#1Tag1Text zu: Johannes Vermeer ‚Het Straatje‘, etwa 1658

Johannes Vermeers Tante verkauft hier Innereien. Vielleicht sehen wir sie gerade dort links, in der schmalen Gasse, genannt Penspoort (Kutteltor, Pansengasse), vielleicht sitzt sie gerade in der offenen Tür ihres Hauses, flickt ein Hemd, und schaut dabei zwei ihrer fünf Kinder beim spielen auf der gepflasterten Terrasse zur Straße zu, und sieht gar nicht wie ihr Neffe sie von der anderen Seite der schmalen Gracht, die die Straße hier der länge nach teilt, schon seit einiger Zeit beobachtet, Skizzen anfertigt, die Stimmung auf sich wirken lässt. Vielleicht steht sie bei ihm, während beide auf die Mägde bei ihrer Arbeit blicken.

Der Künstler selbst wohnte nicht weit entfernt, ebenso Mutter und Schwester. Dass dieses Haus überhaupt noch steht grenzt an ein Wunder. Nur wenige Jahre bevor Vermeer es auf Leinwand bannte, war Delft von einer gewaltigen Explosion erschüttert, und ein Drittel seiner innerstädtischen Gebäude in deren Folge zerstört worden. Unter dem Paardenmarkt, Luftlinie keine 500 Meter entfernt, war das geheime Schießpulverlager der holländischen Streitkräfte in Brand geraten und explodiert. Hunderte Einwohner kamen bei dem Unglück ums Leben und das Stadtbild bot einen grauenvollen Anblick aus Leichen, qualmenden Ruinen, Schutt und Verwüstung.

Vermeer
Johannes Vermeer ‚Het Straatje‘ um 1658

Hier, in der Vlamingstraat, hielten die meisten Gebäude der Erschütterung halbwegs unbeschadet stand. Ein paar Ziegel fielen herab, dort über den Durchgängen zum Hof, die Fassade bekam an der ein und anderen Stelle Risse, die in der Folgezeit sichtbar gekittet wurden. Vielleicht fielen einige der Giebelelemente herab, zumindest wirken auch sie an ihrer Basis wie neu aufgesetzt. Die bleiverglasten Fenster auf allen Etagen waren sicher neu, zumindest sind sie mit solcher Präsenz in diesem Gemälde, dass sie Teil der Geschichte zu sein scheinen, und im Erdgeschoss glänzt sogar ein noch recht neuer hölzerner Rahmen. Alles scheint nun wieder, vermutlich befinden wir uns im Jahr 1658, seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Aussenwände im Erdgeschoss sind noch recht frisch weiss getüncht, der rote Fensterladen scheint ebenso frisch gestrichen. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, Johannes Vermeer ist ihr Beobachter. Ob dies wirklich das Haus ist, das auf Höhe der heutigen Vlamingstraat 24 stand — so legen es akribische Recherchen seit 2015 nahe — oder ob Vermeer hier mit Versatzstücken aus Architektur und Genrebild Delfter Alltag seiner Zeit darstellt, wird vielleicht nie endgültig zu klären sein. Wir dürfen aber mit aller Phantasie den Geschichten folgen, die Vermeer in seinen so wenigen wie starken Gemälden erzählt.