#1Tag1Text zu: Alexej von Jawlensky ‚Murnauer Landschaft‘, 1909

Man sollte früh aufbrechen, wenn man in die Berge will. Später am Tag wird die Sonne unerbittlich brennen, und ab einer bestimmten Höhe schützen einen keine Bäume mehr, kein Schatten bietet Kühle für eine kurze Rast. Noch ist Zeit für den Gang hinauf zur Hütte, ums dort mit Freunden den Tag zu genießen, bis schließlich die Schatten ihre Richtung gewechselt haben, und ein wenig Abendluft den Weg hinab kühlt. Dann aber werden sich die Farben der Natur geändert haben. Sie werden stumpfer sein, und sie werden fließen, von einer Form in die andere, weniger klare Grenzen haben und auch ganz mitgenommen scheinen vom Tag und von der Sonne.

Am Morgen, beim Aufstieg, sind sie noch ganz frisch und wild, voller Kraft aus der Nacht und der Ruhe. Ein ganz phantastisches Bild bietet sich einem, wenn man kurz einmal stehenbleibt und den Blick genießt, über Felder und Wiesen am Rande des Weges, über den Hang, hinab ins Tal und auf das Bergpanorama im morgendlichen Antlitz. 

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Alexej von Jawlensky, Murnauer Landschaft, 1909, Öl auf Pappe, 49,7 cm x 53,6 cm x 0,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

In Jawlenskys ‚Murnauer Landschaft‘ ist nichts wie gesehen und doch alles wie erlebt. So lässt sich diese Natur erfahren, die er jeden Tag für das wahrnimmt, was sie ist: eine ständige Wandlung der Farben, Formen, Flächen, eine ständige Abhängigkeit von den Jahreszeiten und dem Sonnenstand, den Witterungen und den eigenen Gefühlen. Das ist sie ihm viel mehr, ihnen allen, die in diesen Jahren hier arbeiten, ob Münter, Kandinsky oder Marc, und die beginnen, sichtbare Landschaft zu reduzieren, um der gefühlten Landschaft mehr Raum bieten zu können. Bei Jawlensky reichen die Autonomie wie die Kraft und Bestimmtheit des Ausdrucks geometrischer Formen und widersprüchlicher Farben an den Kubismus und seine Vorstellung der Darstellung im Bild. Und doch sind die Elemente in diesem Bild noch zu betiteln, Bäume und Masten, Straße und Wiesen, Berge und Himmel erkennbar, ein Landschaftsprofil erlebbar. Ein wundervolles, kraftvolles Bild mit einer eigenen, eigensinnigen, aber nicht fremden Geschichte, die nicht nur von der Schönheit und Wandlungsfähigkeit einer Landschaft erzählt, sondern auch und vor allem von der Vorstellungskraft, von Phantasie und von dem Gefühl, sich auf die Sinne verlassen zu können und zu dürfen, um so mehr zu erleben, mehr zu sehen, als nur das, wofür es Worte gibt.