#1Tag1Text zu: Amedeo Modigliani ‚Elena Povolozky‘, 1917

Manchmal sind Traum und Traurigkeit ein und derselbe Ausdruck. Manchmal sind sie vielleicht sogar ein und derselbe Inhalt. Elena Povolozky träumt. Ihr Blick ist leicht gesenkt, in eine unbekannte Weite gerichtet, die mehr über die Tiefe zu erzählen vermag, aus der er kommt, als über den Punkt, den Wunsch, den Ort, die Zeit, die er trifft. Und in diesem Blick, der so abwesend scheint, und doch eine besondere Anwesenheit trägt, im wässrigen Grau der Augen, löst sich die Härte auf, die dieses Gesicht mit seinen klaren Konturen, dem kantigen Kinn, der prägnanten Nase, den großen Ohren, dem kräftigen Stirnbein und den streng zurückgekämmten Haaren bestimmen will. Ein spitzer, roter Mund scheint eine Emotion zu formen, und lässt sie doch nicht hinaus. Si bleibt eher die Andeutung der Gedanken, bei denen man den Kopf leicht schräg legt, als suche man Halt an der eigenen Schulter, die dann doch für den Moment ganz tief hinabgesunken ist, unentschlossen, ob aus Verzweiflung, oder Trauer, oder Resignation, oder einfach nur, um sich auszuruhen von der Last des Tages und der Gedanken, einfach nur, weil sie dem Blick in die Tiefe folgt. Der ganze Oberkörper scheint diesem Sog zu folgen, gelöst vom Stuhlrücken, die Arme vielleicht auf die Knie abgelegt, wir sehen sie nicht, auch, weil der dicke braune Mantel alles einnimmt wie eine große Decke, ohne Konturen, nur Fläche und Kontrast zum weissen Hemd mit blauer Schleife, dem dünnen weissen Hals und wieder hinauf zu diesem Gesicht, das in den Fokus drängt, alle Aufmerksamkeit hat, und doch so weit entfernt scheint.

Modigliani
Amedeo Modigliani Elena Povolozky, 1917

Was denkt Elena Povolozky, so generöse wie ambitionierte Freundin des Malers? Sie ist selber Künstlerin, für Modigliani aber vor allem eine Stütze in schwierigen Zeiten, hier, in Paris. Sie gibt ihm Geld und Essen, und dafür malt er sie, immer wieder. Vielleicht denkt sie an die eigene Zukunft, eigene Träume und Vorstellungen? Vielleicht hat sie ein Bild vor Augen, das noch nicht die Klarheit des Ausdrucks trägt, der sich in Gesichtszügen manifestieren kann. Alles ist unentschlossen, alles noch reine Idee. Modigliani malt sie, diesen Ausdruck, diesen Moment, und er scheint sie zu rufen: ‚ELENA‘, wach auf, schau mich an! Hörst du mir zu? Wovon träumst du gerade?