleine Flammen, unter den Pinien, die Stämme hinauf zu den Ästen und Nadeln. Auch das junge Grün am Hang hinab zum Meer wird langsam davon erfasst, während sich das tiefe Grün der dunkle Kronen einer alten Kiefer ganz langsam ins Nachtblaue zu wandeln scheint.

Pines Along the Shore - The Metropolitan Museum of Art
Henri-Edmond Cross ‚Pinien entlang der Küste‘ 1896

Für Henri-Edmond Cross war diese Landschaft immer mehr als nur Realität. Für ihn waren diese Stimmungen, war diese Natur ein Arkadien als Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Zwängen. Und die Wahl seiner Farben eine ganz eigenständige Idee, von diesem Arkadien erzählen zu können. Sie sollten sich von der Erfahrbarkeit in der Welt lösen, als wollten sie vorangehen, den ersten, anarchischen Schritt machen in die Unabhängigkeit von Zwängen. Mit Gemälden wie diesen kommt der Maler des Neoimpressionismus seinem Wunsch und Traum so nah wie möglich, und so nah wie wohl nur wenige neben ihm. Zu seiner Wahrheit gehört, dass es die Orte nicht geben muss, die wir sehen, solange wir die Farben haben, sie uns vorzustellen.