#1Tag1Text zu: Michelangelo Merisi da Caravaggio ‚Knabe mit Fruchtkorb‘, um 1593

Das ist Mario Minniti. Gerade ist der sechzehnjährige Vollwaise in Rom angekommen, und dort auf den so genialen wie ungestümen Michelangelo Merisi gestoßen, den es, mit gerade Zwanzig, aus Mailand hierher verschlagen hat. Minniti möchte Maler werden, er hat Talent, und er zieht von Atelier zu Atelier auf der Suche nach einem Meister. In der Werkstatt von Giuseppe Cesari schließlich kommt es zur folgenschweren Begegnung der beiden. Merisi ist sofort fasziniert von der androgynen Schönheit des jungen Mannes, und Minniti gefangen von einem wilden Charakter, dem impulsiven, gefährlichen, sinnlichen, lebenslustigen und ständig über die Stränge schlagenden Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. Er heftet sich an dessen Fersen, und die folgenden Jahre werden ein gefährliches und ausschweifendes Fest für die Sinne und eine Lehrstunde der Malerei. Für Caravaggio wird der Knabe zum Modell seiner Vorstellung von Perfektion einer Inszenierung von Körper in Licht und Schatten.

Bei Meister Cesari übet sich Caravaggio an Blumen und Früchten. Was ihn aber wirklich reizt, was ihn fordert, ist das Spiel mit der Hintergründigkeit von Erzählungen, das Schauspiel des Irdischen als Beispiel des Himmlischen, und sein Ego. Sie lassen ihn spielen, sich lustig machen. Hier, der Knabe mit dem Fruchtkorb etwa: Alltag und Schönheit, Vergänglichkeit und Sinnlichkeit, Licht und Schatten. Der Fruchtkorb als übertriebene Reminiszenz an die tägliche Aufgabe, die Ödnis des ewig Gleichen.

Michelangelo_Caravaggio_062
Michelangelo Merisi da Caravaggio ‚Knabe mit Fruchtkorb‘ um 1593

Und dieser Jüngling, dessen Anblick, dessen wilden Haare, verträumten Augen, sinnlicher Mund, die freie Schulterpartie und der feste Griff der rechten Hand alles in den Schatten stellt, alle Vergänglichkeit vergessen lässt. Aus dem Schlaglicht, dem starken Kontrast von Hell und Dunkel im Hintergrund des Gemäldes, tritt diese Büste hervor, und zieht in der Inszenierung alle Aufmerksamkeit auf sich und den Betrachter bis heute in den Bann. Wie lebendig dieser Körper wirkt, wie zufällig diese Momentaufnahme einer Bewegung, einer leichten Drehung des Halses, einer leichten Neigung des Kopfes, einer leichten Öffnung des Mundes, als würde gerade ein Wort in den Raum, uns entgegen, gesprochen. Und wie flach, wie leblos und künstlich perfekt dagegen die Früchte und Blätter im geflochtenen Korb. Auch auf sie mag das Licht fallen, wirklich zum leuchten bringt es aber nur diesen Jungen, Mario Minniti. Als Caravaggio 1606 Hals über Kopf aus Rom flieht, verlässt auch er die Stadt und geht nach Sizilien. Er unterstützt seinen Meister auf allen Irrwegen und Fluchten, und wird in ihm zeitlebens ein Vorbild für die eigene Kunst sein. Michelangelo Merisi, gennant Caravaggio, stirbt 1610 mit nur 38 Jahren. Mario Minniti wird ihn um dreißig Jahre überleben.