#1Tag1Text zu: Joseph Mallord William Turner ‚The Burning of the Houses of Lords and Commons, October 16, 1834‘, 1834/35

Zu Tausenden standen sie am Ufer der South Bank wie auf der Westminster Bridge, zahlreich auch auf Booten auf dem Fluß, und schauten ungläubig auf das gegenüberliegende Ufer der Themse an diesem noch frühen Abend des 16. Oktober 1834. 

Im Innenhof des Palace of Westminster hatte es begonnen, erst sah man nur einen hellen Lichtkegel aus der Tiefe des Gebäudes, der sich aber schon bald die Wände hoch, entlang des Daches, über das ganze Gebäude kriechend, in ein loderndes und rauchendes Ungeheuer verwandelte, das mit seiner Flamme die Dunkelheit vertrieb und Hitze durch die Straßen und über den Fluß schickte, und mit seinem Rauch jeden anderen der ansonsten schon unerträglichen Gerüchte der Großstadt überdeckte, den Atem nahm und die Sicht nicht minder.

TurnerUnter den Schaulustigen, denn zu helfen gab es, allemal von dieser Seite, ganz augenscheinlich nichts — man war doch in erster Linie Zeuge von Ungeheuerlichem, von Gewalten aus brennendem, jahrhundertealtem Holz, glühendem Stein, schmelzendem Metall und der Auflösung einer langen, stolzen, aber vielleicht eben auch unvorsichtigen Geschichte — stand Joseph Mallord William Turner, damals 59 Jahre alt und vermutlich einer der bedeutendsten bildenden Künstler Englands dieser Zeit. Für ihn, den der Charakter von Licht, die Kraft seines Spektrums von zarter Sensibilität zu unerbittlicher Gewalt, so fasziniert hat, muss dieser spektakuläre Anblick bei allem Entsetzen überwältigend gewesen sein. Den ganzen Abend verbrachte er hier, Skizze um Skizze anfertigend, Zeugnisse schaffend für diesen Moment, und natürlich Vorlagen für ein Gemälde, das einmal für all dies stehen sollte, für die Flammen, den Rauch, die Gebäude, die Brücke, die Menschen, für die Geschichte, die des Tages und die einer Epoche, vor allem aber für das Licht an diesem Abend. Licht ist das Schauspiel der Bühne, um die er die Zuschauer im Halbkreis positioniert und sich in ihrer Mitte, auf einem Logenplatz, als wäre dies eine Theateraufführung. So wird der Palast zu einer Kulisse, die sich im Schattenspiel mit dem unbändigen Feuer langsam aber sicher auflöst, reflektiert und getragen vom sanft bewegten Wasser der Themse links und vom harten und kalten Stein der Brücke rechts. So mag es an diesem Abend in London ausgesehen haben, als im Westminster Palace die Kerbhölzer verbrannt wurden, und die Flammen der Schulden vergangener Zeiten die Gegenwart ergriffen. So jedenfalls hat Joseph Mallord William Turner es mit seinen Augen, seinen Farben und mit seinem Pinselstrich bezeugt und auf Leinwand gebannt.