#1Tag1Text zu: Julia Margaret Cameron ‚Mrs. Herbert Duckworth‘, April 1876

Strenge und Sanftheit, Stärke und Verwundbarkeit, und bei allem Sicherheit und Entschlossenheit.

Julia Margaret Cameron fotografische Büste von 1867 ist die Abbildung von Fläche, Form, Struktur, von Material in Wirkung auf und durch Licht und Schatten, ein Porträt als Statement.

Wie wundervoll eingefasst in das Oval des Passepartouts und den Halbkreis des aufwändigen Kragens, ein Schmuck, ein Ornament, sich der Kopf über die strengen Haare und die feinen Reflexe aus hellen und dunklen Linien gleich dem Wechsel von hell und dunkel am Ohr, am Hals, aus der Tiefe bewegt, und alles über das halbgeschlossene aber bestimmt, gewollt, bewusst schauende Auge, das kräftige, runde, sanfte Kinn und die festen, geschlossenen Lippen zuläuft auf und über den Nasenrücken zur Nasenspitze, gleich einer Landschaft hinter einem leichten Schleier nebliger Luft. Die sanft die Konturen verhüllende Unschärfe gibt dem Porträt eine bald mystische Tiefe, die den Blick anzieht und ihn von den scharfen Rändern des ovalen Rahmens immer wieder in die möglichen Erzählungen des Motivs zurückwirft, im Wunsch nach Halt in den Schatten- oder Lichtflächen, entlang des Ungefähren, des Unnahbaren, einer Geistererscheinung, die vielleicht gleich wieder in der Dunkelheit oder einer reinen Vorstellung verschwindet.

2001.59 - Mrs. Herbert Duckworth
Julia Margaret Cameron Mrs. Herbert Duckworth April 1876

Und da ist noch dieses seltsame Wiederkennen. Gleich beim ersten Blick. Aus den Konturen, aus diesem Profil, aus der Kraft und Gewissheit des Charakters formt sich ein Name: Virginia Woolf.

‚The Graces assembling seemed to have joined hands in meadows of asphodel to compose that face‘

beschreibt eben jene auch die Schönheit und Stärke, die in diesem Porträt strahlt, dem Abbild einer der begehrtesten Frauen ihre Zeit, der eigenen Mutter, geschaffen fünfzehn Jahre bevor sie selbst geboren wird, begehrt von Künstlerinnen und Künstlern, begehrt von Frauen und Männern, Motiv von Fotografinnen und Malern. 

1927 setzt sie ihr, Julia Prinsep Jackson, der Nichte der Fotografin, mit diesen Worten ein Denkmal in einem ihrer Werke, ‚To the Lighthouse‘.

Julia Margaret Cameron wurde die bedeutendste Fotografin des viktorianischen Zeitalters. Sie, die erst mit bald fünfzig zu fotografieren begonnen hatte, verstand ihre Arbeit als künstlerische Handlung. Damit war sie nicht nur ihrer Zeit, sondern mit großem Selbstbewusstsein immer auch den Kritikern voraus, die ihr vorwarfen, ihr Handwerk nicht zu verstehen. Ihre Porträts sind mystische Geschichten und das whoiswho der Zeit. Ihr Haus war Salon und ihre Kamera ständiger Begleiter.