#1Tag1Text zu: Eugène Buland ‚Flagrant délit‘, 1893

Keiner der Anwesenden scheint wirklich zu bereuen, was vorgefallen ist. Ohnehin lässt sich ja nur schwer ausmachen, was da überhaupt war. Und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig…

In der Mitte sitzt der Wildhüter. Wie bezeichnend, dass gerade er sie erwischen musste. Vielleicht waren sie etwas unvorsichtig, etwas zu ungestüm und laut? Vielleicht war der Hochsitz allemal keine so gute Idee für dieses Treffen? Aber er schien die beste, und überhaupt einzige Möglichkeit sich nah zu sein, ohne dass gleich die Eltern aufmerksam würden. 

Bauland
Eugène Buland Flagrant délit 1893

Der Junge, gerade kommt er von der harten Arbeit, die Anstrengung noch unter den Nägeln, und das Mädchen, gerade noch an der Spüle der Küche, begegnen sich am Fenster, das er passiert. Wie schon so oft. Ein kurzer Blick, wie immer, und Sehnsucht und Lust. Und dann hält sie nichts mehr und dann laufen sie hinter dem Haus in den Wald, an die nahe Lichtung, es ist helllichter Tag, sie denken sich natürlich allein. Und eigentlich ist ihnen das auch ziemlich egal, sie haben jetzt nur Augen für sich, und irgendwann ist es immer Zeit für dieses Risiko. Den Wildhüter kennen sie. Ein so pflichtbewusster wie liebenswerter Mann. Die Sorte Härte, die Güte in sich trägt, und die Erinnerung an die eigene Jugend. Er zieht sie an den Ärmeln hierher, wo sie warten müssen, bis sie befragt werden. Und bis die Eltern kommen, das ist dem Mädchen vielleicht am unangenehmsten. Und der Junge? Der ist in Gedanken doch noch auf dem Hochsitz, träumt sich dort nur einige Zeit weiter und gibt ja nicht die Hoffnung auf sie auf, nur weil er jetzt hier sitzt. Eigentlich ist für alle drei alles gut. Allen stehen die Gedanken ins Gesicht geschrieben. Die Szene wirkt wie ein Dokumentarfoto, und ist dies doch mit den Mitteln der Malerei. Eugène Buland ist Meister der Darstellung realistischer Alltagsszenen, Chronist der Menschen in seinem Umfeld. Nicht die Arbeit steht im Mittelpunkt, sondern das Leben abseits davon. Und es gibt auch kein Urteil, keinen Hinweis auf den eigenen Standpunkt. Die Momentaufnahme muss für sich stehen und alles erzählen. Wir sehen die Augen und Hände, die Haare, den Schweiß, die roten Wangen, wir sehen Äußerlichkeiten, und doch sehen wir in der Kühle auch die Seelen und Geschichten der Beteiligten.