#1Tag1Text zu: Vincent van Gogh ‚Schlafzimmer in Arles‘, Oktober 1888

Vincent van Gogh (30. März 1853 – 29. Juli 1890)

Nun ist auch der Freund gegangen. Das gelbe Haus liegt still, und die Erinnerung ist eine Befreiung von Last vergangener Monate. Kein Absinth mehr, kein Wein, die klebrig dunklen Kreise auf den Holztischen am Tag danach, und kein Pfeifen- oder Zigarettenrauch mehr, den die frische Morgenluft aus den verschlafenen Räumen treiben muss, der dicke Mantel an der Garderobe fehlt, wie die hohen Stiefel, das hallende Lachen und der wütende Bass. 

Alles ist Einsamkeit, die Straßen leer, die Plätze, die Wege hinaus aus der Stadt, die Bäume kahl, die Felder braune Flächen entlang morastiger Straßen. Die Menschen schauen auf den Boden wenn sie sie sich begegnen und sie wechseln die Seite, wenn sie ihn sehen. Dieses Alleinsein ist ein Schatten, eine Last, ein Unverständnis und ein ewiges Fragezeichen. Was war geschehen? Was hat die Freunde in die Verzweiflung der Entzweiung getrieben? Woher die Wut, das Unvermögen sich zu bleiben, sich zu helfen, sich zu stützen? Ein Rätsel, das Ohr, das Bordell, die Fremde, die Liebe, Sehnsucht, Sucht, Verzweiflung.

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Vincent van Gogh (1853 – 1890) Schlafzimmer in Arles, Arles, Oktober 1888 Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)

Es bleibt in diesem Januar 1889 die Erinnerung an den vergangen Herbst und die Erkenntnis ‚Lorsqu’après ma maladie je revis mes toiles, ce qui me semblait le mieux etait la chambre à coucher‘. Der Bruder weiss so viel mehr über die Stürme in der Seele, und doch wird er nie genügend wissen. Dieses Schlafzimmer war für einige Zeit ein Zuhause. Es war Zuflucht und Ruhe, nur die Dinge, die Bedeutung hatten, waren dort, und eine schwere Decke und weiche Kissen. Manchmal ist der Schlaf die einzige Zuflucht, die bleibt, die einzige Einsamkeit, die schadlos ertragen werden kann. Der Hut ist abgelegt, die Sonne ist bereits ein Traum und ein Wunsch, und der Blick fällt auf die Innenwelt, das was ist, und das was geschaffen wurde, ein Blick in die Landschaft und auf zwei Gesichter, ein Blick auf das, was tägliche Routine war, und auf das, was es bald nicht mehr geben wird. Würde man die Fensterladen öffnen, der Blick viele auf den großen Platz vor der Tür, der an vielen warmen Abenden und in den Cafés dort so voller Leben unter einem südfranzösischen Sternenhimmel war. Von all dem bleiben die traumhaftesten Bilder, die Blumen, die Felder, die Gesichter, die Stadt, dieses Zimmer, so viele Male. Von all dem bleibt immer mehr als nur die ewige Suche.