#1Tag1Text zu: Lovis Corinth ‚Thomas und Wilhelmine‘, 1916

Wie mag das sein, einen Maler zum Vater zu haben? Und dann auch noch so einen berühmten?

Die Kinder von Lovis Corinth haben darüber Zeugnis abgelegt, und schon in diesem Porträt der beiden von 1916, Wilhelmine ist sieben und Thomas zwölf, scheinen sie auf diese Fragen eine recht klare und selbstbewusste Antwort zu geben.

Die beiden sind ein eingespieltes Team, und sie wissen, worauf sie sich einlassen. Denn der Vater wird verlangen, dass sie ruhig stehen, möglichst lange. Einige Tage wird es dauern, bis ein solches Bild fertig ist. Wilhelmine holt sich Beistand von ihrer Puppe Ilse auf der einen und der Hand des Bruders auf der anderen Seite. Der erwidert ihren Wunsch nach Nähe, ganz großer Bruder, und sucht doch selbst, und aus Ermangelung einer Puppe, mit der anderen Hand eine Stütze und Halt an der Hosentasche.

Lovis_Corinth_Thomas_und_Wilhelmine_1916
Lovis Corinth Thomas und Wilhelmine 1916

Die Blicke gelten ganz dem Vater, der sie auch als genau diese Blicke auf die Leinwand bannt. Es sind seine Kinder, das wird klar, und in den Blicken liegt auch Vertrauen und Zuneigung, bei aller Strenge, die gefordert wird und sichtbar ist. Ein wunderbares Spiel mit Größen, Formen und Farben, mit den Mustern von Kleid, Hose und Hintergrund, den aufstrebenden und waagrechten Linien, der Akzentuierung der Gesichter, dem schnellen Strich des Pinsels auf den Flächen, den einfachen Strukturen von Falten. Eine Einfachheit äusserster Lebendigkeit, in der man auch die Veränderungen im Prozess wahrnimmt, wie die rechte Hand Wilhelmines etwa, die, vom Rücken der Puppe hinabgerutscht, sie jetzt dort haltend, aber immer noch hinter einem wilden schwarzen Fleck an ihrem ursprünglichen Ort sichtbar scheint. 

Als nun schließlich das leicht überlebensgroße Porträt nach einigen Tagen, mitten in der Woche wird es gewesen sein, vollendet ist, kommt Wilhelmine mit einem Entschuldigungsschreiben des Vaters zurück in die Schule, wie sie Jahre später erinnert: ‚Aus technischen Gründen‘ hätte es nun einmal ohne Unterbrechung vollendet werden müssen. Das Gemälde hatte Prioriät, und wenn dafür — zumindest für die Tochter — ein paar Tage Schule ausfielen: wer wollte sich darüber beschweren, und darüber, dass der Vater Maler ist?!