#1Tag1Text zu: Vilhelm Hammershøi ‚Interior, Strandgade 30‘, 1899

Bald leere Zimmer, lange Flure, da ist eher Dunkelheit, durchbrochen vielleicht nur durch das Muster, das etwas Licht durch Sprossenfenster von Außen auf die Böden und die Wände wirft. Die Räume sind spärlich möbliert, hier ein Stuhl, ein Tisch, ein Sekretär, mal ein schlichtes Klavier, ein Bild, und immer wieder Türen und Fenster, wie Sinnbilder für Inneres und Äusseres. Viele der Gemälde von Vilhelm Hammershøi sind von einer Leere gleichsam erfüllt, die Melancholie sein kann und Einsamkeit.

Und wenn da Menschen sind, zumeist ist seine Frau Ida dabei das Modell, in diesen Räumen, dann sehen wir häufig nur ihre Rückansicht, als drehten sie sich demonstrativ von uns weg, als wollten sie nicht, dass wir wissen, was sie wissen, oder tun, oder was ihr Gesicht verraten könnte. Mensch, Raum, Fenster und Tür, Aussen und Innen: Vilhelm Hammershøi scheint Traumwelten und reale Welten im Motiv zu verbinden. So richtig zu entschlüsseln ist nicht, was gerade geschieht, und vielleicht ist es das, was die Melancholie trägt, die Leere und sichtbare Stille.

VilhelmHammershøi
Vilhelm Hammershøi Interior, Strandgade 30 1899

So scheint es auch in diesem fast schon meditativen Blick aus dem Fenster seiner Wohnung in der Strandgade 30 in Kopenhagen, in den Innenhof und auf die Wände und vor allen Dingen Fenster, die nun, von hier, die klaren und harten Strukturen und Flächen sind, die im Inneren diese lichten Schatten werfen. Nur wenig Sonne scheint in die Tiefe des Hofes zu gelangen. Der Durchgang zur Straße, die Treppe zum Eingang daneben, die Wohnungen im Erdgeschoss und im Ersten Stock, alles liegt in einer Dunkelheit, die eher von Dauer denn von vorübergehender Natur zu sein scheint. Die Wände scheinen feucht, leicht grünlich, die Luft etwas stickig, als würde es hier nie richtig warm und trocken. Von irgendwo aber – ist es direktes Licht, oder nur die Reflexion eines höhergelegenen Fensters etwa? – fällt ein Bündel Helligkeit auf einen geöffneten Fensterflügel, und bricht die Dunkelheit für einen Moment. Das Fenster ist nach Aussen geöffnet, und doch ganz Innen. Ganz wie die Interieurszenen  der Räume, so ist diese eben auch nicht auf eine Außenwelt gerichtet, sondern viel stärker, wie das Licht, eine Reflexion der Innenwelt, eine eher psychologische Studie am Beispiel dieses Hofes, dieses Blickes. Da ist Leere und Stille, und doch lässt sich der Mensch nicht vergessen, der das Fenster öffnet und Licht und Luft hineinlässt.